Verachtung der Welt

Sibylla Schwarz

(* 24. Februar 1621 Greifswald, † 10. August 1638 ebenda)

Anmerkungen zu diesem Gedicht (das in der Erstausgabe von 1650 durch einen Druckfehler „Betrachtung der Welt“ überschrieben ist) und speziell zu den Versen 5-8 hier unter dem Gedicht. Textfassung und Kommentar nach dem zweiten Band meiner Werkausgabe, der in diesem Herbst im Leipziger Verlag Reinecke & Voß erscheint. M.G.

Verachtung der Welt. 
Mehrer theils auß dem Niderlen=
dischen verteutscht. 

O Daß Jch steigen möcht auß diesen tieffen Hölen / 
Bis an des Himmels Dach / zu den verklährten Sehlen / 
Nur einmahl anzusehn / was oben ist bereit / 
Was uns erfrewen wirt nach dieser trüeben Zeit !
Jch weiß nicht / wor ich bin / mein Hertz begint zu funcken / 
Durch ungewohnten Brandt / die Sinnen werden truncken / 
Der Geist steht auf dem  Sprunck / die Sprach ist ungehemt / 
Die Feder ist vol Safft und gäntzlich ungezähmbt. 
Jch scheide von dem Fleisch / und leg es gantz beyseiten / 
Jch klimme nun hinauff ans Hauß der Ewigkeiten / 
Jch komb schon an das Liecht / und an den hellen Tagk / 
Dahin der bleiche Todt den Pfeil nicht schießen magk. ¶
Jch flieg itzt ausser mir / ich fliege von der Erden / 
Jch fliege Himmel an mit ungezähmbten Pferden / 
Jch seh ein klares Nas und Christallinen Bach / 
Jch seh den Lebensbaumb / Jch seh der Tage Tag / 
Jch hör ein großes Volck des Herren Thaten singen / 
Wohin doch / (O Vernunfft !) wie weit wiltu dich zwingen ?
Jch seh das reine Lamb / und die geliebte stehn / 
O mögt Jch (Lieber Gott : ) O möcht ich weiter gehn !
Wegk / wegk / du schnöde Welt mit deinen argen Rencken / 
Jch will itzt höher gehn / und dein nicht mehr gedencken.
Du bist nur wandelbahr / dich frist die schnelle Zeit / 
Dein gantzes Thun ist Staub / balt Lust balt wieder Leidt.
Was will Jch dir / O Wellt ! für einen Nahmen finden !
Jch zweiffle / was ich thu / undt kan dich nicht entbinden / 
Du Gordianscher Knopf  / du grosser Labyrinth / 
Du Jrwisch / wer dir folgt / verirt / verwirt / verschwindt.
Man hört ja offtermahls die Frewde selber klagen :
Wie schnell ist doch die Zeit / die alles kan verjagen ?
Es scheint / daß ein Gespänst uns aus der Welt vertreibt / 
Es ist nur Wasser / Windt / was nicht beständig bleibt.
Liebt Jemand einen Freundt in Lieb / in Lust / in Leiden / 
Es kompt in kurtzer Zeit / es kompt ein bitter scheiden / 
Wie mehr man dan mit ihm in süßer Lust verirrt / 
Wie schwerer uns hernach das schwere Scheiden wirt.
Asverus grosses Fest / von hundert achtzig Tagen / 
Hat lengst die schnelle Zeit mit sich hinwegk getragen ;
Das Leit hat auch sein Ziel / die Frewd ist leicht gethan / 
Das / was der Welt beliebt / ist nichts als lauter Wahn.
Doch in des HERren Hauß / da so viel tausent Scharen
Zusahmen sollen sein / zusahmen sollen fahren / ¶
Da ist das bitter Wort / das Scheiden nicht bekandt / 
Da ist die Fröligkeit / da bleibt sie mit bestandt.
Wen schon die gantze Welt bestünd in Wasserwogen / 
Und alle tausendt Jahr da kehme zugeflogen
Ein leichtes Federthier / und nehm ein Trüpflein Nas
Aus dieser großen See / so hett es eine Mas / 
So würde doch zuletzt nach so viel tausent Jahren / 
Und tausent noch darzu / die See zu ende fahren / 
Und entlich nicht mehr sein ; der Brunn der Ewigkeit
Wirdt nimmer außgeschöpfft / hat weder Ziel noch Zeit.
Jst jemandt auff der Wellt / der allzeit geht in springen / 
Bei Wein / bei schöner Speiß / bei tausent schönen dingen / 
Jn dem er unter des sein innigs Hertze fragt / 
So fint er etwas doch / das seine Sehle nagt.
Du siehst hir / was du siehst / kein dingk kan hir bekleiben / 
Der Häuser Hauß / die Welt / kan selbst nicht ewig bleiben / 
Und ist bei Gottes Hauß nur als ein Schwalbennest / 
Das nur / weiß nicht worvon / ist an der Mauwren fest.
Wan jemandt sachen sieht / geziert an allen Kandten / 
Mit weißer Perlein Schar / mit schönen Diamanten / 
Das (ob das Auge schon es schetzet überfein)
Jst doch nur Kinderspiel / ist doch nur lauter schein.
Die Lust wirt mannigmahl auch diesen zugelassen / 
Die Gottes Feinde sindt / und gute Sitten hassen.
Jhr / wens euch wiederfehrt / so denckt / so denckt / daran / 
Was Gott den seinen selbst für Schetze geben kan ?
Wann Jemandt Garten sieht mit schönen Blumen prangen
So wirdt sein gantzes Hertz mit fröligkeit umbfangen / 
Er wirdt von schöner Frucht / von Bäumen baldt ergetzt / 
Jm fall er sich zur Lust ins grüne niedersetzt. ¶
Er hört die Nachtigall so lieblich tirilieren / 
Und kan mit höchster Lust den Garten durchspatzieren :
Dis ist nur kleine Frewd / die / wan man sich betrübt / 
Uns zur Ergetzligkeit der milde Schöpffer giebt :
Was wirdt der guhte Gott den seinen Kindern geben / 
Die nach der kurtzen Zeit noch ewig mit Jhm leben ?
Was wirdt doch seine Gunst ihn’n werffen in den Schooß / 
Wen Jhr entsehlter Leib ist dieses Leben looß ?
Jm fall die güldne Sonn / mit Klarheit gantz ümbfangen / 
Kömpt als ein Breutigam auß ihrer Kammer gangen / 
Jm fall der klare Mon / und all das Sterne=Licht
Vergünt der gantzen Wellt Jhr angenehm Gesicht / 
So wirt ja unsre Sehl mit frewden übergoßen ;
Denckt / dis ist nur die Thür / darin noch ist beschloßen / 
Der überschöne Schatz / den eh kein Mensche schawt / 
Eh Gottes Braut / die Kirch / Jhm Ehlich wirdt vertrawt.
Drümb last uns für dem Todt / ihr Christen / nicht verzagen / 
Eß kompt ein Frewdentagk nach diesen trüben tagen / 
Was in die Wellt nur kompt / muß alles auch hinnauß / 
Muß in der Erden Schlundt / und in ein höltzern Hauß.
Es geh mir nun hinfort / es geh mir / als es will / 
Es geh mir böß und guht / es geh mir wüst und stil / 
Es geh mir / als es pflegt auff dieser Erden gehen / 
Gott thu mir was er will / Jhm will ich stille stehen / 
Jn Jhm bin ich allein zu frieden und in Ruh / 
Jn Jhm drückt man zu letzt mir Hertz und Auge zu.
Was dieser Welt beliebt / soll mir nicht mehr belieben / 
Was diese Welt betrübt / soll mich nicht mehr betrüben / 
Was nun auff dieser Welt mein wacker Auge sicht / 
Das treckt hinfort die Sehl / das treckt mein Hertze nicht. ¶ 
Nun wündsch ich mir zu letzt den besten Wundsch auff Erden :
Jn Christi JESV Bluht gereiniget zu werden / 
Und dann auch sanfft und still auß diesem Jammerthal
Zu scheiden / wann Gott wil ! das ist mein Wündschen all.

 

Im Brief an ihren Lehrer und späteren Herausgeber Samuel Gerlach vom 24.7.1637 schreibt Sibylla Schwarz, dass das „ganze opus“ des niederländischen Dichters Jacob Cats ihrem Bruder zugeschickt worden sei. Christian Schmitt hat in einem noch unpublizierten Beitrag nachgewiesen, dass das Gedicht zum größten Teil auf Jacob Cats Houwelyck beruht. Nach ihm handelt es sich um eine sehr freie Übersetzung, die collagenartig „Teile der Vorlage zu einer neuen lyrischen Einheit zusammenfügt“ (Zitat aus seinem Vortragsmanuskript, das er mir dankenswerter Weise zur Verfügung gestellt hat.)

Vorlage für die letzten Zeilen 5-8 ist Cats Houwelyck (Bedaeghde Huis-Moeder):

Waer ben ick mijn gemoet? mijn hert begint te voncken
Door ongewoonen brant, mijn sinnen worden droncken,
Mijn geest is opte loop, mijn losse reden holt,
Mijn breyn dat bortelt uyt, mijn siele suysebolt, (Schmitt 2021).

Wie fast immer ist es eine Kombination von fast wörtlicher und freier Übersetzung mit (schöpferischer) Weiterdichtung. Schmitt weist speziell bei diesem Gedicht nach, wie in den Umdichtungen und Hinzufügungen selbstbewusst die poetologische Position der Autorin entwickelt wird. „Mehrer theils“ in ihrer Überschrift gibt den freien Umgang direkt an.

3 Comments on “Verachtung der Welt

  1. Danke schön für Ihre Antwort.
    Sie schreiben: “Hier ist aber das – von dem alten Niederländer vorgegebene – Thema die Vergänglichkeit und Vergeblichkeit allen Lebens, die Vanitas, die „Verachtung“ der Welt zugunsten der ewigen Werte“. Vader Cats behandelt eben nicht dieses Vanitas-Thema, sondern die Gefühle eines hoch-betagten huys-wijfs, das ausruft: „Wie sal mijn vluchtigh hert verheffen in de locht, Op dat ick heden noch den hemel raecken mocht”. Es reicht ihr, sie ist „betagt und lebenssatt (d.h. hat genug an Tagen erlebt)“ wie es in der Bibel mehrfach heißt.
    Wie dem auch sei, das Gedicht von Sibylla Schwarz hat mir sehr gefallen. Muss eine besondere und gewiefte Person gewesen sein, um so jung frei mit der Vorlage von Cats um zu gehen.

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  2. Ist schon eine Umstellung von den Erlebnissen einer betagten Hausfrau zu den Gedanken einer sehr jungen Frau über die Vergänglichkeit der Welt. „Verachtung“ ist ein großes Wort, wenn es aber im Manuskript steht, soll es so sein. Die schönen Zeilen: „Dis ist nur kleine Frewd / die / wan man sich betrübt | Uns zur Ergetzligkeit der milde Schöpffer giebt“, zeigen, dass es nicht nur um Verachtung der Welt geht, es gibt auch Trost der echt ist, und nicht verachtet werden darf. Das Gedicht ist eher eine Betrachtung, meine ich. Wer die Quelle lesen will, folge den folgenden Link:
    https://www.dbnl.org/tekst/cats001jvan02_01/cats001jvan02_01_0224.php

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    • Verachtung hat bei den Dichtern des 17. Jahrhunderts nicht dieselbe Bedeutung wie für uns. In ihrem Werk ist durchaus Lebenshunger und Lebensfeier. Hier ist aber das – von dem alten Niederländer vorgegebene – Thema die Vergänglichkeit und Vergeblichkeit allen Lebens, die Vanitas, die „Verachtung“ der Welt zugunsten der ewigen Werte. Ich finde es bemerkenswert, wie sie noch dem „trockenen“ und frommen Thema ihr Gepräge gibt und ihr selbstbewusstes Programm durchsetzt. Was für ein Feuer und wieviel sinnliche Kraft in dieser „Verachtung“ der Welt:
      Jch weiß nicht / wor ich bin / mein Hertz begint zu funcken /
      Durch ungewohnten Brandt / die Sinnen werden truncken /
      Der Geist steht auf dem Sprunck / die Sprach ist ungehemt /
      Die Feder ist vol Safft und gäntzlich ungezähmbt.
      (…)
      Jch flieg itzt ausser mir / ich fliege von der Erden /
      Jch fliege Himmel an mit ungezähmbten Pferden /

      Der Witz ist übrigens, dass in der Ausgabe von 1650 wirklich „Betrachtung der Welt“ steht. In dieser Form ist es gelesen und diskutiert worden und wurde auch im Internet verbreitet. Man muss das Buch bis zu Ende durchlesen und die dreiseitige halbkryptische Druckfehlerkorrektur gründlich studieren. Über die Seite 44 des ersten Bands heißt es da:

      xliv. 1.setz.12.Verachtung 19. Hertz für Holtz 21 Sprach

      Ich übersetze mal: in Zeile 1 muss es heißen statt setzt: setz, in Zeile 12 statt Betrachtung: Verachtung, Zeile 19 statt Holtz: Hertz und Zeile 21 statt sprach: Sprach.
      „Mein Holtz beginnt zu funcken“, stand in dieser verstümmelten „Betrachtung“ der Welt. Deshalb habe ich den korrekten Wortlaut wiederhergestellt.

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