Geheimdichter

Hugo Lyck? Wer kennt den Namen? Auch die großen Literaturlexika (und auch Wikipedia) nicht. Ein echter Geheimdichter vom Anfang des vorigen Jahrhunderts. Ein Gedicht von ihm steht im Jahrgang 1958 der Literaturzeitschrift Akzente. Die Anmerkung:

„Hugo Lyck, auf- und untertauchend im Café Stefany Münchens, im Romanischen Café in Berlin, dazwischen Reisen nach Venedig, nach Hamburg, Breslau, das vielleicht sein Geburts- und Todesort war. Er gehörte zeitweise dem Kreis um Wolfskehl an, glich Friedrich Schlegel an Hochmut und ahnungsvollem Geist und in der Absicht, mit den höchsten Ansprüchen zu lenken. Seine Gedichte sowie ein Trauerspiel scheinen verloren gegangen zu sein. Das von uns gedruckte Gedicht ist mündlich überliefert. Das Mittelalter, die Urzeiten zogen ihn an.“ (Akzente 3/1958, S. 288)

HUGO LYCK • MARIGNANO

WOHER? Wohin? So frag doch Freund!
Weißt du? Weiß nicht. So frag doch Freund! 
Der Feldherr weiß. Wo ist der Feldherr?
Wir fragen Jahr um Jahr um Jahr.
Der Feldherr gab nicht Antwort,

Du blutest auch. Warum? Wozu? 
Weißt du? Weiß nicht. Wozu? Warum? 
So frag doch Freund. Du blutest auch! 
Wir bluten Kopf an Kopf an Kopf.
Der Feldherr hat noch keine Zeit.

Zur weißen Stadt am blauen Meer.
Der Feldherr wollte kommen.
Doch kam er nicht. So frag doch Freund! 
Oh weiße Stadt! Oh blaues Meer!
Den Feldherr her! Den Feldherr her!

Eine Spur von Lyck findet sich in Walter Benjamins Briefwechsel mit Gerhard (Gershom) Scholem. In einem Brief vom 17. Dezember 1921 berichtet Benjamin von einer „selten mißglückten und selten interessanten Vorlesung“. „In einem Hause in der Bendlerstraße hatte sich eine Bourgeois-Familie aus wer weiß welchen Gründen zum Vortrag die Person eines Herrn Lyk verschrieben.“ Eine Fußnote der Herausgeber sagt: „Der Deutschbalte Hugo Lyck, über den Hans Blüher, “ Werke und Tage“ , München 1955, S. 22-24, näher berichtet hat.“ Benjamin nennt das Publikum „unmöglich“ und findet den Vortragenden interessant:

„Herr Lyk, ein unbestreitbar schizophrenes Talent ist bekannt (bei solchen, die dies ihrerseits nicht sind) als eine wissensschwangere, geisterkundige, weltgereiste [!] und vollkommen esoterische Persönlichkeit im Besitze aller Arkana. Er dürfte nicht viel weniger als 45 Jahre zählen. Konfession, Herkommen und Einkommen bleiben noch zu ermitteln, und ich bin nicht faul. Dieser Herr, der sich als ein ins Verhungerte, Totenkopfhafte und nicht durchaus Reinliche verhextes „Genie“ (Felix N.) beschreiben ließe, sprach mit der Haltung (nicht aber Stimme!) eines Aristokraten aus dem alten „Simplizissimus“ über – Verschiedenes. De omnibus et quibusdam magicis. Das Debacle war vollkommen.“

Nach einer Stunde brachte man den Herrn zum Schweigen und zwei „Salonlöwen“ zerrissen ihn brutal. Als er völlig kaltgestellt an den Ofen gelehnt saß, ging Benjamin zu ihm und ließ sich seine Adresse geben. Im Moment fehlt mir die Zeit, weiter zu recherchieren. Noch einmal Benjamin: „Worüber er übrigens sprach läßt sich nur andeuten: über die herrschende Bedeutung des Melos in der Sprache. Er las auch merkwürdige Gedichte vor.“

Walter Benjamin: Briefe I. Herausgegeben und mit Anmerkungen versehen von Gershom Scholem und Theodor W. Adorno. Frankfurt/Main: Suhrkamp, 1978, S. 287f.

One Comment on “Geheimdichter

  1. Über Suchmaschinen durchstöberbare Bücher verraten noch weitere „Arcana“ zu Hugo Lyck (teils auch Lück genannt).

    So läßt etwa Alfred Döblin die Erinnerung an H.L. nach eigener Aussage nicht los. Er glaubt, dieser stamme ursprünglich „aus Breslau“ und beschreibt ihn als hoch charismatischen, guruartigen Außenseiter „ohne erkenntlichen Beruf“, der irgendwann einmal verschwand, vielleicht in Amerika war und dann wieder auftauchte: „blass [sic] und mager“ und sich selbst als „krank“ bezeichnend. „Es stand fest, daß er allerhand Drogen nahm.“
    (cf. Alfred Döblin, Schriften zu Leben und Werk, Frankfurt am Main: S. Fischer, 2015; s.p.)

    Mynona/Salomo Friedlaender konstatiert, H.L. brauche „unbedingt notwendig einige Monate Aufenthalt im Gebirge“, und er, Friedlaender, habe gemeinsam mit Döblin zu diesem Behuf auch bereits Geld gesammelt: immerhin so viel, daß „jetzt nur noch zweitausend Mark fehlen“. Überraschend, aber wie Friedlaender feststellt, habe H.L. ihm und dem angeschriebenen Arthur Segal seinerzeit viel geholfen und verdiene demnach die Hilfe.
    Die Quelle nennt als Lebensdaten Hugo Lycks „Breslau 1882 – Ascona 1935“.
    (cf. Salomo Friedlaender. Briefwechsel II: Mai 1919 – April 1931, Norderstedt: Books on Demand, 2018; p. 159)

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