Haß auf Poesie

Es muss nicht immer Hass sein. Mit Gleichgültigkeit und Verachtung ist die abendländische Dichtkunst schon genug gestraft. Wenn aber von Hass die Rede ist, wie es der New Yorker Lyriker und Erzähler Ben Lerner in seinem Essay „Warum hassen wir die Lyrik?“ tut (in der Übersetzung von Nikolaus Stingl soeben als E-Book bei Rowohlt Rotation für 2,99 € erschienen), dann ist es nicht nur derjenige, der ihm in Form von aus Ahnungslosigkeit genährtem Unverständnis entgegenschlägt. Es ist auch derjenige, der ihn an seine eigene Profession fesselt.

„The Hatred of Poetry“ erzählt von einer Erziehung des poetischen Gefühls, in der die Zwietracht von Anfang an zu Hause ist. Schon als Neuntklässler in Topeka, Kansas, nahm sich Lerner mit Marianne Moores im Laufe eines lebenslangen Revisionskampfes auf drei Zeilen heruntergekürzten Gedichts „Dichtung“ einen Text zum Auswendiglernen vor, der mit dem verräterischen Bekenntnis eröffnet: „Ich mag sie auch nicht.“ Moore bekommt dann, absichtlich ungelenk, gerade noch einmal die Kurve: „Liest man sie jedoch mit vollkommener Verachtung für sie, entdeckt man in / ihr am Ende doch einen Ort für das Echte.“ / Gregor Dotzauer, Tagesspiegel

The Hatred of Poetry by: Ben Lerner

One Comment on “Haß auf Poesie

  1. Vor einigen Wochen fragte ein Nutzer bei gutefrage.net, ob ein Lehrer das Auswendiglernen eines 60-Zeilen-Gedichts aufgeben dürfe als Strafe für vergessene Hausaufgaben. Es handelte sich um Goethes Prometheus. Wenn Goethe, der als Dichter Weltruf hat, von einem Pädagogen als Strafe genutzt wird, was soll da Anderes herauskommen als Hass? Anderes Beispiel: Schüler der 7. oder 8. Klassen sollen als Hausaufgabe eine komplette Ballade schreiben. Mal abgesehen von dem irrsinnigen Zeitaufwand, den eine Ballade selbst einen Profi kosten würde, wäre doch schon ein metrisch sauberer kreuzgereimter Vierzeiler ein Erfolgserlebnis gewesen, das vielen Hobbydichtern bis heute selten vergönnt ist. Und wenn man dann noch das Lieblingshassobjekt Gedichtinterpretation dazu nimmt, wo Schüler Gedichte interpretieren müssen, zu denen sie kaum einen geistigen Bezug haben, etwa aus dem Barock, dann braucht es Jahre bis Jahrzehnte, bis jemand den schulisch anerzogenen Hass überwindet und wieder aufnahmebereit für Gedichte ist.

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