Ach, Deutschland ist klein geworden

312 Wörter, 2 Minuten Lesedauer.

Gedichte retten nicht das Klima und ändern nicht die Welt. Manchmal halten sie einen kleinen psychischen oder geschichtlichen Moment fest, dass wir ihn für ein paar Augenblicke sehen. Hier ein Gedicht eines vergessenen „proletarischen“ Dichters, der heute vor 125 Jahren geboren wurde. 1948 erschien im Ostberliner Dietz Verlag, der der offizielle Verlag der SED war und sonst die Dokumente der Parteitage und die Schriften von Marx, Engels und Lenin (anfangs auch Stalin) druckte, ein Gedichtband von Hans Lorbeer. Lorbeer war Gründungsmitglied des Bundes proletarisch-revolutionärer Schriftsteller (1928). Die Nazis sperrten ihn ein, die Kommunisten schlossen ihn aus und nahmen ihn wieder auf. Am 8. Mai 1945 ernannte ihn die sowjetische Besatzungsmacht zum Bürgermeister seiner Stadt Piesteritz. In diesem Gedicht schildert er einen Moment aus der Bürgermeisterzeit – die Ankunft einer Flüchtlingsfamilie. Deutschland ist klein geworden … vom Osten kommen die Flüchtlinge. In der DDR-Literatur war das dann kein Thema mehr.

Hans Lorbeer 

(* 15. August 1901 in Kleinwittenberg; † 7. September 1973 in Lutherstadt Wittenberg) 

Kinder auf der Rathaustreppe

Der Vater und die Mutter sind
zum Bürgermeister gegangen.
Vier Kinder stehn im Sommerwind
mit winterbleichen Wangen.

Der Vater spricht, die Mutter weint,
der Bürgermeister beschwichtigt.

Die Kinder stehen eng vereint
und werden flüchtig besichtigt.


Der dicke Fleischer kommt und guckt
erschrocken und unzufrieden,
worauf er auf die Stufen spuckt:
– es ist kein Heil hinieden...

Die Frau vom Doktor Knobeloch,
sie macht einen kleinen Bogen;
vom Osten her da kommt ja doch
nur Ungeziefer gezogen...

Herr Schneider Fatz und Frau Helen,
die Krämer und Krämerinnen,
sie alle sehn die Kinder stehn
und rauschen schnell von hinnen.

Die Kinder stehen bang vereint.
Ach, Deutschland ist klein geworden,
klein auch sein Herze, wie es scheint,
man spürt es allerorten...

Die Kinder stehn in Leid und Not.
Mein Deutschland, du siehst sie stehen;
dein Krieg nahm ihnen Bett und Brot.
Sag, was soll nun geschehen - - - ?

Aus: Hans Lorbeer, Die Gitterharfe. Gedichte 1933-1945. Berlin: Dietz, 1948, S. 109f.

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