Die Spanne vom sozialistischen Auden zum christlichen Existenzialisten, vom Oxforder Neutöner zum horazischen Alterslyriker markiert einen der exemplarischen Lebensläufe der englischen Dichtungsgeschichte.
urteilt Werner von Koppenfels anläßlich einer neuen Auswahl (NZZ 6.11.02)
W. H. Auden: Anhalten alle Uhren. Gedichte Englisch / Deutsch. Herausgegeben von Hanno Helbling. Pendo-Verlag, Zürich 2002. 152 S., Fr. 39.90.
Der Urgrund dieser Poesie ist magisch, und er ist mündlich. Die blutrote Schrift ist nur ihre behelfsweise Notation; um wirksam zu sein, müssen die Fluch- und Segensformeln gesprochen und gesungen werden. Wie in seinem letzten Gedichtband hat Kling also auch jetzt, zeitgemäß modifiziert und medientechnisch wie immer auf der Höhe, an diese Ursprünge angeknüpft. Auf einer dem Buch beigefügten CD rezitiert er seine Verse mit eindringlich kühler Präzision. Wer sich also bei der Wahl seiner Weihnachtsgeschenke nicht zwischen Buch und CD entscheiden kann, soll Klings „Sondagen“ kaufen, da hat er beide. In buchstäblich zauberhafter Einheit.
Thomas Kling: „Sondagen“. Gedichte. DuMont Buchverlag, Köln 2002. 140 S., geb. im Schuber mit CD, 19,90 [Euro]
/H. Detering, Frankfurter Allgemeine Zeitung, 5.11.2002, Literaturbeilage, Seite L5. Vgl. auch Gespräch mit Thomas Kling, FAZ .Net 13.9.02
Der Erdrutsch-Sieger aus der Türkei, Recep Tayyip Erdogan, liebt Gedichte – und darf deshalb auf Lebenszeit kein Amt mehr bekleiden. „He recited a poem and his life changed“, titelte der Turkish Press Scanner der turkish daily news vom 23.4.1998.
FAZ-Bericht:
Nicht wenige seiner Reden leitet Erdogan mit Gedichten ein, schon 1973 hatte er in Istanbul einen Gedichtlesewettbewerb gewonnen. Erdogan ist ein Verehrer der islamischen Mystik, des Sufismus, und die Essenz der Sufis findet er in Gedichten besser wieder als in der Prosa. / FAZ 5.11.02, S. 12.
Über das Urteil von 1998 berichtete die taz:
Der 44jährige Politiker war wegen einer Rede, die er im Dezember letzten Jahres [d.i. 1997] im ostanatolischen Siirt gehalten hatte, vom Staatssicherheitsgericht Diyarbakir zu zehn Monaten Haft verurteilt worden. In seiner Rede hatte er den Dichter Ziya Gökalp zitiert: Die Moscheen sind unsere Garnisonen, die Kuppeln unsere Helme, die Minarette unsere Bajonette und die Gläubigen unsere Soldaten. Nachdem das Urteil wegen Volksverhetzung am Mittwoch vom Kassationshof bestätigt wurde, bleibt ihm als letzter Weg der Antrag zur Berichtigung des Urteils, der jedoch von derselben Instanz bearbeitet und mit Sicherheit negativ beschieden wird. Erdogan verliert damit seinen Posten, er darf lebenslang nicht für öffentliche Ämter kandidieren, wird aus seiner Partei ausgeschlossen und muß für mindestens vier Monate ins Gefängnis. /TAZ, 25.9.98
Über Gökalp (1876 – 1924) schreibt die FAZ:
Dieser Dichter und Denker aus Diyarbakir im Südosten ist eigentlich der Ideologe des modernen Türkismus, auf dessen Werk „Die Grundlagen des Türkismus“ … sich der Republikgründer Atatürk stützte; mit islamischem Fundamentalismus hatte er wenig im Sinn. Sein Bestreben ging vielmehr dahin, den Islam zu türkisieren, bis in die Sprache hinein. /FAZ 5.11.02, S. 3
Skeptisch gegenüber der Partei Erdogans bleibt der türkische Schriftsteller Nedim Gürsel:
Ich teile den Optimismus gewisser türkischer Intellektueller keineswegs, die denken, die AKP werde sich mit ihrem fortan europäisch angepaßten islamischen Gesicht leicht ins System einfügen. Politische und kulturelle Unverträglichkeiten mit europäischen Werten erscheinen mir offensichtlich. Denn der Islam ist, anders als das Christentum, eine Religion, die der Gemeinschaft einen Code civil vorschreibt und das gesellschaftliche wie das individuelle Leben reglementiert. Er läßt sozusagen keine Form von Weltlichkeit zu. / FAZ 12.11.02
Taz begeistert sich für Lyrik – von Alina Wituchnowskaja:
„Nekrorealismusneger / wir, ein Riesenhaufen Dreck / Marodeure, Lasterjäger / eisgekühlter Intellekt. / Wir, Eroberer der Huren / wir, die ganz genialen Dichter / pusten fremden Kreaturen / scharfen Rauch in die Gesichter“. Immer wieder zieht Alina Wituchnowskaja das Kinn hoch, so, als ob sie sich selbst dazu ermahnen muss, und blickt, während ihre Gedichte vortragen werden, auf die Zuhörer herab, ohne sie wirklich anzusehen, ein wenig autistisch. „Wir, die ganz genialen Dichter / es ist Zeit sich zu beeilen / loszuschießen, zu vernichten / alles eiskalt abzuknallen“./ taz 5.11.02
Alina Wituchnowskaja: „Schwarze Ikone. Gedichte und Prosa“. Aus dem Russischen von Barbara Lehmann und Aleksej Khairetdinov. Dumont Literatur und Kunst Verlag, Köln 2002, 120 Seiten, 14,90 €
Weniger Behagliches widerfährt dagegen Franz Josef Czernin im Gespräch mit dem Germanisten Sebastian Kiefer, zumal der Poetik-Unterredung Kiefers semantische Analyse und Interpretation von Czernins «elemente, sonette» vorangestellt sind. Der Lyriker gerät als Folge davon in die paradoxe Situation, die Reflexion seines Schaffens auf den Spuren seines Hermeneuten betreiben zu müssen. Dass dem Befragten zum Schluss nur mehr eine Frage übrig bleibt, verdeutlicht, wie babylonisch sich Interpretationen ausnehmen, wenn sie an Selbstgewissheit ihren Gegenstand übertreffen – da hilft tatsächlich auch Reden nicht weiter. / Sibylle Birrer über zwei Literaturzeitschriften, NZZ 5.11.02
Die beiden nächsten Alben enthalten jeweils eine ganze Reihe von Liedern, deren Text um radikalste Zerstörungen kreist, während die Musik ihren Affekt bis zur Neutralität hin zurücknimmt.´Die Verse von Ballad Of Hollis Brown zum Beispiel türmen Bilder existentieller Hoffnungslosigkeit regelrecht auf: Ratten im Mehl, ein totes Pferd, schwarzes Gras, ein ausgetrockneter Brunnen, glasige Augen eines Säuglings, der Schrei der Frau. Die reduktionistische Kargheit der Musik indes, respektive der Gleichmut der Gesangslinie bewahren diese Tragödie in elf Strophen vor dem expressiven Extrem, indem sie sie mit einer Atmosphäre versteinerter Trauer überziehen. …
Das Lied mit der größten Spannweite zwischen Vers und Klang ist zweifellos Desolation Row. Daß Dylan diesem frei flottierenden Exzeß an Bildern, Worten und Traumsequenzen überhaupt eine musikalische Gestalt geben konnte, möchte man auch heute noch kaum glauben. Das Gedicht ist als eine der stärksten zeitgenössischen Visionen des Apokalyptischen bezeichnet worden. Allen Ginsberg sah in ihm mit Fug und Recht einen Verwandten seines Geheuls. / Richard Klein, Merkur 4.11.02
Der Weimarer Lyriker und Erzähler Wulf Kirsten erhält den Schiller-Ring 2002. Kirsten werde für seine Verdienste um die deutsche Sprache und Literatur geehrt, teilte die Deutsche Schillerstiftung in Weimar mit. Die mit 30 000 Euro dotierte Auszeichnung wird am Donnerstag in der Bayerischen Akademie der Schönen Künste in München vergeben. Der 1934 in Klipphausen bei Meißen geborene Kirsten veröffentlichte unter anderem die Gedichtbände «Satzanfang» (1970), «Die Erde bei Meißen» (1986) und «Wettersturz» (1999). ddp (4.11.02)
Im neuen Titel -Magazin bespricht Klaus Hübner rapähnliche Westerngedichte:
Franz Dobler: Der Tag an dem ich allen Glück wünschte. Kunstmann Verlag. 2002. CD. ISBN 3-88897-317-1.
Außerdem Gedichte von Florian Vetsch. / 3.11.02
Er war so etwas wie der Heimatdichter der Obdachlosen: Günter Bruno Fuchs . Vollzeitpoet und um die Häuser ziehender Ganztagstrinker, ein dicker Mann aus Berlin-Kreuzberg, wo er 1977 mit nur achtundvierzig Jahren an den Folgen seines bacchantischen Lebenswandels starb. Seine Arbeit, seine ganze Kunst war ja ein poetischer Prozess, den er der Nüchternheit machte, ein friedlicher Angriff auf eine verbreitete Verzichtsmentalität: Verzicht auf Freiheit, auf Schönheit, auf Leben zugunsten einer schicken Beamtenlaufbahn etwa oder sonstiger geordneter Verhältnisse.
Schreibt Gabriele Killert und zitiert zu meiner Freude ein Gedicht, von dem mir ein paar Zeilen im Gedächtnis hängen:
Gestern
Jestern / kam eena klingeln / von Tür zu / Tür. Hat nuscht / jesagt. Kein / Ton. Hat so schräg / sein Kopf / jehalten, war / still. Hat nuscht / jesagt, / als wenn der / von jestern / war / und nur mal / rinnkieken wollte, / wies sich so / lebt.
/ NZZ 2.11.02
Für die FR besucht Norbert Hummelt das Grab Friedrichs II., der als deutscher Kaiser in Palermo die italienische volkssprachliche Dichtung begründete:
Da ist es bezeichnend, dass der modern denkende Staufer Friedrich, sizilianischer Thronerbe und seit 1220 Kaiser des deutschen Reichs, an seinem berühmten Hof in Palermo den Akzent von der Baukunst auf das Wort verlegte, die Architektonik des Gedichts stärker pflegte als die Errichtung neuer Paläste und Kathedralen. Es ist wohl so zu verstehen, dass die Literatur seinen aufs Abstrakte gehenden Ordnungssinn stärker befriedigte. Auch die Falkenjagd als königlicher Sport schien ihm ungenügend, wenn er sie nicht in einem Buch beschreibend fassen konnte. Geschult am Vorbild der provenzalischen Troubadours, schuf man in seiner Scuola siciliana die Voraussetzungen für eine italienische Literatursprache, die sich weltlichen Motiven zuwenden konnte. Giacomo da Lentini kreierte das Sonett. Kein Petrarca, kein Dante ohne diese Schule. Säulengänge aus Versen, Galerien aus Klangbildern, einprägsam durch Metrum und Reim und dadurch transportabel lange vor der Erfindung des Buchdrucks. / FR 2.11.02
Joachim Sartorius über Ulrich Johannes Beil (SZ 2.11.02)
Er war so etwas wie der Heimatdichter der Obdachlosen: Günter Bruno Fuchs. Vollzeitpoet und um die Häuser ziehender Ganztagstrinker, ein dicker Mann aus Berlin-Kreuzberg, wo er 1977 mit nur achtundvierzig Jahren an den Folgen seines bacchantischen Lebenswandels starb. Seine Arbeit, seine ganze Kunst war ja ein poetischer Prozess, den er der Nüchternheit machte, ein friedlicher Angriff auf eine verbreitete Verzichtsmentalität: Verzicht auf Freiheit, auf Schönheit, auf Leben zugunsten einer schicken Beamtenlaufbahn etwa oder sonstiger geordneter Verhältnisse.
Schreibt Gabriele Killert und zitiert zu meiner Freude ein Gedicht, von dem mir ein paar Zeilen im Gedächtnis hängen:
Gestern
Jestern / kam eena klingeln / von Tür zu / Tür. Hat nuscht / jesagt. Kein / Ton. Hat so schräg / sein Kopf / jehalten, war / still. Hat nuscht / jesagt, / als wenn der / von jestern / war / und nur mal / rinnkieken wollte, / wies sich so / lebt.
/ NZZ 2.11.2002
An seinen [Zhang Zaos] und Yang Lians Ausführungen über den [vor 2300 Jahren vertriebenen] Exildichter Qu Yuan kann man die Veränderung des Exilbegriffes in den letzten zehn Jahren ermessen: Sie sinnieren nicht über sein politisches Schicksal, sondern sie sehen ihn als erste individuelle lyrische Stimme in der chinesischen Literaturgeschichte und magischen Sprachvirtuosen. Zhang Zao hebt Qu Yuans transzendentale Bindung an das Göttliche hervor, das zu Unrecht mit der Beziehung zum König verwechselt würde. Ist das Exil für die Schriftsteller zum lyrischen und spirituellen Sprachlabor geworden? In einem Gespräch, das Yang Lian 1993 mit dem in Frankreich lebenden Nobelpreisträger Gao Xingjian führte, geht es vor allem um das Exil als Gelobtes Land literarischer Sprachfindung, die nur fernab vom „sprachlichen Hippietum“ des immer materialistischeren Pop-Bestseller-Buchmarkts in China, der zugleich auf lukrative Rezeption im Westen schielt, geschehen kann. …
Überspitzt gesagt: Chinesische Exilschriftsteller sind nicht, wie etwa bei der Vergabe des Nobelpreises an Gao Xingjian immer wieder kritisiert wurde, von den schöpferischen Quellen ihrer Sprachtradition abgeschnitten, sondern finden durch ihre Mehrsprachigkeit und Exilerfahrung zu neuen Ausdrucksformen, die eine kreative Rückbesinnung auf die chinesische Tradition erst ermöglichen.
/ Wiebcke Denecke, FAZ 01.11.2002, Nr. 254 / Seite 38
Die beiden Star-Poeten gelten als schwierig. Sie geben nur ungern Interviews. Spontan schon gar nicht. Der 72-jährige, in Paris lebende Syrer Adonis, der mit seinen Gedichten ein Brückenbauer zwischen Tradition und westlicher Moderne ist, sieht mit der schwarzen Sonnenbrille und dem dicken, legeren Schal um den Hals wie eine stilvolle Wiederauferstehung des großen Baudelaire aus.
Sein palästinensischer Kollege Machmud Darwisch, der „ungekrönte König unter den königlich verehrten Dichtern“, der in seiner Heimat wie ein Mythos verehrt wird, schreitet langsam und bedächtig, lächelt höflich und zurückhaltend. Unterm Arm hält er den gerade im Ammann Verlag in deutscher Übersetzung erschienen Band „Wir haben ein Land aus Wörtern“.
Auf die Frage, ob Lyrik in der arabischen Welt das sogenannte Herz der Kulturen sei, antwortet Darwisch ein wenig schelmisch, dass der Roman an Dominanz gewinne und die Poesie zum Glück auf dem Rückzug sei: „Nur ein Hirtenvolk drückt sich poetisch aus. Wir sind Gesellschaften, die modern werden.“ / NORA SOBICH, Märkische Allgemeine 1.11.02
Hobbykünstler und Wochenenddichter wechseln sich am Mikrofon ab. Irgendwann betritt ein Mann in Nadelstreifen und roter Krawatte die Bühne: Eugene Schlanger, besser bekannt als „Poet der Wall Street“. Tagsüber arbeitet der stellvertretende Generalanwalt bei Nomura Holding America, der US-Tochter des japanischen Wertpapierhauses. Der 46-jährige ehemalige Staatsanwalt blickt ein wenig scheu ins Publikum. …
Für einen Gedichtzyklus über die Angriffe auf das World Trade Center sucht er momentan noch einen Verleger. „Seine Beobachtungen sind einzigartig“, urteilt Sandra Sanderson, Programmkoordinatorin im Newington Cropsey Cultural Studies Center. / Wirtschaftswoche 1.11.02
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