Georgebiographie

In der NZZ bespricht Stefan Breuer eine amerikanische Georgebiographie , in der ihm Homosexualität offenbar endgültig nachgewiesen wird (so what?) – und mehr:

Norton spricht zwar nicht geradezu von Präfaschismus, lässt aber seine Leserschaft nicht im Unklaren darüber, dass er im George-Kreis eine der Quellen des NS sieht – eine Auffassung, die gewiss nicht schlechterdings falsch ist, die aber richtig nur in dem Masse wird, in dem auch die erheblichen Unterschiede benannt werden, die zwischen beiden bestehen: die weitaus entschiedenere Akzentuierung des «reinen» Charismas bei den Georgianern und die noch entschiedenere Ablehnung, die diese den Hauptmerkmalen der Moderne, der funktionalen Differenzierung und vor allem der formalen Rationalisierung, entgegenbrachten – Einstellungen, zu denen es bei den Nationalsozialisten kein Pendant gibt. / NZZ 13.11.02

Robert E. Norton: Secret Germany. Stefan George and His Circle. Cornell University Press, Ithaca und London 2002. 847 S., $ 49.95.

Kuno Raeber

Hier wird solche Konzentration zum Prinzip erhoben, mit dem Ziel, lyrisches Sprechen vom historisch-mythologischen «Mobiliar» zu befreien: «Nur noch die paar alten Bilder, die seit jeher in mir lagen.» Ein ganz neues Element bringt dann 1985 der Band «Abgewandt Zugewandt», nach einer Zeile aus dem Gedicht «Begegnung» von C. F. Meyer betitelt. Er konfrontiert hochsprachliche Gedichte mit thematisch verwandten «alemannischen» in Raebers Luzerner Dialekt, in denen eine kindhaft-unverstellte Neugier bedrohlich-absurde Visionen hervorbringt: ein höchst eigenwilliger Beitrag zur Deutschschweizer Mundartlyrik. / Martin Kraft, Landbote 13.11.02

Kuno Raeber: Werke in 5 Bänden. Band I: Lyrik. Nagel & Kimche im Carl Hanser Verlag, München/ Wien. 464 Seiten

Tom Paulin

Der irische Dichter Tom Paulin darf nicht an der Harvard University lesen, nachdem Studenten wegen israelkritischer Äußerungen massiv gegen seine Einladung protestiert hatten.
Mr Paulin, who is lecturing at New York’s Columbia University but is a member of Hertford College in Oxford, told the Egyptian newspaper al-Ahram Weekly last April that American-born settlers in the occupied territories „should be shot dead. I think they are Nazis, racists, I feel nothing but hatred for them.
Schon im vergangenen Jahr hatte es Proteste gegeben wegen eines Gedichts in der Zeitung „Observer“, in dem es hieß:

„another little Palestinian boy/ in trainers jeans and a white teeshirt/ … gunned down by the Zionist SS“ / Guardian 14.11.01

Mehr: Boston Globe 13.11.02 – Al- Ahram 580/ 2002 – FAZ 18.11.02

Poet’s Choice

Edward Hirsch features a poem by Giuseppe Ungaretti. / The Washington Post 11.11.02

Joyce: Liebes- und musiktrunken

«Strings in the earth and air / Make music sweet / Strings by the river where / The willows meet.» lauten die ersten Zeilen: «Chamber Music» nannte Joyce die Sammlung, die 1906 seine erste Veröffentlichung überhaupt war, 36 Gedichte, ein wenig «pretiös» (Senn) im Vokabular und im schwärmerischen Ton zugleich «konventionell», Liebeslyrik, die er mit gemischten Gefühlen auf den Weg schickte und wenige Jahre später milde in sein Leben einordnete: «When I wrote them I was a strange lonely boy, walking about by myself at night and thinking that some day a girl would love me» (an Nora, 1909). / Landbote 11.11.02

Christian-Wagner-Preis für Donhauser

Die Leonberger Kreiszeitung (sic) druckt Auszüge aus einer Lobrede Michael Brauns auf Michael Donhauser (zur Verleihung des Christian-Wagner-Preises ):
Denn es gibt etwas, was diese Lesart (der Naturmagie, d. Red.) stört, etwas, das nicht aufgeht in der unio mystica zwischen Dichter und Naturding. Es ist das zögerliche, stockende, mitunter auch bewusst stotternde, antigrammatische Sprechen (. . .) ein behutsames Drehen und Wenden der Wörter und Satzteile, ein kurzer Moment des Innehaltens vor der Sprache, eine auch nur geringe syntaktische Inversion – und schon kommt hier der Automatismus des Sprechens ins Stocken. Je näher der Lyriker ein Wort ansieht, desto ferner blickt es zurück.
Siehe auch Stuttgarter Zeitung 11.11.02

Der Prophet kommt im eigenen Land…

… an: Nürnberg hat damit begonnen, den in Schwabach geborenen Dichter Gerhard Falkner zu ehren, berichten die Nürnberger Nachrichten , 11.11.

Jeder Zeit andere Gedichte

Felix Philipp Ingold: «Jeder Zeit andere Gedichte». Droschl Verlag, Graz 2002. Fr. 23.-

/ St. Galler TAGBLATT , 11. November 2002 – In der gleichen Zeitung stand am 8.11. die Meldung, daß 1100 Jahre alte, mit Neumen aufgezeichnete gregorianische Gesänge des „Codex Sangallensis 390-391“ jetzt aufgeführt wurden.

Biko Jon

Noch einmal Provinz und Welt: Über einen Lyriker aus Zaire (DR Kongo) berichtet der Reutlinger General-Anzeiger, 11.11.02:
[Biko Jon’s alias Soso] Malila, der 1993 von Zaire nach Metzingen kam, hat bereits in seiner Heimat drei Zyklen verfasst. Veröffentlich hat er sie bisher noch nicht: »Ich suche noch einen Verlag.« Auf seinen Künstlernamen ist er stolz. Der unter dem Apartheids-Regime zu Tode gefolterte Steve Biko ist dem Dichter ein Vorbild. Wie den Mitgliedern der Tanzgruppe ist es ihm wichtig, sich Teile seiner Heimatkultur zu bewahren. Auch wenn in dem Land Krieg herrscht und die Diktatur Mobutus ihn und seine Freunde aus dem Land getrieben hat, so ist es dem Regime nicht gelungen, ihnen die Tradition oder Kultur zu entreißen. Gerade deshalb ist es ihm wichtig daran in seinen Gedichten durch die Schilderung von Riten, Sitten und Bräuchen festzuhalten.

Selden Rodman,

Writer and Folk Art Advocate („a polymathic poet, an iconoclastic critic of modern culture, the author of more than 40 books and a tireless promoter of Haitian and other folk art“), Dies at 93/ DOUGLAS MARTIN, NYT *) 11.11.02
Außerdem in der NYT : Excerpts from ‚Def Poetry Jam‘

Die Leonberger Kreiszeitung

(sic) druckt Auszüge aus einer Lobrede Michael Brauns auf Michael Donhauser (zur Verleihung des Christian-Wagner-Preises ):

Denn es gibt etwas, was diese Lesart (der Naturmagie, d. Red.) stört, etwas, das nicht aufgeht in der unio mystica zwischen Dichter und Naturding. Es ist das zögerliche, stockende, mitunter auch bewusst stotternde, antigrammatische Sprechen (. . .) ein behutsames Drehen und Wenden der Wörter und Satzteile, ein kurzer Moment des Innehaltens vor der Sprache, eine auch nur geringe syntaktische Inversion – und schon kommt hier der Automatismus des Sprechens ins Stocken. Je näher der Lyriker ein Wort ansieht, desto ferner blickt es zurück.

Siehe auch Stuttgarter Zeitung 11.11.
Mehr Donhauser 1 /

George Herbert

Zwei Ausgaben des in Deutschland wenig bekannten „metaphysical poet“ George Herbert (1593-1633) bespricht Rüdiger Görner in der NZZ:
Herbert verstand sich aufs Spielen mit Sprachformen. Sein Gedicht «Easter-wings» ordnet die Verse in Form eines Flügelpaares an. Nun weist nicht jedes Gedicht, das sich solcher grafischer Mittel bedient, schon auf Mallarmé hin. Und es bedürfte einiger Anstrengung, um in Herbert nun wirklich den Modernisten unter den «metaphysical poets» auszumachen. Das Bemerkenswerte an diesen – im Deutschen bisher so gut wie unbekannten – Dichtungen besteht ja gerade darin, dass sie vergessen lassen, ob es sich hier um rein geistliche Lyrik handelt, um modernistische Versuche oder versuchte Wertebewahrung. …
Beide Übersetzer haben uns einen deutschen George Herbert geschenkt und damit ein Gegenbild zur Welt des nur Profanen. / NZZ 9.11.02

George Herbert: Poems. Ins Deutsche nachgebildet von Wolfgang Kaussen. S.P.Q., Frankfurt am Main 2001. 152 S., Fr. 35.-.

George Herbert: The Temple. Mit einer deutschen Versübersetzung von Inge Leimberg. Waxmann Verlag, Münster 2002. 473 S., Euro 39.-

Sonette Shakespeares

Stefana Sabin bespricht neben anderen Shakespearebüchern:

William Shakespeare: Cupido lag im Schlummer einst. Drei neue Übersetzungen von Shakespeares Sonetten. Englisch-deutsche Ausgabe. Kritisch herausgegeben von Christa Jansohn. Stauffenburg-Verlag, Tübingen 2001. 356 S., Fr 110.-.

/ NZZ 9.11.02

Modernistischer Barde

…Manger, who was, as the editor and translator point out, a „modernist folk bard.“ His work is suffused with influences from European literature; he retells stories from the Bible, setting them in the contemporary world. He wrote verse that chills with its sense of ominous consequence for lost innocence:

An infected wind weeps in our garden;
Before our house, a scarlet lantern glows;
Death’s silver razors play, like fiddle bows,
White music on the throats of pious calves.
/ NYT *) 9.11.02

Schlechtere Zeiten für Lyrik

– wenn es nach Enzensberger geht. Der nämlich fordert in der FAZ vernünftige Preise für seine Gedichte:

Die Buchproduktion ist, soweit ich sehen kann, die einzige Branche, bei der – um im Bild zu bleiben – ein Hamburger genausoviel kostet wie ein Tournedos und eine Portion Pommes frites soviel wie eine getrüffelte Pastete. Wohin wir auch blicken, ob es sich um Kleider handelt, Schmuck, Porzellan, Möbel, überall ist erstklassige Qualität teurer als der Schund, nur bei den Büchern nicht. Das ist höchst sonderbar, um nicht zu sagen abergläubisch. / FAZ 9.11.02
Außerdem sollte jedes Land, wie bisher Restaurantführer, jährliche Literaturführer herausbringen, „von strengen, unabhängigen, gefürchteten Testern*) verfaßt“, um für den orientierungslosen Leser „die Spreu vom Weizen zu trennen“. Brave new world of poetry!

*) Bewerbungen an das FAZ-Feuilleton