Hadayatullah Hübsch (2): Gespräch in elysäischen Gefilden

In der Ausgabe der Lyrikzeitung vom 17. gab es einen Bericht über meine fast zwei Begegnungen mit Hadayatullah Hübsch. Teil zwei: ein Gesprächsprotokoll.

Ein nicht geführtes Gespräch mit Hadayatullah Hübsch (Ex Libris – Fundstücke in meiner Bibliothek)

Anmerkung: Alle unter seinem Namen veröffentlichten Worte sind original Hadayatullah Hübsch aus verschiedenen Quellen, höchstens gelegentlich die Zeichensetzung leicht angepaßt und ein winziger Zusatz in eckiger Klammer.

G: Wir sprachen gestern über Rumi. Du meintest, es sei ein westliches Vorurteil, Dichter wie Hafis und Rumi hätten auch über Wein und irdische Freuden geschrieben…

Hübsch: „Trink, was in dem Glas ist“, sagt er und meint damit, dass der Rahmen, das Gefäß, zwar zu beachten, aber nicht über Gebühr zu bewerten sei, dass wir sehen, indem wir die Einheit des anderen …

G (unterbricht): Immer kommt einer der es besser weiß und und sagt was gemeint ist.

Hübsch (lächelt)

G: Was meinst du, war Rumi ein frommer Moslem?

H: Muslim…

G: meinetwegen Muslim, war er?

H: Es gibt keinen Zweifel daran …

G (will unterbrechen, aber H redet weiter)

H: … dass Rumi sich an alle 700 Gebote des Qurâns gehalten hat, dass es gerade dieser Gehorsam dem Gesetz gegenüber gewesen ist, der ihn im Innen und Außen, in Ekstase und Erklärung hat zum Meister werden lassen. Er meint ja eben auch nicht, dass er etwa kein Muslim mehr sei,

G: Na wenn du’s sagst, glaub ich’s mal…

H (einfach weiter): … wenn er bedeutet: „Was ist zu tun, o Moslem?

G (will einwenden)

H: … Ich kenne mich selbst nicht mehr. / Ich bin weder Christ noch Jude,/ weder Perser noch Moslem.“

G: Ah, und damit will er sagen…

H: Was er klar machen will, ist die Bedeutung von Muslim-Sein…

G: Alles klar.

H: Rumi in einem anderen Gedicht:

Es klopfte einer an des Freundes Tor
Wer bist du, sprach der Freund,
wer steht davor?
Er sagte: Ich; Sprach der:
so heb dich fort –
an diesem Tisch ist nicht der Rohen Ort!
Den Rohen kocht das Feuer
Trennungsleid –
Das ist’s, was ihn von Heuchelei befreit!
Der Arme ging auf Reisen für ein Jahr,
Im Trennungsfunken brannt er
ganz und gar.
Reif kam dann der Verbrannte
von der Reise,
Dass wieder er des Freundes Haus
umkreise.
Er klopft ans Tor mit hundertlei Acht,
Dass ihm entschlüpf‘ kein Wörtlein
unbedacht.
Es rief der Freund: Wer steht dort
vor dem Tor?
Er sagte: Du Geliebter, stehst davor!
Nun, da du ich bist, komm,
o Ich, herein –
zwei Ich schließt dieses enge Haus
nicht ein!

Das Haus ist hier sicherlich

G (höhnisch): sicherlich!

H (unbeirrt) … sicherlich zunächst die Kaaba,

G: Zunächst, das ist gut, gefällt mir echt!

H: das Gotteshaus in Mekka, während Mekka für die Erlebnissphäre, den Bewusstseinsrahmen des Reisenden steht.

Die Kaaba ist dabei die Brust des Menschen, die von den Götzen der Heuchelei zu befreien erste und wichtigste Aufgabe des Pilgers ist, nachdem er die Religion vor Allah, Islam, angenommen hat.

Der Stein in der Kaaba ist das Herz des Menschen. Der Geliebte ist das Herz des Freundes. In ihm vereinigt sich der Liebende zu sich, indem er die Geheimnisse und Schmerzen der Liebe zu ihm auf sich nimmt.

G: Sag ich ja, alles ist was andres als es ist, hinter allem steht was Essentielleres, alles steht immer für etwas andres, immer ein Bildchen im andern endlos, nichts darf auch mal selbst sein. Gab es keinen körperlichen Rausch, keinen Sex?

H: Dass er in diesem Bereich der Offenbarung lebt, unterscheidet ihn von den anderen seiner Umgebung. So ist er weder den Elementen verhaftet, noch den Oberflächen, sondern in dem ekstatischen Sein der „Trunkenheit und Lustbarkeit“. Diese Symbole haben nichts zu tun mit jenen Ausschweifungen, die der „Rohen Ort“ sind.

G: Schade eigentlich.

H (erfreut über die Anteilnahme): So werden auch ungewöhnliche Vergleiche von dem islamischen Mystiker in der Reinheit des hinter den Reizen stehenden Erfahrens benutzt, und nicht etwa als Zustandsbeschreibung oder Mitteilung über akute Erlebnisse bloß körperlicher Art. Die Dimension des Zungengenusses wird aufgehoben und durch den Seelengenuss ersetzt. Dabei hat jedes Nahrungsmittel seinen symbolischen, spirituellen Wert und seine moralische Entsprechung, was uns auch einen Grund dafür eröffnet, dass das ‚schweinische Schwein’ als Nahrungsmittel abgelehnt wird und der körperliche Weinrausch als grober und verwirrender Reiz zudem.

G: Da frag ich mich, wie der Wein als Symbol für so erhabene Seelenwerte taugt, wenn man ihn gar nicht kennt. Aber gut, morgen mehr über Rumi und Hafis. Von dem gibts wunderbare Schenkengedichte und Liebesgedichte! – Eigentlich wollten wir über Politik sprechen, über Dschihad.

H: In den westlichen Medien wird dieses quranische Wort „Dschihad“ meist mit „Heiliger Krieg“ übersetzt,

G: Sagen das nicht auch Islamisten ähnlich?

H: … und unwissende, törichte Leute, die aus Ländern stammen, in denen es eine islamische Tradition gibt, haben

G: Lesen die denn westliche Medien?

H: … haben mit ihrem Unverständnis des Qurans diesen „Heiligen Krieg“ zu Terrorismus pervertiert. Ich versichere [dir], daß es im gesamten Quran keinen einzigen Vers, noch einen Hinweis dafür gibt, daß aggressive Gewalt ein Prinzip der Politik sein kann.

G: Und was ist mit Steinigungen von Ehebrechern, Haftstrafen und Auspeitschungen für Leute, Moslems, die „vom Glauben abfallen“ (komischer Ausdruck, als wär der Glauben ein Pflaumenbaum im Herbst)? Was mit Mord an westlichen Karikaturisten und Übersetzern?

H: Weder steht auf Gotteslästerung, noch auf Beleidigung des Propheten Muhammed, Frieden und Segen Allahs seien auf ihm, noch auf Ehebruch die Todesstrafe.“

G: Dein Wort in Gottes Gehörgang, sagt man bei uns.

(sage ich und schäme mich sofort, weil ich vergessen habe, daß er auch einer „von uns“ ist, ein Konvertierter, wie sein Verlag sagt.)

H (lächelt)

G: Aber sag, wie meinst du das mit Büchner, du hast gestern so was angedeutet?

H: Georg Büchner, der, wie kaum ein anderer seiner Zeit, visionär vorausahnte, soll 1837, als er im Schweizer Exil im Sterben lag, der Überlieferung gemäß gesagt haben: „O Deutschland, wenn ich etwas für dich wünschen könnte, dann eine neue Religon.“

G: Ach, wenn das nicht sein frömmlerisches Weib erfunden hatte, weil sie Angst vor Gottes und der Obrigkeit Strafe hatte. Wahrscheinlich hat die doch auch sein letztes Stück deshalb vernichtet?

H (unbeirrt): Für ihn hatte, nimmt man das ihm zugeschriebene letzte Wort ernst, seine Lebensleistung – revolutionäre Umtriebe nach dem Motto: „Friede den Hütten, Krieg den Palästen“ …

G: ja, bekannt …

H: … hatte seine Lebensleistung nur in dem einen Sinn und Bestand, was man in der Epoche der sozialen und technischen Veränderungen am wenigsten gern hörte: Nämlich der Sehnsucht nach einem Lebensweg, der Gott und Welt vereint. Religion, das, was Büchner herbeiflehen wollte …

G: Komm, jetzt überziehst du aber. Erst sagst du korrekt, „der Überlieferung gemäß“ soll, SOLL er das gesagt haben, und zwei Halbsätze behandelst du das als Gewißheit und baust deine Schlußfolgerung drauf, als wär sie Büchners. – Sag mal, hast du was zum Trinken da?

H (lächelt jetzt nachsichtig, und weist mit dem Handrücken nach dem Küchentisch. Ah, er hat sich gemerkt, was mein Lieblingsbier war.)

Wir sprachen nachher noch von Hitler, Büchner, Allah und Deutschland. Als mein Bier aus war, verabredeten wir uns auf morgen. Diesmal wollten wir bestimmt über Literatur sprechen, über seine literarische Karriere vor und nach der Konversion oder, wie er immer sagte, den drei Wundern, die ihn gerettet hätten. Auch über seine Erfahrungen mit Performance und Social Beat. Und über islamische Mystik! Aber diesmal ohne Öffentlichkeit, „bring dein Aufnahmegerät gar nicht erst mit“, ja, darin waren wir uns einig.

Hier gehts zu Teil 1

Benutzte Literatur von Hadayatullah Hübsch:

  • Muslima. Zur Position der Frauen im Islam. Frankfurt/Main: Verlag Der Islam, 1992
  • Eine islamische Rede an Deutschland. Frankfurt/Main: Verlag Der Islam, 1993
  • social beat D. Hrsg. Hadayatullah Hübsch. Berlin: Edition Druckhaus, 1995
  • Mein Weg zum Islam. Frankfurt/Main: Verlag Der Islam, 1996
  • Fanatismus und Toleranz im Islam. Kostenlose Broschüre. Frankfurt/Main: Verlag Der Islam, 1997
  • Der verheißene Messias und Imam Mahdi. Frankfurt/Main: Verlag Der Islam, 2001 20.000 Expl.
  • Der Heilige Prophet Muhammad (Friede und Segnungen Allahs seien auf ihm) Kostenloses Faltblatt. 2. Aufl., Frankfurt/Main: Verlag Der Islam, 2002. 20.000 Expl.
  • Grundlagen des Islams. Kostenloses Faltblatt. Frankfurt/Main: Verlag Der Islam, 2002 (3. Aufl. 40.000 Expl.)
  • Islam und Ökologie. Frankfurt/Main: Verlag Der Islam, 2005
  • Religion des Friedens. Kostenlose Broschüre. Frankfurt/Main: Verlag Der Islam, 2005 (1. Aufl. 1993)
  • Islamische Mystik: am Beispiel Jallal-Ud-Din Rumis.  Verlag der Islam 2011 (1. Aufl. 1997)

 

Hier kann man mehrere Broschüren, Faltblätter und Bücher von Hadayatullah Hübsch kaufen und zum Teil sich kostenlos schicken lassen oder als Pdf herunterladen.

 

2 Comments on “Hadayatullah Hübsch (2): Gespräch in elysäischen Gefilden

    • Hadayatullah Hübsch warn super Dichter. Sein Tod hat mich wirklich traurig gemacht. Ich mag seine Gedichte, ihnen ist eine Melancholie zu eigen, die mich daran erinnert, dass wir nur auf einem zeitlich begrenzten Ticket reisen…

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