Wochendigest 1

Abrechnung

Uwe Kolbe rechnet mit dem Autor und seinen Nachbetern ab, die ihn „im kleinen Handgepäck mit sich führen**“.

meint Christian Eger am 30.5. in der Frankfurter Rundschau und ergänzt:

Hätte es die DDR ohne Brecht gegeben? Selbstverständlich. Aber hätte es die DDR ohne Brecht auch so lange gegeben? Das ist eine andere Frage. Es ist die Frage, die Uwe Kolbe stellt. (…)

Dass er das macht, ist überfällig. Eben weil an Brecht-kritischen Büchern zwar kein Mangel herrscht. Aber doch an Streitschriften aus der Mitte der von Brecht unmittelbar Betroffenen, aus jener DDR-Gesellschaft, die aufgezogen wurde mit der volkspädagogischen Denkungsart des Schriftstellers, der kein Parteikommunist war, sich aber so verhielt.*

*) Eine bemerkenswerte Unterscheidung zwischen kritischen Rezipienten im Westen (man erinnert sich, jede Spielart vom Außenminister, der ihn mit Horst Wessel verglich, bis zu maoistischen Studenten, die sicher waren, hätte Brecht länger gelebt, wäre er auch Maoist geworden, und alles Denkbare dazwischen) – und passiven Objekten einer Volkspädagogik im Osten, die sich nun dank Kolbe zu rehabilitieren (oder heilen) begonnen haben. Ein ziemlich volkspädagogisches Tun da zwischen Eger und Kolbe, das sich – zumindest soviel ist vergleichlich – wieder auf einen anscheinend allgemein als gültig angesehenen Satz von unhintergehbaren Grundannahmen stützen darf. Und ich denke darüber nach, ob es nicht an der Zeit wäre, darauf zu pochen – von Eger spreche ich jetzt nicht, aber von Kolbe – daß es in der DDR auch Leute ohne Stasivater gab.

**) Ein klarer Verstoß gegen die Zoll- und Ausfuhrverordnung (ZAVO)

Rainer-Malkowski-Preis

Der Schweizer Dichter Klaus Merz erhält den mit 30.000 Euro dotierten Rainer-Malkowski-Preis der Bayerischen Akademie der Schönen Künste. Das Stipendium (10.000 Euro) geht an die Übersetzerin und Literaturwissenschaftlerin Efrat Gal-Ed.

Charakteristisch für Klaus Merz, geboren 1945 in Aarau, in seiner Prosa wie in seiner Lyrik, sei die Kürze. „In seinen minimalistischen Gedichten gelingt es ihm, mit einem Augenaufschlag die ganze Welt zu umfassen“, urteilte die Jury. „Ich bin“, sagt Klaus Merz über sich, „eher ein vertikaler Erzähler, nicht ein horizontaler. Mein Versuch, es auf den Punkt zu bringen und diesen Punkt auch glühend zu machen, ist mein Anliegen und auch meine Passion“, zitiert die Pressemitteilung. Zu seinem 70. Geburtstag erschien eine Werkausgabe aus Lyrik und Prosa in sieben Bänden.

Das Stipendium (…) geht an Efrat Gal-Ed, geboren 1956 in Tiberias, Israel. Sie studierte Judaistik, Germanistik und Komparatistik sowie Malerei und promovierte in Jiddistik. Die Malerin und Autorin lebt in Köln und lehrt jiddische Literatur und Kultur an der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf. Efrat Gal-Ed wird nicht nur für ihre Übersetzung des jiddischen Dichters Itzik Manger ausgezeichnet, dem sie auch eine umfangreiche Monografie gewidmet hat, sondern sie soll mit dem Preis auch ermuntert werden, eine größere Anthologie der weitgehend unbekannten jiddischen Poesie vorzubereiten, so die Preisstifter. / Börsenblatt

Interview

Die Autorin Barbara Hundegger sprach mit der Tiroler Tageszeitung über ihren Lyrikbegriff und Mißverständnisse zwischen Lyrikern und Publikum (und fast nebenbei auch zum Thema Lyrikkritik).

Das Aufmerksamkeitsdefizit bezüglich Lyrik dürfte auch mit den Klischees über Lyrik zusammenhängen – Gedichte schreibende Frauen zum Beispiel befinden sich ja noch immer in verdächtiger Nähe zum Häkelkreis. Und wie vielleicht bei keiner anderen Gattung wird alles in einen Topf geworfen – unabhängig von Qualität und Relevanz. Außerdem steht bei Lyrik ja ganz groß das Wort „Erbauung!“ im Raum. Erschwerend kommt hinzu, dass das Besteck, um Gedichte zu verstehen und über sie wirklich etwas sagen zu können, zunehmend abhandenkommt, auch in der Welt der Buchbesprechungen. Bei Lyrik gerät das weit verbreitete Herstellungsverfahren von Rezensionen aus drei viertel Nacherzählung, ein paar biografischen Daten und ein paar quergelesenen Zitaten ins Wanken, weil Gedichte sich – und das gefällt mir! – ihrer Nacherzählung ja entziehen. Die nötige Zeit für gründliche, entdeckende Lektüre hat keine und keiner, weil sie niemand zahlt.

Ballade

Die Lüneburger Landeszeitung dekretiert in schöner Erinnerung an den Deutschunterricht, was eine Ballade muß:

Eine Ballade muss dreierlei beinhalten*: Lyrik, Dramatik und Erzählung, weshalb die schwarze Wolke des Günter Grass da eher ein Grenzfall ist.

*) beinhalten ist auch ein schönes Wort

Poetikprofessur

Die amerikanische Autorin Claudia Rankine (Lyrik, Essay, Drama) übernimmt im Herbst die   Frederick Iseman-Professur für Lyrik an der Yale-Universität. YaleNews schreibt über sie:

Rankine is the author of the bestselling book “Citizen: An American Lyric” (Graywolf, 2014), which uses poetry, essay, cultural criticism, and visual images to explore what it means to be an American citizen in a “post-racial” society. “Citizen” was the winner of the 2015 Forward Prize for Best Collection, the National Book Critics Circle Award for Poetry (it was also a finalist in the criticism category, making it the first book in the award’s history to be a double nominee), the NAACP Image Award, the PEN Open Book Award, the LA Times Book Award for poetry, and the Hurston/Wright 2015 Legacy Award. A finalist for the 2014 National Book Award, “Citizen” was selected as an NPR Best Book of 2014, for which the citation read: “This collection examines everyday encounters with racism in the second person, forcing the reader — regardless of identity — to engage a narrative haunted by the deaths of Michael Brown, Trayvon Martin, and Renisha McBride.” “Citizen” also holds the distinction of being the only poetry book to be a New York Times bestseller in the non-fiction category.

Her other collections of poetry include “Don’t Let Me Be Lonely: An American Lyric” (2004) and “Nothing in Nature is Private” (1994), which was honored with the Cleveland State Poetry Prize.

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