„Die Lyrik blüht? Die Kritik darbt“

Der Umgang mit dem Lyriker Jan Wagner zeigt, dass sich Debattenkultur und konzentrierte Lektüre ausschließen. Dem Feuilleton fehlt das literarische Rüstzeug.

Schreibt Sören Heim bei The European. Zitat:

Quer durch die Feuilletons überwogen oberflächliche, romantisierende Betrachtungen über Dichtung, in denen die Auseinandersetzungen mit Wagner am Text eine, wenn überhaupt, auf wenige Zeilen beschränkte Seltenheit darstellten. Das ging so weit, dass sich zuletzt Michael Braun im Lyrikportal „Poetenladen“ genötigt sah, eine Verteidigung Wagners zu verfassen, die diesen vor dem „vergifteten Lob“ als Naturlyriker in Schutz nimmt. (…)

Insbesondere die von SPIEGEL-Autor Georg Diez geäußerte Kritik, Wagner betreibe eine „Verkitschung der Natur“ weist Braun zurück: „Zarte Naturphänomene“ seien ihm „nie artistischer Selbstzweck, sondern prallen zusammen mit den brutalen Faktizitäten einer mörderischen Lebenswirklichkeit.“

Tatsächlich wirkt Diezens Beitrag wie geschrieben, um zu verdeutlichen, was in der Literaturkritik falsch läuft. Munter reißt Diez Verse aus dem Zusammenhang, assoziiert frei, und attackiert Wagners angebliche Feier der „Landlust und Versenkung, Verklärung“, ohne übrigens zu begründen, warum das inakzeptabel sei (dass er Wagner nachweislich falsch liest einmal dahingestellt). Und er schließt mit einem Rundumschlag gegen alle zum Buchpreis nominierten Texte, „pseudo-kunstvoll“ und „anämisch“ seien diese. Man lernt: Der Rezensent liebt die Literatur wie sein Steak. Möglichst blutig.

Den Lyriker Wagner konfrontiert das Feuilleton in erster Linie mit ganz viel Meinung darüber, worüber ein Dichter zu schreiben habe und worüber eher nicht. Zentrale Fragen der literarischen Komposition – wie nähert sich der Dichter seinem Gegenstand, wie ist das Werk im großen Ganzen, wie in den relevanten Kleinigkeiten strukturiert, Satzbau, Zeilenumbrüche, wie korrespondieren Rhythmik, Melodie, zum Ausgesagten – werden von Diez&Co nicht oder kaum berührt. Das hat Methode. Denn ein wohlabgewägtes, begründetes Urteil ist heute als spießig und autoritär geradezu anrüchig. Noch dazu in den Sphären der Kunst, in der möglichst überhaupt keine Regeln mehr gelten sollen. Empörung und Moralismus gehen dagegen immer.

3 Comments on “„Die Lyrik blüht? Die Kritik darbt“

  1. ja. wo mickel recht hat… technik und technik. ich halte die frage nach der technik (auch) für eine politische frage, und wird diese frage nich auch gegenstand in mickels gedichten? sie formulieren immer einen technisch-politischen subtext. (also mickel ist da nicht der einzige)

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  2. bis auf den ersten satz völlig einverstanden. du zeigst ja selbst, daß die frage nach techniken ganz woanders hinführen kann als zu regelpoetik. karl mickel sagte mal sinngemäß: die literaturwissenschaftler sprechen immer über die rolle der bedeutung… – ich muß darüber nachdenken, ob ich ein komma setze oder streiche.

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  3. schwingt hier nicht die sehnsucht nach einer regelpoetik mit? natürlich kann man die technik eines autoren analysieren und feststellen, dass er sie meisterlich beherrscht (allerdings beherrscht sie dann auch ihn). aber man kann auch fragen, warum bestimmte techniken gewählt werden und zu anerkennung und publikumswirksamkeit führen. und wie das auf die techniken selbst zurückwirkt, und man kann fragen, welche rolle lyrik auf diese weise spielt und welcher platz ihr zugewiesen wird, wie sie sich in einen gesellschaftlichen diskurs einfügt, oder eingebacken wird. und ob man nicht lieber von lyriken sprechen sollte, und eben von techniken. denn jeder text ist technisch vermittelt. vielleicht hat ja ein gedicht mit einem anderen weniger gemein, als wir annehmen.

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