Renaissance der Experimentellen

Michael Lentz nimmt das Dichten sportlich, mit spielerischer Intelligenz und logischem Scharfsinn. Er probiert vieles von dem aus, was Jean Cocteau seinerzeit schon, umgeben von einer überhitzten Phalanx neoromantischer bis surrealistischer Ausdrucksartisten, den jungen Dichtern zur Abkühlung riet: «verkehrt herum schreiben, die Buchstaben untereinander verbinden, schreiben und das Blatt im Spiegel betrachten, eine geometrische Zeichnung anfertigen, die Worte an die Kreuzpunkte der Linien setzen und die Lücken anschliessend auffüllen, einen berühmten Text umkehren, indem man den Sinn herumdreht . . .» So würde ihr Geist Muskeln ansetzen. Beherzigt haben es wenige, doch immerhin genug, um eine fast hundertjährige Tradition experimenteller Lyrik zu begründen. Gegenwärtig feiert diese Kunstrichtung eine weltweit vernetzte Renaissance, und zwar nicht in klandestinen Poetenzirkeln, sondern auf den grossen Bühnen der Städte, eng verbunden mit der jungen Musikszene. «Aller Ding» ist ein temperamentvolles Kompendium experimenteller Lyrik des 20. Jahrhunderts. Michael Lentz erfindet nichts Neues, aber seine lyrischen Muskelspiele boxen Auswege frei aus der ewigen Aporie zwischen konventioneller Poesie und Avantgarde.

Beatrix Langner, NZZ 13.3.03

Michael Lentz: Aller Ding. Gedichte. S.-Fischer-Verlag, Frankfurt am Main 2003. 193 S., Fr. 33.60.

S.a. SZ 31.3.03

Howard Fast gestorben

Der amerikanische Autor Howard Fast, der vor allem als Romancier bekannt wurde, aber auch Gedichte schrieb, starb im Alter von 88 Jahren. Nachruf in der NYT vom 13.3.03

Böhmers Kaddish

Paulus Böhmers «Kaddish I-X» ist ein 350 Seiten starker Band mit zehn langen Klageliedern («Kaddish»: jüdisches, am Grab gesprochenes Gebet für Verstorbene). Diese Hervorbringungen Lyrik zu nennen, sprengt den Begriff. Böhmers Texte sind unerhörte Ergüsse, gigantische Textleiber, die sich, wie einstweilen Arno Holz‘ «Phantasus», an der Mittelachse entlang über die Seiten schieben. Eher als im deutschsprachigen Raum sind Vorbilder solcher Textströme im US-amerikanischen Langgedicht zu finden, etwa bei Walt Whitman, W.C. Williams, Ezra Pound oder Allen Ginsberg, an dessen «Kaddish» für seine Mutter Naomi der Titel Böhmers erinnert. …

Der zehnte und letzte Kaddish endet mit den Versen: «Ihr Brüder, ach, ihr Schwestern: / Heute ist schon gestern, / Morgen geht schon aus. / Gestern ist noch heute. / Und die grossen und die kleinen Leute / gehen darin ein. / Und aus.»/ Florian Vetsch, St. Galler Tagblatt 10.3.03

Paulus Böhmer: Kaddish I-X. Schöffling Verlag, Frankfurt/M 2002. Fr. 40,90

Schöne Sprechung

 

Eine Antwort kommt mit Dichters Stimme, lieber Michael:

Wenn ich die schöne Sprechung Dir nenne, so mein ich nicht jene,
die durch erhebenden Ton, künstelnden, Schmeichlerin ist:
Oberrichterin ist des Gedichts die Sprechung; was ihr nicht,
ganz sie selber zu sein, mächtiger Reiz ist, vergeht.
 

 

Zum Teufel mit allen Geschäftsideen Lyrik. Besser dann ignorieren oder deutlicher warnen.

(mailt Angelika Janz aus Aschersleben am 10.3.03). – Klopstock!

—- Da hast du Recht, liebe Angelika. Ich fange auch gleich an: und ignoriere das von einer Gedichtzeitschrift ausgeschriene Event „Lyrikband des Jahres“ (wiewohl das belobte Buch gut ist). Selber lesen.

Bachmann – Frisch

Mit dem Verhältnis Bachmann – Frisch (und Germanistik) beschäftigt sich Franz Haas in der NZZ vom 8.3.03:

In «Malina» wird der Widerspruch gegen Max Frisch nur noch in Zwischentönen deutlich, denn die Autorin hat bereits ihre erneute Zwiesprache mit Paul Celan verstärkt, dem sie sich in ihrer Poetik weitaus näher fühlen musste. Celan war schon längst vor Frisch ein Dialogpartner in Bachmanns Gedichten, er würde es auch danach wieder sein. Dazwischen aber war jener Schreckensmoment, der Jahre dauerte, in dem sie sich mit dem «Todesarten»-Projekt herumschlug, mit dem «Eheduell» und seinen Varianten, die sie allesamt so lange verwarf und vom allzu sichtbar Persönlichen befreite, bis schliesslich «Malina» entstand und vor ihrem Urteil bestehen konnte.

13.000 Gedichte

Die Presse aus Wien kommentiert die Demonstration der Dichter gegen den Krieg, die der Lyriker Sam Hamill organisiert hat (s. L&P 02/2003 – Vgl. auch hier). Auf seinem Aufruf, Gedichte gegen den Krieg einzusenden, kamen 13.000 Gedichte. / 7.3.03

13.000 Gedichte gegen den Krieg. Ist das viel? Nicht im Vergleich mit den Millionen Gedichten, die zum Beginn des Ersten Weltkriegs geschrieben wurden. Damals erfasste die jungen Männer vom Atlantik bis zum Ural, die freiwillig ins Feld zogen, eine regelrechte Kriegslyrik-Hysterie. Mit Hölderlin im Tornister wurde für das Vaterland gekämpft und gedichtet. Die Ernüchterung kam erst später, im Dreck der Schützengräben.

Alterslyrik Johannes Pauls II.

Über die am Vortag veröffentlichte Alterslyrik Johannes Pauls II. schreibt Christian Esch in der Berliner Zeitung vom 7.3.03:

Die Last des Amtes, die auch diesen Menschen sichtbar niedergedrückt hat, verleiht auch diesen Worten Gewicht. Das Amt – und das heißt auch: die Macht zum Guten wie zum Bösen, ist vom Leben nicht zu trennen, und macht das Sterben schwerer.

Über den Tod schreibt der schwer kranke, 82-jährige Johannes Paul II. auch an einer anderen Stelle: „Das, was wohlgeformt war, wird unförmig. Das, was lebendig war – ist jetzt leblos. Das, was schön war – ist jetzt hässliche Verwüstung. Doch ich sterbe nicht ganz, denn das, was in mir ist, dauert fort als unzerstörbar.“

Der Beitrag der Süddeutschen zitiert aus einem frühen Stück (1940) des heutigen Papstes:

„In meinen Reden“, sagt der Dichter und Priester aus Polen, „liegt der Verzweiflung Ruf. Es reicht zuweilen hinzusehen und du nimmst wahr, nimmst wahr.“

Papstlyrik

Am 6.3.03 wird eine Gedichtsammlung von Papst Johannes Paul II. unter dem Titel „Römisches Triptychon“ veröffentlicht. Auf zeitgleichen Pressekonferenzen in Krakau und Rom sollen die polnische und die italienische Fassung präsentiert werden.

Missachtung und Tabu

In der FR vom 6.3.03 geht Hanno Loewy noch einmal auf Klaus Brieglebs Streitschrift zum Thema Antisemitismus in der Gruppe 47 ein:

Mancher geht dabei so weit, Brieglebs Argumente zu pathologisieren. Reinhard Baumgart vergleicht ihn schließlich gar mit David Irving. Nun ja – als Paul Celan 1952 auf der 47er Tagung in Niendorf ausgelacht wurde, da hätte sein „pathetischer“ Vortragsstil die 47er, wie Walter Jens sich ganz arglos äußerte, an Joseph Goebbels erinnert. Man ist also selbst nicht zimperlich, wenn der Spaß aufhört. Die interessante Frage aber ist, warum eigentlich der Spaß gerade hier aufhört.

Ist Brieglebs Streitschrift am Ende doch nicht Ausdruck einer „Anti-Richter (-Walser, -Grass, -Raddatz, -Kaiser)-Obsession“ (Frauke Meyer-Gosau), sondern etwas Einfacheres: Ausdruck einer Wut? Einer Wut, die ein Spiel wie „mein Name ist Hase, ich weiß von nichts“ unweigerlich erzeugt. Einer Wut, die in eine verletzende, vor allem aber eigene Verletzung preisgebende Verbindung von Polemik und Essay mündet. Ist Brieglebs Wut eine zwar nicht kluge, aber verständliche Reaktion auf ein Phänomen, dessen Gestalt wir im Verhalten eines Raddatz, eines Jens oder Baumgart erneut, sozusagen frisch studieren können?

Briegleb, Klaus
Missachtung und Tabu
Eine Streitschrift über die Frage: Wie antisemitisch war die Gruppe 47?
(Philo) ISBN 3-8257-0300-2
42,80 sFr / 24,90 Eur[D] / 25,60 Eur[A]

Netzwerk Städte der Zuflucht

Die Stadt Weimar will aus finanziellen Gründen aus dem „Netzwerk Städte der Zuflucht“ aussteigen. Diese internationale Initiative nimmt bedrohte Schriftsteller für eine gewisse Zeit auf. Als bislang einzigen Schriftsteller betreute der Weimarer Förderverein seit April 2001 den im Iran verfolgten Dichter Kazem Kardavani, der nach knapp zweijährigem Aufenthalt ein Promotionsstudium in Berlin aufnahm. / MDR-Nachrichten, 5.3.03

Kardavani war Vorstandsmitglied des iranischen Schriftstellerverbandes und nahm an einer Berliner Konferenz der Heinrich-Böll-Stiftung mit iranischen Persönlichkeiten im April 2000 teil. Nach Iran zurückgekehrte Teilnehmer bekamen drakonische Haftstrafen.

Georgischer Generalissimus

In der Berliner Morgenpost vom 5.3.03 gedenkt Günter Kunert des georgischen Generalissimus, der heute vor 50 Jahren starb, wie war noch sein jeweiliger Name? – – – In der Berliner Zeitung ist es Erich Loest (auch er mit schönen Zitaten aus der DDR-Lyrik). – – – Auch nahe beim Thema: Im Zensur-ABC der Berliner Zeitung vom 4.3.03 erinnert Simone Barck an eine 1961 endgültig gestorbene Expressionismus-Anthologie, die der Dichter Erich Arendt für den Inselverlag zusammengestellt hatte. (Erst 1968 konnte dann die berühmte Anthologie Menschheitsdämmerung erscheinen, zum Preis von 2,50 Mark auch für Schüler erschwinglich).

Audio-Archiv NYT

Wie auf Bestellung (vgl. L&P 02/2003, Thema FAZ) spendiert die New York Times Links auf ihr Audio-Archiv. Hier ein paar Leckerbissen:

Allen Ginsberg Reads From His Poetry, 1977

Auden, W. H.: Reading, 1972.

Hughes, Langston: Reading

Plath, Sylvia: Selected Readings.
Poetry: Favorite Poem Readings, 1999.
Ponsot, Marie: Reading, 2002.

Smith, Patti: Reading, 1998.

Die Ginsberg-Lesung dauert 42 Minuten. Auch gibt es dort Bilder sowie Links auf zahlreiche Artikel über Ginsberg seit 1961. / 4.3.03

40 Jahre Text + Kritik

Zum Jubiläum erschien:

Text + Kritik. Nr. 157. Themenheft: Peter Huchel. Edition Text + Kritik, München. 98 Seiten, 14 Euro.

(Besprochen in Nürnberger Nachrichten 3.3.03)

Weiter aus Regionalzeitungen:
In der Schweriner Volkszeitung vom 3.3.03 berichtet Wolfgang Dalk über eine Schweriner Entdeckung: Johannes Bobrowski (an den Klaus Wagenbach erinnerte). (Dazu auch die Rostocker Ostsee-Zeitung vom 3.3.03) – – – Die Kieler Nachrichten vom 3.3.03 schreiben über Lyrik im Netz und das Forum der 13. – – – Neues Deutschland informiert über eine Veranstaltung gegen den Krieg im Deutschen Theater Berlin. Mit dabei: die irakischen Dichter Sargon Boulos und Amal Al-Joubouri sowie Volker Braun. – – – Günter Grass, Gleisdreieck stellt Rolf Schneider vor, Berliner Morgenpost vom 1.3.03

Haikus von Jack Kerouac

Drei amerikanische Haikus von Jack Kerouac spendiert The New Yorker vom 3.3.03 online. (Nur im Druck: Gedichte von Seamus Heaney und CK. Williams)

Obsession with sex and sin

The obsession with sex and sin in his poetry – he proves to be a far more personal poet than he wanted anyone to think he was – and in a great many of his literary essays, along with his profound expressions of guilt and of the need for expiation, may seem peculiarly at odds with the stark impoverishment and extraordinary infrequency of sexual contact in his life. In a letter written in April 1928, and quoted to good effect by Seymour-Jones, he wrote to his confessor, the Rev. William Force Stead, that he was in need of ‚the most severe . . . the most Latin kind of discipline, Ignatian or other. It is a question of compensation. I feel that nothing could be too ascetic, too violent for my own needs.‘ This was written at the time of his conversion and of the vow of chastity that soon followed. The passion and conviction about sex, sin and damnation in Eliot’s life and in his writing cannot adequately be appreciated unless its seeming contradictions are recognised as not at all eccentric or special to him. / Richard Poirier, London Review of Books 3.3.03 über T.S. Eliot in einer Besprechung der Biographie seiner ersten Frau Vivienne Eliot.

Painted Shadow: A Life of Vivienne Eliot by Carole Seymour-Jones. Constable, 702 pp, £9.99

Vgl. im Archiv der Lyrikzeitung die Ausgaben April, Mai und Juli 2002.

In dem beeindruckenden Jahrhundertarchiv des Times Literary Supplement findet sich ein Leserbrief von T.S.Eliot vom 22. April 1920 über „The Criticism of Poetry“ als kostenloses Beispiel. (Das Archiv ist kostenpflichtig, erlaubt aber eine kostenlose Probezeit.)