Kategorie: Deutsch

Rückwärts

Die teure Schachtel mit mir, dem teuren
Verblichenen, stieg schnell empor.
Der Deckel klappte hoch, und ich
erhob mich und fühlte gleich: drei
Geschosse fuhren aus meiner Brust
in die Gewehre der Soldaten, die
abmarschierten, schnappend
aus der Luft ein Lied,
im ruhig festen Tritt
rückwärts.

Ihr Irren

Ihr, Lieben, Trunkenbolde, Zeterer, lausige Schimpfer,
Maulhelden, Knallköpfe, Süßschnaufende, Zyniker, Zweifler,
ihr Melancholiker jenseits des Mondes

Manchmal

die Liebe sucht Eingang
durch die Rundungen eines Knopflochs,
und der Tod verabschiedet sich
im Fall mit einem Fehltritt
von der letzten Stufe.

Der Baum der Kneipen

Und dann gingen wir noch
Den Maler Ebert am Stadtrand besuchen
Da stellten wir fest: Frühjahr war: den Wiesen am Fluß
Wuchs schon was und die Sträucher
Beblätterten sich und Vögel
Rieselten raus. Wo er wohnt
Ist die Saale sanft gebogen und die Schwärze
Überspannt mit zierlicher Wölbung ein Brückchen.

Lassen Sie das Kontinuum frei

Bitte versuchen Sie,
mich nicht in Begrifflichkeiten zu fassen.
Lassen Sie das Kontinuum frei.
Die Ranunkeln sind Handelsklasse A.
Kann der Wasserhahn nicht stehen bleiben?
Pathos tropft!
Ich schwöre.
Mein Parfum heißt L’INTERDIT.
Es ist so wunderbar, ein „R“ über die
Zunge rollen zu lassen.
Mache ich aber nicht.
Contenance!

Sexuelle Darstellung als Arbeit an und Zugang zur Wir®klichkeit

Libido fluktuiert. Frische Ritze. Lustprinzip.
Pfui! Liesl spukt. Ilse fischelt. Bi oder wie? Liesl
verzichtet: Sublimieren ist richtig. Ilse befiehlt:
Lust-Ich! Du liebst mich! Liesl reagiert nicht.

His own song: Ernst Jandl 1925-2000

nicht wie ihr mich wollt
wie ich sein will will ich sein
nicht wie ihr mich wollt
wie ich bin will ich sein
nicht wie ihr mich wollt
wie ich will ich sein

Andere Zeit

Wer zwischen Zeilen gerät
lebt in der anderen Zeit.
In ihr ists nie zu spät
für kurze Ewigkeit.

Österreichisches Gedicht

8 Die Sonne macht untergehend eine Bergkante sichtbar
und hinter den Lärchen erscheint der Mond:
Eins gibt das andre
und man freut sich

9 Eins gibt das andre
und man freut sich:
und die Freude gibt wieder ein andres

Ist das der Blödsinn?

«Ist dies», sagt man, «der Blödsinn,
den wir von unsern Dichtern erwarten ?»
«Wo bleibt das Pittoreske?»
«Wo bleibt der Strudel der Gefühle ?»
«Nein! Sein erstes Werk war das Beste.»
«Der Ärmste hat seine Ideale verloren.»

Krankfurt

152 Wörter, 1 Minute Lesezeit Jörg Fauser  (* 16. Juli 1944 in Bad Schwalbach, Taunus; † 17. Juli 1987 in München)  Frankfurt am Main (I)Trunken vom Höhenwahn meldet neuen Rekord die Deutsche Bank:67 Zentimeterwird ihre Zentrale die Konkurrenz überragen.Schau dir die Trümmer an sagt bei der… Continue Reading „Krankfurt“

fehlmärchen

kein und aber
verliefen sich im
wald aber erschlug
kein und kein
kind nicht einmal
wind bliebe der
aber vertriebe

Büchersaal

Aller Dichter An-die-Sterne-Greifen,
aller Denker Rechten mit der Welt;
Hoffnungen, die kühn ins Leere reifen,
Glauben, taub und blind auf Stein gestellt

Ich sage:

Das bin also ich, wie ich das Land durchquere, es mir erschließe. Und ich trage eine große Lampe an der Stirn, einen Detektor für außergewöhnliche Vorkommnisse vor der Brust, einen Expeditionshut, beige, auf dem Kopf, ich trage meinen Kopf, und gegen das gleißende Weiß, die Schneewehen, gegen die vaskuläre Erschlaffung, den anästhesierten Blick formuliere ich widerspenstige Sätze.

natürlich

das tafelsilber entsorgen
mit oder ohne segen
das weltliche segnen
ohne reue ohne trost