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1.181 Wörter, 6 Minuten Lesezeit für 8 Gedichte
G&GN-INSTITUT, Düsseldorf im Januar 2026 / In der frisch erschienenen Antilyrik-Anthologie „DISKRETE DICHTUNG“ präsentieren sich 12 Autoren garniert von Collagen des Künstlerduos Stefan Heuer & Boris Kerenski mit „totgeschwiegenen Gedichten für Lyrikhasser, nicht für den Deutschunterricht geeignet“, so der Untertitel. Die Texte stammen von Michael Augustin, Marvin Chlada, Claus Eckermann, Gabriele Hasmann, Stefan Heuer, Ulrich Jösting, Tanja ‚Lulu‘ Play Nerd, Kai Pohl, Sophie Reyer, Clemens Schittko, Silke Vogten und dem Herausgeber Tom de Toys, der im Vorwort schreibt:
„Eine Anthologie mit Gedichten kann den Lauf der Dinge zwar nicht grundlegend ändern, aber wenigstens lässt sich so dokumentieren, dass es Literaten gibt, die sich der Königsdisziplin Poesie auf eine extrem kritische und sogar selbstkritische Art und Weise widmen; denn alle hier versammelten Autoren sind selber gestandene Persönlichkeiten der Lyrikszene und daher irgendwie mehr oder weniger ungewollt oder aus Notwehr Nestbeschmutzer. (…) An dieser Stelle sei betont, dass die Lyriker, die hier zusammenfanden, nur eine Handvoll hergelaufener Narren sind, die für kein Königtum arbeiten und daher der eigenen Szene und damit auch gleichzeitig sich selber den Spiegel vorhalten.“
V-Leute
Angeblich werden rund dreiundsechzig Prozent
aller deutschsprachigen Gedichte von in die
Poesieszene eingeschleusten V-Leuten geschrieben
Totgeschwiegene Zeilen
Man sagt, Gedichte sollen tanzen,
in Feuilletons Champagner trinken,
sich auf Podien verneigen,
mit wichtigem Blick und gestärktem Hemdkragen.
Meine Verse tragen Turnschuhe,
kauern im Hinterhof,
spucken auf das Glanzpapier
der Lyrik-Preisjurys.
Sie hassen die Soufflésätze
der Stipendiaten,
die Glitzermetaphern
der Förderprogramme.
Totgeschwiegene Zeilen
machen keine Karriere.
Sie flüstern nur in Hinterzimmern:
"Fuck the System."
Und das reicht ihnen völlig.
Zeichensetzung
und die
die bei,
mir immer
bemäkeln ich könnte!
keine kommata
setzen
und, wüsste nicht mit
ausrufezeichen
!umzugehen
sind gottseidank
die
mit, dem fragezeichen
auf der Stirn
gänseblümchenblätter
weine wasser in dem dunklen zimmer schreie mir die kehle
aus dem hals nach hilfe gib mir die gänseblume und ich
sage dir ich liebe dich du liebst mich nicht reiße sie raus
die messerstiche zerzupfe mein hirn scheiß auf dieses
blumenamputierspiel auf sommertagromantik sprenge
jede schmusewiese lyrisch kommt es mir stoßweise hilfe
zerfließe wie dalis uhr und brauche die krücken bin
durchbohrt von ligabues adlerblick schwarze
raben machen wahnsinnig wie auch winddurchwühlte
kornfelder der schreiende bacon hält im schlachthaus
ein blutiges ohr in der hand kopf eingeschnürt in
mullbinden der schädel mit gabeln und messern
durchstochen ein felsen zerquetscht mein herz werfe
sie weg die gänseblume zertrete sie mit hass schmerzen
aufgezerrt von klammerhaften erinnerungen duftende
frühlingswaldspaziergänge hast mir die streichelhändearmebeine
vom leib gerissen bacon male mich ich liebe dich
du liebst mich nicht auf stümpfen quält sich die
sehnsucht durch den tag hohl und langgedehnt
dieses wort
Oralkodex
Ahoi ihr Schatten auf dem sinkenden Riff,
es sieht so aus, als sei das Leben eine Mode,
und das will was heißen, am nicht mehr ganz
frischen Anfang dieses restlos aufgeklärten
Jubeljahrhunderts! Jeder Fliegenschiß wird
zur Legende, vorausgesetzt, die Kamera hält
lange genug drauf. Und klar, eine Mode kann
man für beendet erklären, wenn die Notration
aufgebraucht ist, und trotzdem noch soviel
Monat übrig. Aber das Leben läuft weiter,
und ich kann nur hoffen, daß ihr mir meinen
staatstragenden Ungehorsam nicht allzu übel
nehmt und mir den Mitesserstatus weiterhin
gewährt. Übrigens, meine Bücher könnt ihr
kaufen, die Gedichte sind geschenkt; mich
kriegt ihr nicht.
Liebesgedicht an das Scheitern
Ich scheiterte am Literaturtrieb
mein Fragen trieb mich weiter
nie backte ich Clemens Setz
Kekse in Reizunterwäsche
um bei Suhrkamp
reinzukommen obwohl
er es angeboten hat
egal
egal ich
bleib Ich:
Meine inneren Verdrehungen
mein logisches Zittern
meine unerträgliche Zerrissenheit
meine geheime Tiefe die mich rief
und mein Ich: durch die Schwerkraft
zusammengezogener
durch Strahlendruck
ausgedehnter
Stern
mein geliebter Irrtum
mein Herzpulsar Fehler
mein unmögliches Spiel
mein zu Hause als Weg
mein Versagen als Maske: nie Marke
und mein Nicht – Ich
immer mein Nicht – Ich
hin von sich und
meine inneren Verdrehungen
:
Ich stehe nicht mehr
an meinem Platz
am Platz meines Ich
steh ich nicht mehr
schütte mir Wodka
auf die bloßen Füße
falle in Tiefschlaf
wach wieder auf
will mein Ich freiwaschen
wieder so
wie jeden Tag
aber wo? Ich stehe nicht mehr
an meinem Platz
VER(RAM)S(CHT)E AUS DEM OFF, TEIL 03
dieses gedicht kann von jedem gelesen werden es wurde mit voller absicht für die desinteressierte masse geschrieben weil das internet wiedermal nicht funktioniert und daher alle nervös und gelangweilt auf ihren plätzen herumrutschen das ist die marktlücke mit der wir die lyrik geschickt unter die leute bringen es gilt dieses unerwartete zeitfenster für mehr aufmerksamkeit zu nutzen solange die leute sowieso in die landschaft glotzen um darauf zu warten dass sie wieder mit digitalen informationen berieselt werden haben die gegenwartsdichter eine echte chance sie könnten sich also mitten auf die wiese stellen und ihr veganes gedicht wie ein flugzeuglotse performen oder sich in einem fensterrahmen präsentieren um ein tabuloses gedicht gegen gute bezahlung anzubieten der mensch interessiert sich im grunde für alles solange er warten muss ein gespräch mit einem fremden der ebenfalls wartet das zählen von blumen am wegesrand oder auch in gedanken die nächste woche durchplanen um zuhause zeit zu sparen die man zum kochen benötigt oder auch pickel ausdrücken gereizte hautstellen untersuchen die kopfhaut kratzen die schuhe binden den staub von der hose klopfen auf die uhr schauen nochmal auf die uhr schauen das gespräch mit dem fremden fortsetzen und dann im augenwinkel die plakatwerbung mit produktlyrik bemerken und dann macht es klick und dem mensch fällt es wieder ein: in der tasche steckt irgendwo ein gedichtband als eiserne reserve für regentage (und wenn die leitung gestört ist) ein echtes buch in einem echten verlag mit gedichten gefüllt und dem vorwort des echten verlegers UND dem literaturtheoretischen nachwort einer koryphäe des lyrikbetriebs bis das internet wieder funktioniert haben daher die meisten menschen mindestens 1 gedicht irgendwo aufgeschnappt und erinnern sich später beim auspacken der einkaufstüten daran das ist ein großer erfolg für die poesie wenn nicht sogar eine revolution die dazu führt dass eine neue germanistische gattung in den betrieb eingeführt wird die literaturwelt überschlägt sich vor begeisterung die ÜBERBRÜCKUNGSLYRIK wurde erfunden! die leute sitzen endlich wieder still und das internet geht wieder alle googlen ganz aufgeregt und befragen ihren KI assistenten: was ist überbrückungslyrik? nenne mir einige berühmte vertreter
Der Kulturbetrieb und die Wildgänse
da press ich mich
nicht auch noch rein
da misch ich nicht mit
und schrei nicht im Chor
da like ich mal gar nix
und biedere nicht rum
da interessiert mich
jedes Weidenkätzchen
am Wegrand mehr
und jede Wildgans
auf ihrem Weg in den
Norden und zurück
nötigt mir
mehr Respekt ab
Aus der Anthologie „DISKRETE DICHTUNG – 12 Autoren & 2 Collagenkünstler: Totgeschwiegene Gedichte für Lyrikhasser, nicht für den Deutschunterricht geeignet!“; mit Beiträgen von Michael Augustin, Marvin Chlada, Claus Eckermann, Gabriele Hasmann, Stefan Heuer, Ulrich Jösting, Boris Kerenski, Tanja ‚Lulu‘ Play Nerd, Kai Pohl, Sophie Reyer, Clemens Schittko, Tom de Toys, Silke Vogten; ISBN 9783695117772; BoD-Verlag 1.1.2026; WEITERE LESEPROBEN: www.Antilyrik.de

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