bespricht ANDREAS PUFF-TROJAN in der SZ (2.12.02)
TED HUGHES: Etwas muß bleiben. Gedichte. Englisch und deutsch. Mit einer Gedenkrede von Seamus Heaney. Aus dem Englischen von Jutta und Wolfgang Kaußen. Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 2002. 200 Seiten. 14,80 Euro.
TED HUGHES: Prometheus auf seinem Felsen. Gedichte. Englisch und deutsch. Aus dem Englischen von Jutta Kaußen. Mit einem Bilderzyklus von Eva Clemens. Insel Verlag, Frankfurt am Main und Leipzig 2002. 96 Seiten. 13,80 Euro.
Einen Tag zuvor entdeckte die NYT *) eine neue Seite an Ted Hughes. In dieser Ausgabe:
SELECTED POEMS, 1957-1994
By Ted Hughes.
333 pp. New York: Farrar, Straus & Giroux. Cloth, $35. Paper, $15
Empfehlenswert auch die Featured Author -Seite der NYT.
„Poetry readings“ boomen in den Staaten, und das droht noch zuzunehmen nach der Millionenspende für das Poetry magazine. Aber ist das wünschenswert?
But anyone who has sat through the typical poetry reading — the recitation of difficult verse in a strange, singsongy voice; the rambling preamble about the experience that led to the epiphany that led to the idea that led to the poem; the knowing murmurs that accompany the hint of a joke, whatever the punch line — understands why George Orwell, in his essay “Poetry and the Microphone,“ called the live reading a “grisly thing.“ …
Poetry readings don’t have to be grisly. A skillful reader plus a knowledgeable listener can add up to an instructive encounter. The critic Helen Vendler says that when good poets read, “what is transmitted is not only an individual style of thought but an individual intonational style“ that sharpens her sense of how a poet relates to his own work and makes her aware of new inflections. But few of us have read as much poetry as Vendler, and relatively few American poets know how to avoid the pitfalls of reading aloud (British poets tend to be more adept at public presentation). The most common of these is the tendency to lapse into a sort of quivering, nasal incantation, in which the voice trails upward, uncertainly, at the end of a line. This mannerism lends an oracular cast to much modern poetry, as if the poets were delivering dire prognostications or trying to awaken in the masses some sense of religious awe. But this “poetry voice,“ as one poet I know calls it, is actually the result of a technical error. It came into the world with the kind of free verse William Carlos Williams made popular, which, since it features lines broken in unexpected places, leaves the reader unsure where to pause. (Williams himself didn’t read that way until after he’d had a stroke.)
/ Judith Shulevitz, NYT *) 1.12.02
Die NYT *) (1.12.02) bespricht die Geschichte des durch Geldsegen in die Schlagzeilen geratenen Poetry magazine (vgl. Lyrikzeitung 11/2002). Eine Zeitschrift, die noch in ihren Absagen Erfolg hat – hat sie doch nicht nur die jetzige Großspenderin abgelehnt, sondern auch die ersten Einsendungen von William Carlos Williams, John Ashbery oder Elizabeth Bishop. Die Gründerin Harriet Monroe an Ezra Pound:
“It is true that a lot of our versifiers think they must talk in Tennysonian or Elizabethan, but if you could see the letters we write them you will realize that we are trying to train them out of that.“
Vokale mit Farben zu verbinden, war, wie John Gage gezeigt hat, seit dem zweiten Drittel des 19. Jahrhunderts im Kontext der «audition colorée» beziehungsweise des «Farbenhörens» ein Phänomen, das zunächst Psychologen und dann auch bildende Künstler nachhaltig interessierte; für die Letzteren ging ein wesentlicher Stimulus seit den siebziger Jahren des 19. Jahrhunderts von Arthur Rimbauds Gedicht «Voyelles» aus. Klee kannte das Werk des französischen Dichters. Zu Weihnachten 1913 hatte er eine deutsche Ausgabe der Dichtungen von Rimbaud seiner Frau persönlich gewidmet. Im ersten Vers des Gedichtes «Vokale» schreibt Rimbaud den fünf Vokalen folgende Farben zu: «A schwarz, E weiss, I rot, U grün, O blau». Klees Auflistung im «Skizzenbuch Bürgi» liest sich wie eine kritische Adaption von Rimbauds Erfindung. Klee ging von den gleichen Farben wie der Dichter aus, ergänzte allein den Farbton «lichter Ocker», ordnete diesen dem Vokal a zu, und in der Folge übertrug er die von Rimbaud gewählten Farben in der gleichen Reihenfolge auf die folgenden vier Vokale, vertauschte dabei allerdings o mit u. In zwei Fällen verkehrte er durch seine Verschiebung die Zuordnung von Rimbaud direkt ins Gegenteil: Er assoziierte e mit Schwarz statt Weiss und o mit Rot statt dem komplementären Farbton Grün. / NZZ 30.11.02
/ 30.11.02
Anna de Noailles (1876-1933) Der Frieden (NZZ 30.11.02) – – – Anna Achmatowa: Letzter Tag in Rom. (ebd.) – – – Vittorio Sereni: Anni Dopo (ebd.)
Als Lyriker ist Nabokov bisher kaum wahrgenommen worden, vielleicht deshalb, weil er sich der Moderne konsequent verweigert und eher bei klassischen Vorbildern angeknüpft hat, die er mit bisweilen pedantisch wirkendem Eifer, wenn auch mit höchstem Kunstverstand nachahmte.
/ Felix Philipp Ingold über den Band «Stichotvorenija», Sankt Petersburg 2002, der nebst exakt 597 Gedichten rund 100 Seiten Kommentar sowie, als eigenständigen Forschungsbeitrag, ein umfangreiches Vorwort enthält. NZZ 30.11.02
Der da spricht, ist ein Querstromschwimmer:
Gewagt das Überqueren gewagt meine Stimme der breite Strom
Der sensible Beobachter geht ein in die Flusslandschaft:
Da ein Ufer dort ein anderes auch nicht meines mit weicher Kreide gezeichnet Lastkähne Rebzeilen badisches Land Herbstgerüche wagen sich über Grenze und Wasser und setzen sich zu mir nah zu mir als seien wir seit langem befreundet
/ Irène Bourquin, Landbote 30.11.02 über den Maler und Lyriker Werner Lutz (Basel).
Werner Lutz: «Schattenhangschreiten», Gedichte, Verlag Im Waldgut, Frauenfeld 2002, 87 Seiten
Der Landbote Winterthur (29.11.02) schreibt über den in Riga geborenen Lyriker Walter Neumann:
Die vergebliche Heimatsuche und das Erlebnis der Vernichtung lassen Neumann eine übermächtige Kraft erahnen, welche die Ursprungssuche zu einer lyrischen – und das heisst: transzendenten – Suche nach sich selbst macht: «Insel im Strom / der fressenden Zeit. // Noch ist sie (…) nicht bedeckt mit zerstörtem Leben, // (…) Im Zeitsprung / schliessen wir Risse, / heben Fallendes auf. // Noch trägt uns der Strom. // Noch hat uns die Zeit nicht eingeholt» (aus: «Der Flug der Möwen», Heiderhoff Verlag). Kann also der Einzelne gegen die Übermacht der Zeit ankommen, um zu sich selbst zu finden? Er kann: Mit «Wortnetzen» ist das Menschliche – das Gute wie das Böse – aus dem Zeitstrom zu fischen und es zu einem Ganzen zusammenzutragen, das neue Lebensaussichten eröffnet.
In einem Brief an die NYT*) (29.11.02) reicht Helen Vendler, professor of English at Harvard university, eine Stellungnahme von Tom Paulin nach:
„Whatever was said in my lengthy exchange, the views I hold on the situation in the Middle East, and on the need to oppose all forms of anti-Semitism, have been made clear in the statement I issued to The Daily Telegraph. This reflects my lifelong commitment to fighting racism in all its forms. I fully understand that some of what was reported in the original article is deeply offensive to all right-thinking people. My quoted remarks completely misrepresent my real views. For that, I apologize.“
Denn mit wachsender Begeisterung schlägt Kling in seinen neuen Gedichten ästhetische Funken aus Zaubersprüchen, mythischen Gesängen und «carmina diabolica».
In seinem jüngsten Gedichtband, «Sondagen», seinem bislang umfangreichsten und fesselndsten Werk, finden wir faszinierende Anverwandlungen der alten Zauberlieder und Hexensprüche, die am oralen Anfang jeder Poesie stehen. Hier wird ein germanischer Regenzauber beschworen, dort die «Applikation der flut- und flugsalbe» aufgerufen, mit der die Hexen als Antipoden neuzeitlicher Vernunft einst «Hagelschlag zu erregen pflegten». / Michael Braun, Basler Zeitung 29.11.02 über
Thomas Kling: «Sondagen». Gedichte. DuMont, Köln 2002. 140 S., im Schuber mit CD, Fr. 33.90.
„Das Interessanteste unter meinen Einkäufen“, schreibt Percy Bysshe Shelley im Sommer 1816 aus Montalègre an seinen Freund Thomas Peacock, „ist eine große Sammlung von Samen seltener alpiner Pflanzen (.. .). Sie sind verwandt mit dem Schöllkraut – dem klassischen Schöllkraut (. ..); sie sind genauso wild und noch verwegener als jenes, und sie werden ihm Geschichten von Dingen erzählen, die so ergreifend und erhaben sind wie der Blick eines jungen Poeten.“
Dieses Zitat lässt tief blicken. Es verrät dem Leser, nachdem dieser die Schluchten der Syntax durchwandert hat, nicht nur, dass Schöllkrautsamen aus den Schweizer Alpen geschwätzig sind, nein, sie sind wild und noch verwegener als das klassische Kraut. Shelley, der seinen ergriffenen Blick sonst vorzugsweise über die erhabenen Alpen schweifen lässt, zieht hier den Vergleich mit einer Pflanze: das Auge des jungen Poeten sieht jene Dinge, von denen das alpine Schöllkraut zu berichten weiß. / Henning Ahrens, SZ 29.11.02, über
MARY W. SHELLEY / PERCY B. SHELLEY: Flucht aus England. Reiseerinnerungen und Briefe aus Genf 1814-1816. Aus dem Englischen und herausgegeben von Alexander Pechmann. Achilla Presse Verlagsbuchhandlung, Hamburg 2002. 140 Seiten, 18 Euro.
Selten hat jemand länger um ein Gedicht gerungen als Karl Wolfskehl um sein Lied „An die Deutschen“. In Rom, der zweiten Etappe ins Exil, beginnt er mit den Versen: „Euer Wandel war der meine / Eins mit euch auf Hieb und Stich. / Unverbrüchlich war uns eine, / Eins das Grosse, eins das Kleine: / Ich war Deutsch und ich war Ich.“ Die beiden Seelen in seiner Brust gehören dem deutschen Dichter und dem deutschen Juden. / FAZ über eine Potsdamer Tagung, 27.11.02
Mehr: Süddeutsche 28.11.02 – FR 28.11.02
Für die FR (27.11.02) bespricht ROLF-BERNHARD ESSIG:
SAID
Außenhaut Binnenträume
Neue Gedichte
Verlag C. H. Beck, München 2002, 100 Seiten, 14,90 Euro
In der gleichen Ausgabe schreibt Yaak Karsunke über Thomas Brasch´ Nachlaßgedichte:
Thomas Brasch
Wer durch mein Leben will, muss durch mein Zimmer
Gedichte
Herausgegeben von Fritz J. Raddatz und Katharina Thalbach
Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 2002, 204 Seiten, 16,90 Eur o
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