Die Schritte

Zum 150. Geburtstag von Paul Valéry

Paul Valéry 

(* 30. Oktober 1871 in Sète, Département Hérault; † 20. Juli 1945 in Paris)

Les pas

Tes pas, enfants de mon silence,
Saintement, lentement placés,
Vers le lit de ma vigilance
Procèdent muets et glacés.

Personne pure, ombre divine,
Qu'ils sont doux, tes pas retenus !
Dieux !... tous les dons que je devine
Viennent à moi sur ces pieds nus !

Si, de tes lèvres avancées,
Tu prépares pour l'apaiser,
A l'habitant de mes pensées
La nourriture d'un baiser,

Ne hâte pas cet acte tendre,
Douceur d'être et de n'être pas,
Car j'ai vécu de vous attendre,
Et mon coeur n'était que vos pas.
Die Schritte

Deine Schritte, als meines Schweigens
Kinder, arglos und langsam gesetzt,
nahn sie dem Bette, wo ich mich eigens
wachsam halte, und frieren jetzt.

Göttlicher Schatten, du reine, du gute,
o deiner Schritte verhaltener Gruß!
Was ich, ihr Götter, an Gaben vermute,
kommt jetzt zu mir auf entkleidetem Fuß!

Wenn deine Lippen vielleicht schon vom Weiten
jenem, der in mir sich bergen muß,
seine unendliche Stillung bereiten
endlich in dem nährenden Kuß,

eile mir nicht zum Vollzüge, dem zarten,
Süße, drin Sein und Nichtsein stritt,
denn ich lebte vom Dich-Erwarten,
und mein Herz war nichts als dein Schritt.

Deutsch von Rainer Maria Rilke, aus: Französische Lyrik von Baudelaire bis zur Gegenwart, zweisprachig. Hrsg. Kurt Schnelle. Leipzig: Reclam, 1967, S. 147

Prosaübersetzung von Eva-Maria Schulz-Jander

Deine Schritte, Kinder meines Schweigens, heilig, langsam gesetzt, bewegen sich stumm und eisig auf das Bett meines Wachens zu.

Reines Wesen, göttlicher Schatten, wie wohltuend sind deine verhaltenen Schritte! Götter!... alle Geschenke, die ich erahne, kommen zu mir auf diesen nackten Füßen!

Wenn, mit deinen zugespitzten Lippen, du dem Bewohner meiner Gedanken, um ihn zu beruhigen, die Nahrung eines Kusses vorbereitest, 

Übereile nicht diesen zarten Akt, Süße zu sein und nicht zu sein, denn ich lebte davon euch zu erwarten, und mein Herz war nichts als eure Schritte.

Aus: Poesie der Welt. Frankreich. Berlin: Edition Stichnote im Propyläen verlag / Ullstein. 1985, S. 272f

Wie soll man Verse sprechen?

Das ist, weiß Gott, ein heikles Thema! Alles was auf Dichtung Bezug hat, ist schwierig. Alle, die sich damit befassen, sind von ausgesuchter Reizsamkeit. Das unentwirrbare Verschränktsein dessen, was jeder einzelne fühlt, mit dem, was die Allgemeinheit fordert, gibt Gelegenheit zu unendlichen Mißverständnissen. Nichts ist natürlicher, als nicht zueinander zu finden; das Gegenteil würde in jedem Falle überraschen. Ich glaube, daß es nichts gibt, über das man zu einer Verständigung anders denn aus Versehen kommen könnte, und daß aller Einklang unter Menschen die glückhafte Frucht eines Irrtumes ist.

Paul Valéry: Über Kunst. Essays. Deutsch von Carlo Schmid. Frankfurt/Main: Suhrkamp, 1973, S. 26

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