Begegnen

Konstantin Biebl

(* 26. Februar 1898 in Slavětín nad Ohří; † 12. November 1951 in Prag)

Begegnen

Auf der Welt ist kein Platz so bitter und traurig
Daß zwei nicht einander begegnen könnten
Weit hinter dem Meer und selbst in solcher Ödnis
Wie dem Saharasand
Wie dem Schnee um die Pole

Ich glaube daß zwischen uns Sand und Schnee sind
Und das Halbdunkel einer verdächtigen Baracke
Durchflogen von Motten und nachts von Streifen umgangen
Wo ich wohne und Sie nicht wohnen
Jedoch wo wir zwei ihre schwarzen Stiegen beschreiten
Abgetreten von Dienstmädchen und Tagesschläfern
Als ob wir nie anders gingen
Als hintereinander

Erschrecken Sie nicht vor meinem Lächeln noch vor meinem zerknüllten Hut
Ein Kuli in Singapur ist auf ihn getreten
Und der Wind hat ihn wieder zurückgebracht
In solch einem Bogen hat er vor Ihnen
Seine bisher größte Weltverbeugung gemacht

Mein Hut
Erinnert Sie wahrscheinlich an die dauernden Unruhn in Mexiko
Das von allen Leidenschaften durchschüttelte
Die entladen sich dort auch mit abgerissenem Band

Das beim Gehn sich bewegt wie die Zunge dieser unglücklichen Leute
Die beim ersten Begegnen sofort alles über sich sagen
Daß ihnen Gebüsche im Stadtpark nicht fremd sind
Nicht Dreck noch Schnee
Der vom schwarzen Dach tropft

Deutsch von Franz Fühmann. Aus: Poesiealbum 117. Konstantin Biebl. Berlin: Neues Leben, 1977, S. 19

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