Kategorie: Europa

„wie vernünftig sind wir“

„wie vernünftig sind wir.
wie vertrottelt seid ihr.
das volk hat immer recht.
ihr könnt uns gern haben.“

Liebliches Fest – und fast alle kamen

Pfingsten, das liebliche Fest, war gekommen! es grünten und blühten
Feld und Wald; auf Hügeln und Höhn, in Büschen und Hecken
Übten ein fröhliches Lied die neuermunterten Vögel;
Jede Wiese sproßte von Blumen in duftenden Gründen,
Festlich heiter glänzte der Himmel und farbig die Erde.

vergiss das feuer nicht

schon beim frühstück
(blaues thermos, muckefuck, mehrfruchtmarmelade)
lauschte ich den rechenzentren.

Der Tod hat ein Datum

Der Tod hat ein Datum.
Er zeichnet zierliche
Risse und Rillen
in unser Fleisch,
zählt stolz jede Sekunde
rückwärts in uns,
atmet kaum hörbar
jede Stunde aus

An die Platane!

Gleichmütig zog ihn zurück der Strick
an die Platane.

Alles Gute, Alter

Ich werde jetzt erstmal Geburtstag haben,
ich werde ganz ruhig bleiben
und nichts machen
und einfach Geburtstag haben

während die unruhe wächst

In der luft die viel zu schweren vögel über den östlichen gebieten
entlang der frontlinien von uns ungesehen falterhafte schwärme
sturzflüge das zittern in den böden

Das ging schnell mit vergessen

Keine post im kasten
keiner kommt auf besuch
Telefon wird mir zu teuer.
Bleibt das geliehene buch
Das ging schnell mit vergessen
Menschheitsdämmerung dahin
Halten die freunde? hält der kurs?
wer zahlt den statusgewinn?

Freude / am Märchen, das ist an der Wirklichkeit

die Kunst, sicher
ist dieses uralte umfriedete Land, dein
von alters, wir wohnen in deinem Land

Antistrophen

Flugzeuge und die Wunder der Technik – wozu
dienen sie, wenn die Menschen einander nicht
ins Gesicht schauen?

Expressionismus aus Rumänien

An Haltestellen Gesichtermeere sich stauen,
Blanke Kastanienblütenfackeln leuchten im Blauen,
Entsetzen stottert krank aus krummen Altweibermündern,
Staub spritzt aus strahlenden Haaren von spielenden Kindern

Wie teilt man ein Bett?

Wie teilt man ein Bett? Setzt man einen Schwan hinein
lässt die Sonne hinter den Vorhängen kreisen? Katze und Hund
gesellen sich dazu. Katze am Fußende, der zarte Köter
zwischen Brust und Schlüsselbein.

Thomas Müntzer

Hier ruht der Schwärmer Haupt, der Bauern Arme-Ritter,
Es schmeckt ihm zwar der Tod, wie seinen Brüdern, bitter.
Doch glaubt: es sei sein Geist nicht gänzlich beigelegt,
Weil er sich heute noch in mancher Seele regt.

O meine Zizi

Deine kleinen Füße auf meinen großen Brüsten

Im Hyperbett mit angezogenen Beinen

Birgit Kempker verlangt nicht wenig vom Leser, von der Leserin – allem voran dieselbe Offenheit, das Stimmenhören, die schnelle Beweglichkeit zwischen Sprachkonstruktion und Lebenskonstruktion, die auch ihre Texte aufweisen.