poetry news

Für die FR (27.11.02) bespricht ROLF-BERNHARD ESSIG:

SAID
Außenhaut Binnenträume
Neue Gedichte
Verlag C. H. Beck, München 2002, 100 Seiten, 14,90 Euro

In der gleichen Ausgabe schreibt Yaak Karsunke über Thomas Brasch´ Nachlaßgedichte:

Thomas Brasch
Wer durch mein Leben will, muss durch mein Zimmer
Gedichte
Herausgegeben von Fritz J. Raddatz und Katharina Thalbach
Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 2002, 204 Seiten, 16,90 Eur o

Gegenkulturen

In der Süddeutschen Zeitung porträtiert Markus Mathyl die hierzulande gefeierte russische Dichterin Alina Wituchnowskaja als Teil einer „nationalistischen Gegenkultur“:
Ihre Antwort: „Lieber in der Heimat im Gefängnis als ein freies Leben im Westen“ gefiel dem Interviewer so sehr, dass er sie als Titel wählte. Der zynische Doppelstandard einer gerade erst auf Druck vieler Menschenrechtsorganisationen Freigelassenen sollte nicht ausschließlich provokativ oder opportunistisch verstanden werden. Eher ist er Ausdruck eines das Umfeld Wituchnowskajas stark beeinflussenden elitären Faschismus, der sich, in Anlehnung an den italienischen faschistischen Theoretiker Julius Evola, zentral um die Begriffe Rasse, Elite und Hierarchie bewegt, dabei klar zwischen den zur Freiheit Auserwählten und den zum Dienen Geborenen unterscheidet und letztlich die Herrschaft einer faschistischen Kriegerkaste „wiederbeleben“ will. / SZ 26.11.02

Poetry from a mummy: die Erfindung des Gedichtbandes

Über einen der glücklichsten Neufunde antiker Texte berichtet ein Artikel der New York Times *) am 26.11.02. Grabräuber hatten eine Mumie gefunden und gestohlen. Eine Papyrusrolle (Mumien wurden mit gebrauchten Papyrusrollen ausgestopt) mit griechischen Gedichten tauchte auf dem europäischen Kunstmarkt auf und befindet sich heute in der Universität Mailand, die die Texte im vergangenen Jahr veröffentlichte. Es handelt sich um das älteste überlieferte Lyrikbuch aus der griechischen Antike, offensichtlich ein zum Lesen bestimmtes, sorgfältig komponiertes Buch mit 112 Epigrammen von Poseidippos aus dem 3. Jh. v.Ch. – davon 110 (! bisher waren nur etwa 20 kurze Gedichte des Autors bekannt) bisher unbekannte Texte. Anders als bisher bekannte Texte des Autors handeln die Gedichte nicht von Wein und Liebe – es sind didaktische Gedichte. Poseidippos wollte, sagt ein Forscher, das didaktische Epigramm erfinden – aber das Publikum nahm die Erfindung nicht an.
Hier eins der bislang bekannten Epigramme des Dichters (aus der viel später zusammengestellten „Griechischen Anthologie“):

Spende uns reichlich vom Tau des Bakchos, kekropische Flasche,
Tropfen seien geweiht unserem neuen Beschluß!
Nichts mehr von Zenon, dem weisen Schwan, und dem Dichter Kleanthes!
Leiten soll mich als Herr Eros, so bitter wie süß.

Der NYT-Artikel bietet online auch ein Bild des Papyrus und einige Texte.

This poem was previously unknown:

Wherever you hold Pythermos the good, who died
under the chill of Capricorn, cover him lightly,
black Earth. But if it’s you, Father of the Sea, who keep him
hidden, put him out now, intact, on the bare sand
in full view of Kyme [a place], giving, as you should, the dead man,
O Master of the Sea, back to his native land.

Mehr über die Papyri und den Autor:

Meldung auf Telepolis / Univ. of Cincinatti News / National Geographic / The Chronicle 29.11.2002 / View the Entire Scroll ( (large image — 832k ) / Faksimile / Provisional translations of some of the epigrams by Mary R. Lefkowitz, Wellesley College / Poetry Archive / Greek anthology – Mackail´s text / Poseidippos in meiner Anthologie (Namen suchen)/ Poseidippos-Statue / Dolce Italia – Nachricht, deutsch /

Kampf der Kulturen

Die Berliner Zeitung spricht mit dem libanesischen Dichter Abbas Beydoun:
AB: Die arabische Kultur ist von einem tiefem Zweifel und Selbsthass befallen. Ihrer eigenen Ansicht nach ist sie unreif, unvollständig und nicht ursprünglich. Außerdem gerät sie oft in einen Widerspruch zwischen ihrem westlichen Fundament und ihren antiwestlichen ideologischen Zielen.

BZ: Der Widerspruch liegt also in der arabischen Kultur selbst?

AB: Tatsächlich findet der Kampf der Kulturen innerhalb der arabischen Kultur selbst statt. Wir befinden uns in einem Zustand der Schwebe, wir treten auf der Stelle. Wichtig wäre jedoch, dass wir uns selbst akzeptieren, dass wir unsere Schmach – wenn man die Kapitulation vor dem Westen als solche bezeichnen kann – so annehmen, dass 150 Jahre genügen, um Geschichte zu konstituieren. Wir können nicht so tun, als ob die Geschichte nicht stattgefunden hätte und von vorne anfangen. /BZ 26.11.02

Abbas Beydoun liest heute (26.11.02) um 19 Uhr zusammen mit Michael Kleeberg, moderiert von Navid Kermani, im Haus der Kulturen der Welt.

Natürlich die Schweizer!

Die Literatur haben die Schweizer zwar nicht erfunden, doch gewinnt man beim Lesen den Eindruck, viele Autorinnen und Autoren hierzulande seien daran, ihre Stimme zu (er)finden.

Schreiben die Schweizer. Und das Buch dazu heißt: Natürlich die Schweizer! / St. Galler Tagblatt 25.11.02 (wo es auch einen Beitrag über Florian Vetsch gibt).

Reto Sorg; Yeboaa Ofosu (Hrsg.): Natürlich die Schweizer! Aufbau Verlag, Berlin 2002, Fr. 14.20

Hauptstadt der Poesie

Gibt es irgendwo auf dieser Welt eine zweite Dichterin wie diese? Eine, deren jedes in der Presse erschienene Gedicht zum Ereignis und jeder Gedichtband zum Fest für die Liebhaber der Poesie wird? Eine, die allen Moden widersteht und stets sie selbst bleibt?“ Diese euphorischen Fragen, mit denen einst der polnische Poet Stanislaw Baranczak seine ältere Kollegin und Nobelpreisträgerin von 1996, Wislawa Szymborska, feierte, dürfen sich die Bewunderer ihrer Dichtkunst seit ein paar Wochen wieder stellen: Neun Jahre lang mußten sie auf einen neuen Gedichtband der Krakauer Lyrikerin warten. Nun ist er endlich da, trägt den Titel „Augenblick“, besteht aus nur dreiundzwanzig Gedichten und löst bei der polnischen Literaturszene neue Begeisterungsstürme aus. Es sei, jubeln die Kritiker, immer noch die gleiche, unverkennbare Dichterhandschrift, zu der Knappheit der Form und Präzision des Ausdrucks, Abstraktion und Konkretheit, Nachdenklichkeit und intellektueller Scharfsinn gehören. / Marta Kijowska, FAZ 25.11.02

Apti Bisultanov

Die SZ interviewt den tschetschenischen Dichter und Widerstandskämpfer Apti Bisultanow:

SZ: Sie sind Dichter, wobei Sie stets auf tschetschenisch und nie auf russisch geschrieben haben, waren Politiker, haben bei den Widerstandskämpfern gelebt – viele Leben für einen Mann.

Bisultanow: Ich kann eines nicht vom anderen trennen. Zu Sowjetzeiten wurde über mich als Herausgeber und Autor Berufsverbot verhängt, die Perestroika hat mich gerettet. Aber so hoch ich die Kunst schätze – wenn über eine Gesellschaft die Katastrophe hereinbricht, kann ein Künstler nicht abseits stehen. Ich habe den Widerstand immer unterstützt. In einer Welt, in der alles verloren ist, gibt es Menschen, die bereit sind, für die Gerechtigkeit zu kämpfen, in irgendeinem Lager, mit der Waffe in den Hand. / SZ 25.11.02

Sieben Himmel

Wie anders geht da Michael Donhauser, nun durch Rheinhessen. Er geht, wie er schreibt, durch eine Textlandschaft; und wir lesen mit ihm eine glücklich mit der Geliebten durchlebte Ortlosigkeit. Donhauser erwandert sich, was es gibt, enthält sich, anders als es beispielsweise Handke in früheren Texten getan hat, weiterreichender Folgerungen. Ihm ist die Landschaft, wie er schreibt, „in Zeilen angelegt“. Wer hier einen Himmel finden will, muss lesen können, in der wunderbar matt-melancholischen, in der verführerischen Sprache Michael Donhausers.

Norbert Hummelts Melodien über den Hunsrück stammen ebenfalls aus der Jugendzeit. Sie transponieren die Stimmen von stummen Wesen, von Forellen und gar von Apfelsaft in Verse und in Prosastücke. Eichendorff ist bisweilen sein Begleiter, dessen Verse, schreibt Hummelt über diese glückliche Allianz, haben ihn noch nie betrogen. Ähnlich dem Vorsatz bei Michael Donhauser ist alles aufgrund seiner Zeichenhaftigkeit gegenwärtig, kann alles Schrift sein. Die Natur von Hummelts Autorschaft kennt Rhythmen, Schwingungen und Laute. In dieser Resonanz treten wir in einen Kindheitsgarten, in dem die Allmacht großer Nähe herrscht, Nähe zu den Fliegen und den Steinen, zu Blicken, Schreien und Erinnerungen, um die es heute auch hier geht: „ich weiß nicht ob ich jung bin oder alt“, unter diesem Himmel, der das ganze kleine Buch zu tragen imstande ist, in diesen Gedichten herrscht die Macht der Gleichzeitigkeit, die alles sieht, durchaus mit einem Zittern, und nichts vergisst. / Guido Graf, FR 23.11.

Gregor Laschen (Hrsg.): An die sieben Himmel. Lyriker und Erzähler besuchen sieben Landschaften. Verlag Das Wunderhorn, Heidelberg 2002, 93 Seiten, 14,90

Sieben Himmel

Wie anders geht da Michael Donhauser, nun durch Rheinhessen. Er geht, wie er schreibt, durch eine Textlandschaft; und wir lesen mit ihm eine glücklich mit der Geliebten durchlebte Ortlosigkeit. Donhauser erwandert sich, was es gibt, enthält sich, anders als es beispielsweise Handke in früheren Texten getan hat, weiterreichender Folgerungen. Ihm ist die Landschaft, wie er schreibt, „in Zeilen angelegt“. Wer hier einen Himmel finden will, muss lesen können, in der wunderbar matt-melancholischen, in der verführerischen Sprache Michael Donhausers.

Norbert Hummelts Melodien über den Hunsrück stammen ebenfalls aus der Jugendzeit. Sie transponieren die Stimmen von stummen Wesen, von Forellen und gar von Apfelsaft in Verse und in Prosastücke. Eichendorff ist bisweilen sein Begleiter, dessen Verse, schreibt Hummelt über diese glückliche Allianz, haben ihn noch nie betrogen. Ähnlich dem Vorsatz bei Michael Donhauser ist alles aufgrund seiner Zeichenhaftigkeit gegenwärtig, kann alles Schrift sein. Die Natur von Hummelts Autorschaft kennt Rhythmen, Schwingungen und Laute. In dieser Resonanz treten wir in einen Kindheitsgarten, in dem die Allmacht großer Nähe herrscht, Nähe zu den Fliegen und den Steinen, zu Blicken, Schreien und Erinnerungen, um die es heute auch hier geht: „ich weiß nicht ob ich jung bin oder alt“, unter diesem Himmel, der das ganze kleine Buch zu tragen imstande ist, in diesen Gedichten herrscht die Macht der Gleichzeitigkeit, die alles sieht, durchaus mit einem Zittern, und nichts vergisst. / Guido Graf, FR 23.11.02

Gregor Laschen (Hrsg.): An die sieben Himmel. Lyriker und Erzähler besuchen sieben Landschaften. Verlag Das Wunderhorn, Heidelberg 2002, 93 Seiten, 14,90

Im Glück und anderswo

Für die NZZ (23.11.02) bespricht Hans Christian Kosler:

Robert Gernhardt: Im Glück und anderswo. Gedichte. S.-Fischer-Verlag, Frankfurt am Main 2002. 285 S., Fr. 33.60

Ein grosser Dichter?

Ein globaler auf jeden Fall. Alles wollte Ginsberg mit allem verknuepfen in seinen uferlos sich verstroemenden Gedichten, alle Kulturen, Zeiten… Ezra Pound mit der Beat-Lyrik, juedische Tradition mit der Weisheit des Buddhismus. So schrieb er um die Welt. Und so nehmen die Autoren dieses Bandes (Amerikaner, Europaeer, eine Japanerin) in ihren Texten Abschied von ihm wie von einem Mitreisenden, der zurueckblieb, am 5. April 1997 in Manhattan – um in neue Welten aufzubrechen. / Benedikt Erenz, Zeit-Newsletter 23.11.02

Texte zum Tod von Allen Ginsberg, hrsg. von Florian Vetsch
Der Sanitaeter 9/02; Verlag Peter Engstler, Ostheim 2002
ISBN 3-929375-31-1; 108 S., Abb., 9 Euro

Gedichte zum Sonntag

Rolf Schneider stellt in seiner Berliner Anthologie vor: Richard Pietraß: Grenzfriedhof (Schneiders Kommentar über die „Sächsische Dichterschule“ ist – anders als das Gedicht – mit Vorsicht zu genießen!)./ Berliner Morgenpost 23.11.02 – In der NZZ gibts Mallarmés „Die Heilige“. – Und in der FAZ Karl Valentin: Die Lorelei.

Autoren aus Bremen

Der Bremer Donat Verlag und der Autor und Kaufmann Volkert Koch planen ein ehrgeiziges literarisches Projekt. Volkert Koch möchte als Herausgeber dieses Buches darin Beiträge von Nachwuchsautoren und von bereits anerkannten Schriftstellern und Lyrikern aus dem Land Bremen und dem niedersächsischen Umland vereinen. Sein Ziel: Jedem literarisch Interessierten, aber auch der „kreativ schreibenden Szene“ soll mit diesem Buch die Vielfalt in qualitativer und quantitativer Hinsicht vor Augen geführt werden. Erwünscht sind bis zum 31. Dezember kurze Texte in deutscher, plattdeutscher oder englischer Sprache, die ein bis fünf Buchseiten lang sein sollten. Die Auswahl unter den anonymisierten Einsendungen trifft eine siebenköpfige ehrenamtlich tätige Jury von Autoren und Lektoren. Nähere Informationen erhalten interessierte Autoren bei V.J.P. Koch, Postfach 11 02 68, 28082 Bremen

/ 21.11.02

Erich-Fried-Preis für Oskar Pastior

Der Lyriker Oskar Pastior erhält in diesem Jahr den Erich-Fried-Preis. Der in Rumänien geborene und in Berlin lebende Dichter wird den mit 14.500 Euro dotierten Preis am Sonntag (24. November) in Wien vom österreichischen Kunst-Staatssekretär Franz Morak entgegen nehmen, bestätigte das Literaturhaus Wien. Die Laudatio hält Kulturstaatsministerin Christina Weiss (parteilos), die noch vor ihrem Amtsantritt zur Jurorin bestellt worden war.

«Ich möchte denjenigen ehren, dessen Worte mir die deutsche Sprache neu entdeckt haben», begründet Weiss ihre Wahl für Pastior. Den Lyriker, der am 20. Oktober 75 Jahre alt geworden ist, bezeichnet sie als «einen der jüngsten Dichter deutscher Sprache», wenn man bedenke, «dass er quellengleich Sprache immer wieder neu erfindet». Er locke seine Leser in Sprachlandschaften, die mit zauberischen Kräften fantasievolle Welten im Kopf entstehen ließen. / Frankfurter Neue Presse 21.11.02

Paulin

Nun darf er doch lesen. Wie die NYT berichtet, hat Harvard den irischen Dichter Tom Paulin erneut eingeladen.

„The purpose of a university is to see a variety of points of view,“ said Patrick Cavanagh, a psychology professor who signed a petition calling for Harvard to divest from companies doing business in Israel. „Here’s a man who’s a wonderful poet, and if his politics are more controversial, that’s really beside the point.“ / NYT *) 21.11.02