Krieg in Zeitschriften (1)

L&Poe Journal #02 Betrachtung und Kritik

Michael Gratz (Greifswald)

Ende Mai bekam ich in meiner Buchhandlung Heft 136 von Lettre International und die Nummern 43 und 44 von Abwärts! (dem Nachfolgeorgan mehrerer Zeitschriften wie Sklaven, Sklavenaufstand, Gegner und Floppy Myriapoda). 43 ist auf März, 44 auf Mai datiert, Lettre auf „Mitte Juni“. Zu spät für den Redaktionsschluß des L&Poe Journal #02, aber ich sehe sie wenigstens darauf durch, ob / wie sie auf Russlands Invasion der Ukraine reagieren. Abwärts! wird redigiert von Alexander Krohn, Bert Papenfuß, Kai Pohl, Henning Rabe, Stefan Ret, Su Tiqqun und Hugo Velarde. Die Märzausgabe dürfte ihren Redaktionsschluß um den Jahresanfang gehabt haben, kann also nicht direkt reagieren. In einer Fortsetzungsgeschichte von Gerd Schönfeld (der am 13. Oktober 2021 gestorben war), die in der DDR handelt und in der die „Deutsch-Sowjetische Freundschaft“ (eine DDR-Massenorganisation, abgekürzt DSF) einen Auftritt hat, kommt die Wlassow-Armee vor. Wlassow war ein sowjetischer General, der in der Ukraine zunächst erfolgreich gegen die deutschen Aggressoren kämpfte, später die Seiten wechselte und sich mit Hitlers und Himmlers Segen gegen die Rote Armee wandte – er wurde am 1. August 1945 in Moskau gehängt. Das ist vermintes Gelände wie so vieles zwischen Russen und Ukrainern und den Deutschen mittendrin und gehört insofern zur Vorgeschichte des aktuellen Krieges.

In einem Text von Jürgen Schneider erfahren wir, dass Schönfeld ungeimpft an Corona gestorben war (er ruft ihm nach, eine BionTech- oder Moderna-Impfung wäre eine gute Idee gewesen).

Bei Schneider lese ich auch einen zitierten Satz, den ich mir merken (und vielleicht auch mal im Abwärts!-Milieu gebrauchen) will: Man „könne einen Künstler oder Dichter wegen mangelnder Vorstellungskraft nicht verdammen, wohl aber könnten schädliche Ideen, die sie hervorbringen, angegriffen werden“ (Hakim Bey). Passt auf viele in viele Richtungen.

Schneider spottet über Matthias Polityckis Flucht nach Wien und geht dann kritisch bis hämisch auf die Grünen ein, die den „Angriffskrieg“ in Jugoslawien unterstützten. Ob er auch den russischen Angriffskrieg verdammen wird, bei dem die Grünen (in meiner Lesart) sich gegen einen Angriffskrieg wenden statt einen zu unterstützen, bleibt abzuwarten. Schneider hat seinen Aufsatz im August 2021 geschrieben und Ende Oktober ergänzt (als Putins Aufmarsch entlang der ukrainischen Grenzen schon unübersehbar war). Ein Satz Schneiders stimmt skeptisch: „Ein John Heartfield wäre nie auf die Idee gekommen, sich grünen Systembewahrern, Russlandhetzern und Krieggutheißern anzuschließen (…)“. Dass‘ ja wohl ein ziemliches Dilemma. Ich werde es im Auge behalten.

Abwärts! Nr. 44 ist schon äußerlich auf Krieg eingestellt. Das Titelbild zeigt Soldaten (?) und Hubschrauber in einer Mondlandschaft, die Abbildungen von Christian Grosskopf ziehen sich durch das ganze Heft und zeigen Menschen mit Helmen, Hubschrauber, Gasmasken, Panzer, Verwundete, Rauchsäulen, Raketen und Bombenflugzeuge. Die Bilder sind aber älter als der jetzige Krieg (2008-2021) und tragen durchweg „zivile“ Titel wie: Seltener Sand, Akrobaten, Ikarus oder Pilotenfehler.

Die größeren literarischen und politischen Beiträge gehen auf den Krieg nicht ein, auch nicht Schneider, aus dessen Kolumne L.I.T. ich zitiert hatte. In dieser Folge beschäftigt er sich u.a. mit der Diskussion um die Kasseler Documenta und den Autorinnen Ré Soupault und ruth weiss. Literarisches Highlight der Ausgabe ist für mich Max Zschornas Übersetzungsprojekt von Ossip Mandelstams „Versen vom unbekannten Soldaten“. Bemerkenswert sind die Übersetzungsmethode und die spannenden Verweise auf Mandelstams Subtexte (ich nenne ein paar Namen: Puschkin, Lermontow, Chlebnikow, Leibniz, Dante, Homer).  

Nur zwei datierte Gedichte beziehen sich direkt auf den jetzigen Krieg. Ronald Galenzas auf den 16.3. datiertes Gedicht „körper auf asphalt“ nennt nur den fiktiven Ortsnamen „moonhausen“, aber es benennt das uns rund um die Uhr erreichende Bild des Kriegsinfernos (blaulicht samt raketen, notoperationen, stellungskämpfe, stromausfall, fremde leute voller waffen an der tür) und die geschichtspolitischen eckdaten mit den Namen Lenin (der jüngst in den Geschichtsprojektionen Putins wieder ins Rampenlicht gerückt war) und Stalin. Auch die Opfer des Überfalls werden angesprochen:

ihr flüstert noch ihr würdet
als partisanen wiederkommen
jaja wir hatten alle träume

Andreas Pauls Gedicht trägt das Datum 24.2.-18.3. Der Titel verweist unmittelbar auf den Beginn der Invasion, „Jetzt fängt der Krieg an Panzer fahrn auf Zügen“. Konkreta des Krieges kommen dann nur noch in der ersten Zeile vor: „Und Zivilisten fliehn in Reisebussen“. Sein Gedicht geht eher auf „den Krieg“ im Allgemeinen, „In wechselnden Kulissen immer dasselbe Stück“. Parallelen zu Bagdad werden aufgerufen, der Schluß zitiert ein gern gebrauchtes Klischee, wenn man zu einem konkreten Krieg nichts sagen will oder der öffentlichen (oder amtlichen?) Meinung (oder Meinungen überhaupt?) misstraut: „Die Wahrheit ist das erste große Opfer / Am Eingang der Chaussee der Invaliden“. Ich finde den Spruch immer etwas deplaziert* (der seit 2014 laufende Krieg hatte schon vor dem laufenden Jahr 13000 Opfer gefordert). Uwe Johnson hätte in seiner gründlich bedächtigen Art Schwierigkeiten beim Schreiben der Wahrheit erörtert: Fahren die Reisebusse aus Kiew Richtung Westukraine? Aus dem belagerten Mariupol, wo sie vor der Stadt von russischen Soldaten angehalten – oder beschossen – werden? Oder aus den von Separatisten und russischen Streitkräften besetzten Gebieten Richtung Russland?

Wird fortgesetzt.

*) Die Abweichung von der amtlichen Rechtschreibung ist gewollt, d. Verf.

One Comment on “Krieg in Zeitschriften (1)

  1. Die Unterscheidung von plazieren / platzieren würde mich interessieren.

    PS: Der neue „telegraph“ windet sich auch ziemlich bei dem Thema …

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