«Wir haben ein Land aus Worten» – so viel Tribut an die Rolle des Nationaldichters muss sein. Aber Vorsicht: Den Halbvers verschattet Enttäuschung. Kein Land haben die Vertriebenen, nur Worte, einen poetischen Selbstentwurf, gewiss, doch der Weg wird lang und länger. Darwish hat auf diesem Weg das Persönliche und dessen Entgrenzung ins Universale entdeckt. Vier Prosagedichte eröffnen den Band als «private Anschriften» – eine Kampfansage an jede Lektüre, die ihn nur als Volkes Stimme begreift. …
Der Mann, dessen Gedichte so machtvoll die verlorene Heimat beschworen, der ein «Land aus Worten» schuf, muss nach der Heimkehr feststellen, dass er sich durchs Dichten der Heimat beraubt hat: Die dem modernen Gedicht eigene Selbstreflexion hat ihn auf eine Suche nach dem eigenen Ich geschickt, die ihn dem Kollektiv entfremdet. Literatur wird hier zur Avantgarde einer Individualisierung im Zeichen der Kulturvermischung, die der arabischen Gesellschaft noch bevorsteht./ Ludwig Ammann, NZZ 8.10.02 über
Mahmud Darwisch
Wir haben ein Land aus Worten
Gedichte. Arabisch und deutsch.
Aus dem Arabischen übersetzt und mit einem Nachwortversehen von Stefan Weidner.
Etwa 220 Seiten. Englische Broschur.
EUR (A) 17.40/ EUR 18.50 / CHF 29.50
ISBN 3250300136
Eine schon etwas ältliche Nachricht (aber nicht schlecht):
Der hannoversche Dada-Künstler Kurt Schwitters (1887-1948) ist Schulpate geworden. Der Avantgarde- Maler, Bildhauer und Lyriker leiht seinen Namen der „Rheinischen Schule für Sprachbehinderte“ des Landschaftsverbandes in Düsseldorf. Das teilte der Landschaftsverband Rheinland (LVR) am Montag in Köln mit. Nach Ansicht der Schulleitung gebe es „fast direkte Bezüge“ zwischen der Arbeit der Schule und den Sprachexperimenten des Künstlers, der auch ein „Gedicht für Stotterer“ geschrieben hat.
Hannoversche Allgemeine 8.10.02
Der Münchner Lyriker Paul Wühr erhält den diesjährigen Hans- Erich-Nossack-Preis des Kulturkreises der deutschen Wirtschaft. Die mit 10 000 Euro dotierte Auszeichnung wird am Samstag verliehen. Neben Paul Wühr aus München werden noch weitere Autoren, Künstler und Musiker ausgezeichnet. Begleitet wird die Tagung von Lesungen, Konzerten und einer Kunstausstellung mit preisgekrönten Werken. (sda/dpa) / St. Galler TAGBLATT vom Samstag, 5. Oktober 2002
das war schon immer so, aber gerade dieses Andere zog auch die Träume, Wünsche und Sehnsüchte vieler Intellektueller an. Zwischen endlosen Wäldern und sanften Hügel, zwischen Seen und Sümpfen, da, wo eben noch Feen, Nixen und Zwerge gehaust hatten, schien der Ursprung zum Greifen nah. Je sichtbarer der Fortschritt um sich griff, desto mehr wurde dieser Mythos zur Utopie: Goethe und Herder verehrten die Lieder der litauischen Fischer und Bauern, Thomas Mann suchte und fand in den Dünen von Nida das «Erlebnis des Elementaren», Johannes Bobrowski betrieb in seinen Gedichten und Romanen die Suche nach der verlorenen Zeit der litauischen Kindheit, wie es polnischerseits Czeslaw Milosz («Das Tal der Issa») und Tadeusz Konwicki («Das Loch im Himmel») taten. Polens romantische Dichter kultivierten die litauische Saga besonders enthusiastisch, und ausgerechnet der polnische Nationaldichter Adam Mickiewicz sollte der grösste Sänger Litauens werden – wobei mit «Litauen» freilich das hoch patriotische Phantasma eines dem Kronland Polen überlegenen litauisch-polnischen Grossreiches gemeint war. / Andreas Breitenstein, NZZ 5.10.02
Weitere Beiträge zu Litauen:
Too little too late
Was die litauische Literatur an «harter Währung» hergäbe
Das vierte Mal oder Litauische Metamorphosen
Arbeit am Mythos
Ein kurzer Überblick über die litauische Literaturgeschichte
Die FAZ präsentiert heute ein unbekanntes Gedicht und eine unbekannte Liebe von Gottfried Benn. Das Gedicht beginnt so:
Liebe –
dies Wort wollen wir garnicht in die Diskussion werfen
ich bleibe ja doch in mir allein
aber ich sehe dich gern an
ich fühle dich gern an
ich esse gerne mit dir
wir sprechen so freundschaftlich mit einander
sind den ganzen Tag auf einer zärtlichen Ebene
ach – morgen
weisst du was davon / FAZ 5.10.02
Zuerst starb am 5. Juli in Los Angeles der fünfundneunzigjährige Bernardas Brazdzionis . Seit er 1944 vor der Roten Armee in den Westen geflohen war, hatten seine Gedichte nur ein Thema: die unterdrückte Nation und ihr Streben nach Freiheit. Als er 1989 nach Litauen zurückkehrte, wurden solche Verse benötigt. Um Literatur ging es dabei nur in zweiter Linie – die Auftritte von Brazdzionis waren politische Demonstrationen, seine Gedichte die Losungen dazu. Diese Reihenfolge gilt für sein ganzes in der Emigration entstandenes Werk: Es stand im Dienst einer Sache, die ihm wichtiger war als literarisch-ästhetische Kriterien. Sein Verständnis von der Rolle des Dichters und der Dichtung faßte Brazdzionis vergangenes Jahr in einem Satz zusammen, mit dem er ankündigte, daß er keine Gedichte mehr schreiben werde: „Meine Mission ist erfüllt.“ / FAZ am 5.10.02 in einem Beitrag zur litauischen Literatur aus Anlaß der Buchmesse
sei mithin in der Lage, alles zu bedeuten. Das ist die Zuspitzung eines Satzes, mit dem Czernin unlängst einen manifestartigen Text in der Wiener Literaturzeitschrift «kolik» (Heft 18) begann: «So bedeutet jedes Gedicht nicht weniger als alles . . .» Und vermutlich ist derselbe Sachverhalt berührt, wenn es in dem Gesprächsbuch «Voraussetzungen» heisst: «Deshalb kann eine Dichtung ja auch nichts Bestimmtes bedeuten und verweist immer auf den, der etwas bedeuten lässt.» / Leopold Federmair, Neue Zürcher Zeitung, 3. Oktober 2002
Franz Josef Czernin: elemente.sonette. Verlag Carl Hanser, München 2002. Fr. 31.20
Franz Josef Czernin: Voraussetzungen. Vier Dialoge (= Essay 49). Literaturverlag Droschl, Graz 2002. EUR 12.-.
Immer wieder klaubt Krier zerbrochene Redensarten auf, auch Bruchstücke von Zitaten, aus der Bibel, von Beckett, Hölderlin oder Enzensberger, Goethe, Novalis oder Verlaine. Französische Sprachfetzen werden neu eingebunden. Die Perspektive der Texte ist die erhaschte Spur aus dem Augenwinkel, ihre akustische Aufmerksamkeit bleibt auf Neben- und Störgeräusche gerichtet. Doch unter dem Firnis von Bedrohung und Verlust glänzt als heimlicher paradoxer Grund das poetische Gelingen: «Lass uns / einen Leuchtturm bauen, wo keiner ihn sieht -». / Angelika Overath, Neue Zürcher Zeitung , 2. Oktober 2002
Jean Krier: Tableaux – Sehstücke. Mit Bildern von Max Neumann. Gollstein-Verlag, Blieskastel 2002. 96 S., Fr. 29.50.
In der Zeit-Literaturbeilage bespricht Susanne Riedel (Koeppenpreis 2002) Dieter M. Gräf und Thomas Kling bespricht Tomas Venclova („Odysseus vom Mare Balticum“). Uwe Kolbe berichtet über eine Übersetzerwerkstatt für litauische Texte (Akzente 5), und Olga Martynova stellt eine litauische Anthologie vor.
Dieter M. Gräf : Westrand Gedichte; Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 2002;
158 S., 15,- €
Tomas Venclova : Vor der Tür das Ende der Welt Gedichte; aus dem Litauischen von Rolf Fieguth, interlinear von Claudia Sinnig-Lucas; Hanser Verlag, München 2002;
95 S., 13,90 €
Litauische Poesie der Gegenwart Edition Akzente, Heft 5, Okt. 2002; Hanser Verlag, München 2002;
7,30 €
diverse : Vierzehn litauische Dichter Anthologie; Vaga Verlag / Athena Verlag, Vilnius / Oberhausen 2002;
152 S., 16,90 €
/ 2.10.02
ZEIT: Sie sagen, es gebe in der arabischen Kultur einzigartige Qualitäten. Welche?
Adonis: Die liegen immer außerhalb der Regierungen. Das beginnt mit der vorislamischen Poesie. Sie ist außergewöhnlich und hat das Niveau der großen griechischen, indischen und chinesischen Dichtung. Eine Poesie der Freiheit, der Liebe, des Körpers. Abu Nawas hat zur Zeit der Abessiden dasselbe getan wie Baudelaire: Er hat die Stadt in neuem Licht gesehen, das Alltagsleben – den Wert des Vergänglichen und des Ewigen. Er sagte immer: Mich interessiert nur das Verbotene. Das Verbotene ist mein Königreich. …
Immer wenn die Religion nichts vorschreibt, ist die arabische Kultur großartig. Poesie, Philosophie, Musik, Kunst – warum war die arabische Architektur so absolut außergewöhnlich? Weil es keine religiösen Referenzen und Vorschriften gab. Alles, was in der arabischen Kultur frei davon ist, ist außergewöhnlich.
/ Interview mit dem syrischen Dichter, Die Zeit 41/2002
Wo der nördlichste Markierungspunkt auf Karin Sanders Stadtplan von New York platziert ist, in der 116. Straße in der Gegend des St. Harlem Marktes, hat Chaibou Harouna einen Laden für Handschuhe und Schals. Er spricht Hausa, die offizielle Sprache in Nord-Nigeria, und weil er sie nicht schreiben kann, hilft ihm seine Kollegin Linda. „Guten Morgen“ schreiben sie auf einen Zettel, aber das eigentliche Wort, das Karin Sander für ihr Projekt bei ihm einsammeln ließ, wird noch nicht verraten. Endgültige Gewissheit gibt erst die Ausgabe der New York Times am kommenden Freitag, die an diesem Tag auch einer bestimmten Anzahl der Mittagsausgabe der Frankfurter Rundschau (nur im Straßenverkauf an den großen Frankfurter Ausfallstraßen) beiliegen wird. …
Karin Sander, Jahrgang 1957, bat für ihr Projekt Word Search 250 eingewanderte Bürger der Stadt, ein für sie besonders typisches Wort in ihrer Muttersprache zu notieren. Die Vokabel-Ausbeute von Afrikaans bis Zulu lässt Sander auf einer Seite im Börsenteil der New York Times abdrucken. „Kunst statt Konjunktur“ formuliert Sander, die das vergängliche Medium für einen Tag zur linguistischen Sprachskulptur werden lässt und dabei Denkanstöße über Begriffe wie Kapital und urbanes soziales Gefüge geben will./ FR 2.10.02
Vgl. auch Lyrikzeitung & Poetry News 09/2002. Mehr über das Projekt bei Deutsche Bank – art.info .
5. ( 4. – 5. ) – 20 Punkte
FRANZ JOSEF CZERNIN: Elemente, Sonette
Carl Hanser Verlag, 17,90 Euro
Die Elemente der mythischen Welt verwandelt Czernin in moderne Sprache.
7. ( – ) – 19 Punkte
MATTHIAS HERMANN: Der gebeugte Klang
Gedichte.
Verlag Klöpfer & Meyer, 14,80 Euro
Das Unvorstellbare in Sprache fassen: den Holocaust.
‚Schwer stehen / Die Psalmen im / Gebeugten Klang.‘
Die Bestenliste im Internet:
www.swr.de/bestenliste
[Ingeborg Bachmann:] Die beiden römischen Briefe und das Nachtbild haben von daher eine Leichtigkeit und Selbstverständlichkeit der Wahrnehmung, wie nur die Zugehörigkeit zum gleichen Leben sie vielleicht zu geben vermag. Ihr 1956 veröffentlichtes Gedicht «Scherbenberg» ist noch am stärksten von der Spannung zwischen dem gekannten Fremden und dem unbegriffenen Eigenen getragen, das schon Goethe in Rom eine Doppelrolle auferlegt hatte:
Vom Frost begattet die Gärten – Das Brot in den Öfen verbrannt – Der Kranz aus den Erntelegenden Ist Zunder in deiner Hand. Verstumm! Verwahr deinen Bettel, die Worte, von Tränen bestürzt, unter dem Hügel aus Scherben, der immer die Furchen schürzt. Wenn alle Krüge zerspringen, was bleibt von den Tränen im Krug? Unten sind Spalten voll Feuer, sind Flammenzungen am Zug. Erschaffen werden noch Dämpfe Beim Wasser- und Feuerlaut. O Aufgang der Wolken, der Worte, dem Scherbenberg anvertraut!
Norbert Miller, NZZ 28.9.02 über neuere Italienreisen deutscher Dichter (Huchel, Rühmkorf, Brinkmann, Grünbein). – Dort auch eine Besprechung seines Buchs über Goethes Italienreise.
NZZ druckt am 28.9.02 Gedichte von Stephane Mallarmé und Paul Valéry.
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