Jedes Gedicht

Roberto Juarroz

(* 5. Oktober 1925 in Coronel Dorrego, Provinz Buenos Aires; † 31. März 1995 in Temperley, Provinz Buenos Aires)

JEDES GEDICHT MACHT DAS VORHERIGE VERGESSEN,
radiert die Geschichte aller Gedichte aus,
radiert seine eigene Geschichte aus
und auch die Geschichte des Menschen,
um ein Gesicht aus Worten zu gewinnen,
das der Abgrund nicht ausradieren kann.

Auch jedes Wort eines Gedichts
läßt das vorherige vergessen,
löst sich einen Moment
vom vielgestaltigen Baumstamm der Sprache
und trifft sich danach mit den anderen Worten wieder,
um den unumgänglichen Ritus zu erfüllen,
eine andere Sprache zu begründen.

Und auch jede Stille des Gedichts
läßt die vorhergehende vergessen,
geht in die große Amnesie des Gedichts ein
und umhüllt Wort um Wort,
bis sie später hervorkommt und das Gedicht einhüllt
wie eine Schutzhülle,
die vor den anderen Sprecharten bewahrt.

Das alles ist nichts Außergewöhnliches.
Im Grunde
läßt auch jeder Mensch den Vorgänger vergessen,
alle Menschen vergessen.

Wenn sich nichts gleich wiederholt,
dann sind alle Dinge letzte Dinge.
Wenn sich nichts gleich wiederholt,
dann sind sie auch erste Dinge.

(im Gedenken an Antonio Porchia)

Aus dem argentinischen Spanisch von Tobias Burghardt

Cada poema hace olvidar al anterior, / borra la historia de todos los poemas, / borra su propia historia / y hasta borra la historia del hombre / para ganar un rostro de palabras / que el abismo no borre.

También cada palabra del poema / hace olvidar al anterior. / se desafilia un momento / del tronco multiforme del lenguaje / y después se reencuentra con las otras palabras / para cumplir el rito imprescindible / de inaugurar otro lenguaje.

Y también cada silencio del poema / hace olvidar al anterior, / entra en la gran amnesia del poema / y va envolviendo palabra por palabra, / hasta salir después y envolver el poema / como una capa protectora / que lo preserva de los otros decires.

Todo esto no es raro. / En el fondo, / también cada hombre hace olvidar al anterior, / hace olvidar o todos los hombres.

Si nada se repite igual, / todas las cosas son últimos cosas. / Si nada se repite
igual, / todas las cosas son también las primeras.

(en la memoria unitiva de Antonio Porchia)

Aus: Atlas der neuen Poesie. Hrsg. Joachim Sartorius. Reinbek: Rowohlt, 1995, S. 372

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