Obgleich die Dichter in arabischen Ländern noch ganze Stadien mit Zuhörern füllen, sei die Poesie im Zuge der Moderne auf dem Rückzug. Das Medium des urbanen Lebens sei der Roman. Die dominierende arabische Kultur sei längst westlich orientiert, und es gelte auch in der Dichtung gegen den poetischen Traditionalismus und die Beschränkung der Freiheit zu wirken. … Heute gehe es um die Überwindung des Kolonialismus und des Orientalismus. Außerdem müsse es „das Recht jedes Menschen sein, die Vereinigten Staaten dafür zu bestrafen, dass sie Diktaturen unterstützten“. Die Dichter Abbas Beydoun, Narvid Kermani, Adonis und Mahmoud Darwisch betonten beim gestrigen Pressegespräch der Berliner Festspiele mit ihrem samtigen Arabisch zwar das Primat des Ästhetischen und die in jeder Dichtung beschworenen universellen Existenzfragen, aber immer wieder drängte sich der politische Diskurs in den Vordergrund. / Berliner Zeitung 18.10.02
Gefeiert wie ein Popstar: Mahmud Darwisch / Berliner Morgenpost 17.10.02
Zum 90. Gründungstag des ehrwürdigen Poetry-Magazins, in dem 1915 zum ersten Mal „eine unbekannte Gedichtart, free verse“ (T.S. Eliots „Love Song of J. Alfred Prufrock“) stand und die sie alle druckte: Pound, Stevens, Sandburg and the lot, schreibt die NYT am 17.10.02.
An allen Orten und in vielen Gattungen, vom lyrischen über den historischen bis zum politischen Diskurs, konnte man – und dies war die dritte Entdeckung –, Litauens bedeutendstem literarischen Botschafter, dem Dichter, Essayisten und amerikanischen Literaturprofessor Tomas Venclova begegnen. Auf der Messe diskutierte er über „Die Rückkehr der Städte: Klaipeda – Kaliningrad – Vilnius – St. Petersburg“, am Abend darauf las er im Frankfurter Literaturhaus im Dialog mit Durs Grünbein eigene Gedichte im Original und in deutscher Übertragung. / SZ 16.10.02
Über die „Darmstädter Dichterschlacht, die als die größte in Deutschland gilt“ und deshalb „den Zuschlag für den siebten Internationalen Poetry-Slam: vom 2. bis 5. Oktober 2003 in Darmstadt und Frankfurt“ erhielt, berichtet das Darmstädter Echo (16.10.02).
Er hatte journalistische wie dramaturgische Ambitionen, wollte Lyriker sein und Romancier, Theater- und Radiomensch, Sänger, Alleinunterhalter und ein bisschen sogar Zauberer, der seine Umgebung mit Kunststückchen und Tricks zum Staunen bringt.» Mit diesen Worten charakterisiert Iso Camartin im Nachwort zum Sammelband «Wie wärs mit etwas Meer?» den Bündner Autor Flurin Spescha. Er ist ihm während seiner Laufbahn immer wieder begegnet. Als Sekretär der Lia Rumantscha in Chur hat er den jungen, verstört von einer Amerikareise heimgekehrten Flurin Spescha beschäftigt, damit er wieder in die Normalität des Lebens zurückfinden konnte. Als Professor für romanische Literatur und Kultur in Zürich machte er den engagierten, über Pasolini arbeitenden Studenten zu seinem Assistenten. Doch Spescha war weniger an akademischen Würden als an einer freien Schriftstellerexistenz interessiert. Er hatte bereits journalistische Arbeiten publiziert, als er 1981 mit dem Gedichtband «Und sei’s nur ein Traum» als rätoromanischer Poet debütierte. Mit der Publikation des Romans «Das Gewicht der Hügel» im Jahr 1986 bekannte er sich dann aber zur deutschen Sprache und schaffte sich gleichzeitig den Ruf eines überregional ernst zu nehmenden Schweizer Schriftstellers. / Landbote 11.10.02
Flurin Spescha: Wie wärs mit etwas Meer? Deutsch/Rätoromanisch. Texte mit Sprech-CD, Pendo, Zürich 2002, 206 S., illustriert, Fr. 42.–
heißt die einzige in deutscher Übertragung greifbare Sammlung von Gedichten des international bedeutendsten litauischen Lyrikers und Essayisten. Sie war schon einmal, vor zwei Jahren und beinahe unbemerkt, in dem kleinen Hamburger Rospo Verlag erschienen, den es inzwischen nicht mehr gibt. Jetzt hat der Hanser Verlag das Bändchen übernommen, mitsamt einem Essay von Venclovas verstorbenem Freund und Dichterkollegen Joseph Brodsky als Nachwort.
Venclova, der in Deutschland bis dahin nur wenigen Eingeweihten als Adressat von Brodskys Gedichtzyklen „Litauisches Divertimento“ und „Litauisches Notturno“ bekannt war, bedurfte damals noch einer Vorstellung in Deutschland. Das sollte jetzt anders werden. Es hat sich herumgesprochen, dass Venclova zusammen mit dem Exilrussen Brodsky und dem gleichfalls aus Litauen stammenden Czeslaw Milosz (der mit Venclova den 1997 bei Hanser erschienenen Dialog über „Die Straßen von Wilna“ führte) ein internationales poetisches Dreigestirn bildete: Außer durch Freundschaft und Exilschicksal ist das Trio durch eine gemeinsame poetische Sendung miteinander verbunden, die Brodskys Nachwort als Pflicht des Dichters gegenüber seinen Vorgängern postulierte: „Sie drückt sich aus in dem Gefühl jedes mehr oder weniger bewussten Schriftstellers, wonach er so schreiben muss, dass er von seinen Vorgängern verstanden wird, bei denen er die poetische Rede gelernt hat.“ / Volker Breidecker, SZ 11.10.02
TOMAS VENCLOVA: Vor der Tür das Ende der Welt. Gedichte in der Übertragung von Rolf Fieguth nach der Interlinearübersetzung aus dem Litauischen von Claudia Sinnig-Lucas. Hanser Verlag, München 2002. 95 Seiten, 13,90 Euro.
Hilbig wirkt hölzern, wie eine Fehlbesetzung im Literaturbetrieb mit seinen selbstgefälligen Kritikern, Stars und Sternchen. Und das scheint ihn nicht mal zu stören. Die „Herrschafts- und Vernichtungssüchte, der Meinungsverschleiß“ des feuilletonistischen Gewerbes sind ihm gleichgültig. Marcel Reich-Ranicki, der seine Gedichte und Erzählungen lobte und seinen abgründigen Stasi-Roman „Ich“ als „gefühliges Gequassel“ abfertigte, erst recht. / Die Welt 10.10.02
Wolfsberg. – Im kommenden Jahr wird es wieder einen Christine Lavant-Lyrikpreis geben. Um diesen können sich deutschsprachige Autoren bewerben, die zumindest einen Lyrikband veröffentlicht haben. Eine Jury wird nach einer Vorauswahl sechs Autoren ermitteln, die von 25. bis 27. September 2003 nach Wolfsberg eingeladen werden. Dort werden in einer öffentlichen Veranstaltung der Christine Lavant-Lyrikpreis (7000 Euro), der Lavant-Förderungspreis (3000 Euro) und der Lavant-Publikumspreis (1500 Euro) vergeben. Einsendungen sollten maximal zehn Gedichte enthalten. Einsendeschluss ist der 28. Februar 2003.
/ 10.10.02
Eine traurige Nachricht und vielleicht ein böses Omen für alle, die das WWW als universelle Informationsquelle nutzen: Der Zeitungsausschnittdienst Arts & Letters Daily ist abgeschaltet. Auf der Homepage (im linken oberen Rand dieser Seite) finden sich nur noch ein Archiv und ein paar Verweise. Für die Lyrik-Zeitung werden die Wege wieder länger, an gute Nachrichten wie die folgenden, last pick, zu kommen:
No one today would dare claim that poetry is dead, says Dana Gioia. The ancient unkillable phoenix has risen from the ashes and magnificently taken flight… [ more ]
Poetry “makes nothing happen,” said W.H. Auden. He didn’t mean that art was worthless. He thought it was useless, which is a very different idea. Adam Gopnik explains… [ more ]
Biography loves Sylvia Plath. She was married to Ted Hughes. She killed herself. Death and marriage fed and fueled her writing, but now they cramp her style… [ more ]
The child who dwells inside us trusts that somewhere are wise men who know truth, says Czeslaw Milosz. This idea gives beauty and passion to intellectual life… [ more ]
(Gegen Monatsende kommt Entwarnung: anscheinend ist die Seite gerettet!!)
/ 10.10.02
Seit mehr als einem Viertel Jahrhundert wird in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (FAZ) jeden Samstag ein Gedicht eines bekannten Lyrikers von einem anderen namhaften Autor interpretiert. „Frankfurter Anthologie“ heißt die von Marcel Reich-Ranicki begründete Reihe. Seit 25 Jahren veröffentlicht der Insel- Verlag jedes Jahr einen Band mit den neuen Folgen der Anthologie. Am 20. Oktober laden FAZ, Insel-Verlag und der Hessische Rundfunk um 11 Uhr in den Sendesaal des Hessischen Rundfunks zur Veranstaltung „Der Lyrik eine Gasse – 25 Jahre Frankfurter Anthologie“. Der Insel-Verlag stellt dabei seine zwölfbändige Sonderedition vor: 1400 Deutsche Gedichte und ihre Interpretationen, herausgegeben von Marcel Reich-Ranicki. Während der Veranstaltung wird auch der Preis der Frankfurter Anthologie verliehen. Er geht diesmal an den Dichter Harald Hartung, die Laudatio hält Hubert Spiegel. dpa / FR 10.10.02
Festveranstaltung „10 Jahre Schule für Dichtung“ am 10.10.02
Österreichische Nationalbibliothek, Prunksaal, Josefsplatz 1, 1010 Wien
Beginn: 19:00, Eintritt frei
Mehr im Wiener Kurier(10.10.02) und auf der Webseite:
Schule für Dichtung http://sfd.at/
Wenn die Geschichte ihre Richtung wechselt, ist die Kennung manchmal überdeutlich, so wenn selbst Raketenhorste umgewidmet werden. Wen wundert es, dass Thomas Kling in der aufgegebenen Raketenstation Hombroich Quartier bezogen hat? „ein ausgeglühtes gebiet, / kegel, / das fernsicht / ermöglicht. gehör von weitem: // waldkante, in die der wind fährt. ein / ohrenbetäubender schneefall hier. / jagdplatz, fluchtartig verlassen. warum.“ Da sind Reste vom Heerlagerspeck und die Natur erobert alles zurück. Und so gibt es bei Kling jetzt nach Wespe und Biene auch Specht und Distelfink, Turmfalke und Fuchs. „anwachsende kulisse. / achtung, leute: alles aufgeforstet! / die fichte hamse hierzulande / preußenbaum genannt.“
Kein selbstgenießerischer Schlenker weicht diese Gedichte auf. Keine Idylle, mehr „Hombroich-Elegie“: Die Katze läuft in die Mähmaschine und die Kröte ereilt der Spatentod. / Jürgen Verdofsky, FR 9.10.02
Thomas Kling: Sondagen. Gedichte. DuMont Verlag, Köln 2002, 140 Seiten, mit einer CD, 19,90 Euro.
Darf man über diesen feuilletonistisch heilig gesprochenen und allseits geliebten Lyrik-Klassiker der Jetztzeit überhaupt noch etwas Frevelhaftes sagen? Die frenetische Robert Gernhardt-Bejubelung hat ja seit dem annus mirabilis 1997, als der Dichter sein 60. Lebensjahr vollendete, derart Schwindel erregende Ausmaße erreicht, dass als griesgrämiger Spielverderber erscheint, wer sich der spröden literaturkritischen Profanierung des Meisters widmet.
fragt Michael Braun (FR 9.10.02) und tuts:
Der Schritt vom Erhabenen zum Lächerlichen ist oft verschwindend klein.
Wenn Gernhardt so verblüffend formsicher die altehrwürdigen Volksliedstrophen, Sonette, Couplets oder Balladen reaktiviert, ist das nicht immer ein Akt großartiger Anverwandlung. Allzu oft gibt sich Gernhardt willig einer poetischen Routine hin, die im Bewusstsein handwerklicher Solidität Gedichte am Fließband hervorbringt. Diese Routine erlaubt es ihm auch, leichthändig ein Sonett über die Ereignisse des 11. September zu produzieren und dabei „von eignen Gnaden“ auf „Usama Bin Laden“ zu reimen. Bei einem sakrosankten Dichter ist eben kein gnädiges Lektorat mehr da, das vollkommen uninspirierte Gedichte wie die über den Formel 1-Stumpfsinn des „Großen Preises von Canada“ oder über den „Klassiker Deutschland-Holland“ verhindern würde. Gnadenlos schlechte Gedichte, die sich an einer Tagesthemen-Sendung entzünden („Scheiß drauf! Ob es auch anderen schwerfällt, / beim Anblick der Stealthbomber cool zu bleiben?“), kann sich ungestraft nur noch ein Gernhardt leisten.
Robert Gernhardt: Im Glück und anderswo. Gedichte.
S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main 2002, 284 Seiten, 19,90 Euro
Doch entdeckt werden wollen (und sollen) vor allem die hierzulande weniger Präsenten: etwa Erika Burkarts „Familienballade“, die einem Zustand zustrebt, „in dem sich das Schweigen / ein neues Gehör schafft“, oder Lajser Ajchenrands Trauer- und Gedächtnistexte über den Holocaust in jiddischer Sprache, diverse Mundart- und Dialektdichtungen (u.a. von Manni Matter, Franz Hohler, Berti Jütz), Silja Walters Verse, schön und zerbrechlich wie ein Tanz aus Glas, Armin Sensers rauschhaftes poetologisches Langgedicht „Großes Erwachen“ oder auch Jürg Federspiels Humoreske „Hinterlass ein Zeichen“: „Mal einen Strich. Und schreib: Wer so hoch / pinkeln kann, melde sich bei der Feuerwehr“. … Die wunderbarste Leistung dieser „schönsten Gedichte der Schweiz“ wirkt paradox: Rasch vergisst man nationale Zugehörigkeiten und versinkt statt dessen in die grenzenlose Schönheit der Poesie. Oft sind es die kleinen Verlage, die großartige Bücher hervorbringen. / Thomas Wild, SZ 9.10.02
PETER VON MATT und DIRK VAIHINGER (Hrsg.): Die schönsten Gedichte der Schweiz. Verlag Nagel & Kimche, München / Wien 2002. 260 Seiten, 16,90 Euro.
Weitere Besprechungen in der SZ-Literaturbeilage vom 9.10.02:
MIODRAG PAVLOVIC : „Einzug in Cremona“. Gedichte. Suhrkamp Verlag, Frankfurt/Main 2002. 184 S., 22,90 Euro.
die Oktoberausgabe der Zeitschrift Akzente (litauische Lyrik) Carl Hanser Verlag, München 2002, 7,30 Euro
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