Mäuse

Albert Ehrenstein

(* 23. Dezember 1886 in Ottakring; † 8. April 1950 in New York)

Aus dem Schi-King

Mäuse

Große, große, große Maus,
Friß mir nicht die Hirs im Haus!
Drei Jahre hast du mich geplagt,
Drei Jahre hast du mich genagt,
Nächstens gar verschlingst du mich,
Zu dem Ärgsten dringst du mich,
Auszuwandern zwingst du mich,
In fremdes Land zieh ich hinaus.

Große, große, große Maus,
Friß mir nicht ganz Hof und Haus!
Drei Jahr hab ich’s der Katz geklagt,
Die Katz hat es dem Hund gesagt.
Seit drei Jahren plagst du mich,
Aus dem Lande jagst du mich,
So zieh ich in ein Land hinaus,
Wo man nicht kennt die große Maus.

Aus: Schi-King. Das Liederbuch Chinas. Gesammelt von Kung-fu-tse. In: Albert Ehrenstein, Werke. Hrsg. Hanni Mittelmann. Bandf 3/1. Chinesische Dichtungen. Lyrik. Klaus Boer Verlag, 1995, S. 61 (Zuerst in: Schi-King. Nachdichtungen chinesischer Lyrik, 1922).

Was ist das? Kinderlied, Scherzlied, Nonsense? Die Bücher sagen: Ein Spottlied gegen den Pachteintreiber oder Landherren. Fassung von Victor von Strauß 1880:

Abschiedslied der Auswanderer an ihren Oberbeamten.

[193] Große Maus! große Maus!
Unsre Hirse nicht verschmaus‘!
Drei Jahr‘ hielten wir dich aus,
Kümmerten dich keinen Daus;
Wandern nun von dir hinaus,
Freu’n uns jenes schönen Gau’s,
Schönen Gau’s, schönen Gau’s,
Wo wir finden Hof und Haus.

Große Maus! große Maus!
Friß nicht unsern Waizenstand!
Drei Jahr‘ hielten wir dich aus,
Nie hast Guts uns zugewandt;
Wandern nun von dir hinaus,
Zieh’n in jenes schöne Land,
Schöne Land, schöne Land,
Wo uns Recht wird zuerkannt.

Große Maus! große Maus!
Friß nicht unsern jungen Reiß!
Drei Jahr‘ hielten wir dich aus,
Fragtest nichts nach unserm Schweiß;
Wandern nun von dir hinaus,
Zieh’n in jenen schönen Kreis,
Schönen Kreis, schönen Kreis.
Wer ist da voll Klaggeschrei’s?

Quelle:
Schī-kīng. Heidelberg 1880, S. 193f

Noch eine neuere Übersetzung von Rainald Simon (Reclam 2015, S. 244ff:

Feldmaus

Feldmaus, Feldmaus,
friss nicht meine Rispenhirse.
Drei Jahre fütterte ich dich,
niemals wolltest du mich sehen.
Ich schwöre, ich verlasse dich,
ziehe in eine Mark der Freude.
Mark der Freude, Mark der Freude,
dort finde ich mein Heim.

Feldmaus, Feldmaus,
friss nicht meinen Weizen.
Drei Jahre fütterte ich dich,
niemals wolltest du Güte zeigen.
Ich schwöre, ich verlasse dich,
ziehe in ein Land der Freude.
Land der Freude, Land der Freude,
dort finde ich meinen Wert.

Feldmaus, Feldmaus,
friss nicht meine Sprossen.
Drei Jahre fütterte ich dich,
niemals spendetest du Trost.
Ich schwöre, ich verlasse dich,
ziehe in die Vorstadt der Freude.
Vorstadt der Freude, Vorstadt der Freude,
wer müsste dort lange klagen?

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