Neobiedermeier

Bei Signaturen ein polemischer Essay von Jan Kuhlbrodt, Auszug:

Die Antwort auf die vermeintliche Krise des deutschen Films – Die Neue Deutsche Komödie
Die Antwort auf die vermeintliche Krise des deutschen Romans – Das Neue Erzählen
Die Antwort auf die vermeintliche Krise des deutschen Gedichts – Neues Biedermeier

(…)

Aus den Absatzproblemen für Gedichtbände, die zweifellos existieren und auch durch Ausnahmen und dem Aufblitzen einer Scheinöffentlichkeit nicht aus der Welt zu schaffen sind, ergibt sich der Anschein einer Überproduktion. Anschein aber heißt, es scheint nur so, denn die Lyrik entzieht sich volkswirtschaftlichen Begrifflichkeiten. Eine Lyrische Überproduktion führt nicht zu Gedichtbergen oder gar Tränenseen. Wenn Lyriker konkurrieren, dann um die Aufmerksamkeit des Publikums und um Literaturpreise.

Nun ist die Aufmerksamkeit des Publikums für den Lyriker/die Lyrikerin in einem materiellen oder besser monetären Sinne nicht lebensentscheidend, die Verteilung von Preisen und Stipendien zuweilen schon. Und man kann zurzeit anhand der Verteilung von Preisen einen gewissen Trend hin zu einem neuen Biedermeier erahnen. (Preishäufungen sind zum Beispiel bei Jan Wagner und Nadja Küchenmeister zu konstatieren, deren radikalprivatistische Poetiken doch einiges gemeinsam haben.) Denn Preisvergaben bieten den Nachrückenden jüngeren und weniger Selbstbewussten Orientierung. Zwar ist der Gedanke, dass das, was honoriert wird, auch gut sein müsse, einer außerkünstlerisch ökonomischen Denkweise entlehnt, aber er ist zweifellos vorhanden.

Jedoch: Die Kategorien sind in der schändlichsten Verwirrung, lässt Büchner König Peter sagen in seinem Stück Leonce und Lena. Letztlich ein Stück, dass einem der bedeutenderen Nachwuchspreise für deutschsprachige Lyrik den Namen spendierte. Und dieses Stück steht für einen gewissen Ausbruch aus der Biedermeierlichkeit.

Mir ist auch klar, dass ich das Wort Biedermeier hier als Kampfbegriff benutze, ihm also in seiner kulturgeschichtlichen Dimension nicht gerecht werde. Auf jeden Fall würde ich den Vormärz, also Heine und Büchner davon ausnehmen wollen, wenn ich hier Biedermeier sage, dann meine ich konservative und restaurative Tendenzen, Tendenzen also, die letztlich die Basis für die Verleihung  des Preises der Leipziger Buchmesse an einen Lyriker waren, und die Basis dafür, etwas überspitzt formuliert, dass Lyrik von den neuen Kleingärtnern auf dem Tempelhofer Feld wahrgenommen wird.

13 Comments on “Neobiedermeier

  1. aber die frage an lyriker zu richten, halte ich für unstatthaft. ich rezensiere, weil ich mir nötige bücher sonst überhaupt nicht leisten könnte. also schreibe ich drüber. und bekomme sie zumeist umsonst. und die verkaufszahlen meiner eigenen bücher sind nicht so hoch, dass sie mir ein monatseinkommen garantierten. wenn du das jammern nennst, gut. ich nenne das armut und not! und ich sehe nicht ein, warum sich nur finanziell abgesicherte mit lyrik beschäftigen sollten (kurzprosa und dergleichen)

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    • Hallo Jan, das war vielleicht missverständlich formuliert – nicht Du warst gemeint. (Du schreibst ja beispielsweise auch nicht von der „Krise des Gedichtes“, sondern von der „vermeintlichen Krise“). Wenn ich irgendwo vom Absatz der Lyrik lese, ist es häufig so, dass ich ein Jammern heraus höre. Und meine Frage ist dabei eben, wer denn überhaupt von denen, die Jammern oder Beklagen, Gedichtbände kaufen. Ich halte es übrigens, – um Dein Wort zu verwenden – absolut statthaft, diese Frage durchaus auch an Lyriker zu stellen – warum auch nicht? Es geht doch um Leser im Allgemeinen, warum sollte ein Lyriker dabei ausgenommen werden? Allerdings finde ich es tatsächlich auch interessant zu wissen, welche Lyriker Lyrik kaufen. Für mich ist es beispielsweise selbstverständlich, dass ich Lyrik kaufe, nicht nur, weil ich selbst Lyrik schreibe und mich Lyrik interessiert, auch weil mich interessiert, was andere Lyriker schreiben, wie, worüber etcpp.
      Den häufig zitierten (und ebenso häufig beklagte) geringe Verkauf kann ich an mir jedenfalls nicht feststellen. Wohl aber, dass das Angebot in den Buchläden meistens sehr klein ausfällt (leider) und ich deshalb die meisten Gedichtbände bestellen muss.
      Gruß ins Wochenende!

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      • ein lyrikband, der sich 500 mal verkauft, ist schon fast ein bestseller. der erlös für den autor jedoch, steht in keinem verhältnis zum aufwand, den er betreiben muss. wir sind also auf allerlei querfinanzierung angewiesen. aber literatur entsteht aus literatur. wir müssen einen stapel lesen, um ein buch zu schreiben. schon, um nicht immer wieder das gleiche fahrrad zu erfinden. naja und essen trinken wohnen und derlei kleinigkeiten. aber zum ausgangspunkt: ich glaube nicht, dass man auch nur ein brauchbares gedicht zusammenbekommt, ohne mindestens zehn (vorsichtig und sehr gering angesetzt) gelesen zu haben.

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    • Klar darfst Du antworten. 🙂 Ja, bei mir ist es auch so, wobei ich zu 99 % selbst kaufe. Erst gestern wieder drei Gedichtbände. Letzte Woche einen. Mir fällt ein hoher Grad an Jammerei auf, wenn es um Verkaufszahlen von Gedichtbänden geht. Deshalb interessiert mich, wie viel Lyrik selbst gekauft wird.

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    • Je nach Kassenlage. Dieser Monat war sehr üppig (vier – im weiter gefassten Verständnis – Gedichtbücher, von Sina Klein, Monika Rinck, Ulf Stolterfoht und Sonja vom Brocke). Ich strebe 1-2 je Monat an.

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      • Hallo Moritz, fein, dass Du hier geantwortet hast, so hab ich Dein tolles Blog gefunden! Eine Frage: Wie groß ist Deiner Erfahrung nach das Angebot an Lyrik in den Buchläden? Musst Du auch meistens bestellen? Ich finde meist maximal 20 – 30 Gedichtbände vor, hauptsächlich muss ich Gedichtbände bestellen. LG

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    • (als Antwort auf die message von Viertel vor sieben)
      Hallo wolkenbeobachterin, ich bin erfreut, danke!
      Die von Dir genannte Zahl finde ich schon nicht schlecht, d. h. wenn eine Buchhandlung so viel Lyrikbücher zur Auswahl hat, dann ist das schon mal was! In allgemeinen Sortimenten würde ich die Lyrikauswahl niedriger veranschlagen … Meiner Erfahrung nach verkauft sich Lyrik schlecht, womit ich die in diesem Bereich schlecht sortierten Buchhändler nicht von ihrer Pflicht entbinden möchte, Gedichte in ordentlicher Auswahl am Lager zu führen! Es macht ja auch Spaß, darf man nicht vergessen.
      Als ich noch eine eigene Buchhandlung hatte, war ein gutes Gedichtregal für mich Ehrensache: Ich hatte alles da von kookbooks, von der parasitenpresse, auch den ganzen Thomas Kling usw., Urs Engelers Zwischen den Zeilen … all das Zeugs, das ich mochte, und für das ich gern andere begeistert hätte. Das war eine unternehmerische, und beinahe auch eine künstlerische, Entscheidung gegen jede ökonomische Vernunft, und sie ist mir nicht gut bekommen … Daniela Seel, Adrian Kasnitz, Urs Engeler waren selbst da, um für ihre Bücher zu werben. (Für Engeler war es die überhaupt erste Einladung in eine Buchhandlung gewesen, was nichts Gutes aussagt über das buchhändlerische Engagement in Sachen Gedicht …)
      Also, ich will nur sagen: Wenn Auswahl, Enthusiasmus, Verlags- und Buchvorstellungen zusammen so wenig Früchte tragen, dann ist es schon ehrenwert, wenn eine Buchhandlung bis zu 30 Gedichtbände vorrätig hat.
      Klar, wenn Du mich fragst, ist das eine lächerliche Zahl, aber alles, was darüber geht, grenzt an Mäzenatentum. Wer sich’s leisten kann, soll und muss es machen. Alle anderen: lieber lassen!
      Ich muss auch das meiste bestellen, aber das macht mir nix. Es ist so altmodisch, dass es fast schon wieder futuristisch ist, in eine Buchhandlung zu gehen, ein Buch zu bestellen, einen Tag zu warten und es dann abzuholen. Mir gefällt die Vorstellung, dass etwas nicht sofort da ist, sich aber auf dem Weg befindet und zu guter Letzt ankommen wird.
      Liebe Grüße – und ich hoffe, Herr Gratz ist nicht böse, dass ich so weit vom Thema weg geschrieben habe …
      Moritz

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      • Bücher und CDs bestelle ich ich seit langem schon nur noch per E-Mail bei meiner Buchhandlung und hole sie mir beim nächsten Stadtbesuch ab. Das ist heute der bequemste Weg. ( Amazon adee)

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      • Hallo Moritz, vielen Dank für Deine ausführliche Antwort und das „Plaudern aus dem Nähkästchen“. Ich finde es klasse, dass Du für eine angemessene Auswahl in Deinem Laden gesorgt hast. Schade, dass die Rechnung nicht aufgegangen ist.

        Ich schrieb übrigens 20 – 30, so meine Erfahrung in den verschiedensten Buchläden. Meist befinden sich im Bestand „Klassiker“ wie Bukowski, Rilke, Kaschnitz, Neruda, Fried, Jandl, Domin, Ausländer, Kaleko. Immerhin! Vereinzelt auch Gedichtbände von kleineren Verlagen oder unbekannten Dichterinnen und Dichtern.

        Mir ist es übrigens auch recht, die Bücher zu bestellen und ja, Du hast recht – es ist fast etwas Nostalgisches, auf etwas zu warten. Andererseits denke ich, dass wenn die Auswahl in Buchläden größer (und vielleicht auch vielseitiger) wäre, dass die Leute dann vielleicht eher etwas fänden. Die Idee mit Lesungen von Dichterinnen und Dichtern finde ich auch gut. Ich war kürzlich auch in Leipzig bei einer Dichterlesung und der Raum war so voll, dass die Leute dichtgedrängt an der Wand standen und zuhörten. Es gibt also Publikum, das sich für Lyrik interessiert.

        Darf ich Dich nach Deiner Einschätzung fragen, was der Grund dafür ist, dass Lyrik so, wie Du schreibst, selten verkauft wird? Liegt es daran, dass die Leute keine Lyrik „mehr kennen“ oder daran, dass sie die Lyrik, die es gibt, nicht interessiert oder reizt oder ist sie zu teuer? Oder was anderes? Was ist es?

        Wenn ich darüber rede, dass ich Lyrik lese und auch kaufe, dann sind die Reaktionen unterschiedlich. Der größte Teil von denen, die keine Lyrik kaufen, hat noch den Deutschunterricht aus der Schule verinnerlicht, der ihnen das Lesen von Lyrik vergrault hat. Der nächste kennt keine Lyriker und sagt: „Damit habe ich mich noch nie befasst.“ Lese ich aber ein Gedicht vor oder zitiere eines, dann gibt es immer diesen Moment der Begeisterung. „Ach echt, das ist Lyrik?“ höre ich dann öfter. Oder: „Das ist aber schön. Vielleicht sollte ich auch mal …“ So in der Art. Und dann eben die, die sagen: „Lyrik verstehe ich nicht.“

        Ich denke, dass das Publikum dafür da ist. Und vielleicht gilt es das zum Teil auch einfach dafür zu interessieren.

        Unser „Gespräch“ hier, hat ja dennoch etwas mit dem obigen Artikel zu tun, insofern denke ich, dass ist in Ordnung. Oder?

        Viele Grüße
        Wolkenbeobachterin

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    • Hallo Wolkenbeobachterin,

      meine Einschätzung, warum Lyrik selten gekauft wird (nach dem zu urteilen, wie ich es erfahre, was nicht repräsentativ sein muss) … Kennst Du den Satz von Elfriede Gerstl: „Manche kommen aus dem Staunen nie heraus, manche nie hinein[.]”? Ich glaube, dass das ein Punkt ist … Es ist nötig, den Zugang zu finden.
      Das Vorlesen oder Zitieren eines Gedichts – oder auch nur eines Verses – kann sicher einen Zugang eröffnen. Da kann das Staunen losgehen!
      Und, Du hast natürlich Recht: Auch das Vorrätighalten von Gedichtbüchern ist absolut notwendig. Nur was ich vorfinde, kann ich auch entdecken.
      Wo jemand dann zu lesen anfängt, ist fast egal (nicht völlig egal, würde ich sagen).
      Ein anderer Punkt ist die Sattheit der Leute, die regional vermutlich unterschiedlich ausgeprägt ist. Sattheit und Neugierde schließen einander aus.

      Bestimmt gibt es viel zu viel Ehrfurcht vor Texten (nicht nur poetischen, auch philosophischen, historischen usw.), zu viel Bildungsterror, zu viel Bildungshuberei: weg damit! Eine Begegnung muss auf Augenhöhe stattfinden, sonst gibt es keine Begegnung, sondern nur ein Aneinandervorbeisegeln.
      Die Vermittlung von Gedichten in der Schule wünsche ich mir darum spielerischer. Wichtiger als nach ‚der‘ ominösen Bedeutung zu forschen, wäre es, meine ich, zur genauen Beobachtung herauszufordern: Was steht da? Wie ist das gemacht?
      Die Frage des Verstehens ist dringend zu vernachlässigen bzw. das Verstehen sollte anders definiert werden, nicht als Deutung, sondern eben als Sichtung. Alle Erfahrung läuft schließlich über die Sinne. Bei Gedichten sind Sehsinn und Hörsinn angesprochen. Wenn nebenbei auch noch das Gehirn aufleuchtet – bitte!
      Aber da renne ich hier bei Lyrik & Poe sicher offene Türen ein.

      Ich beurteile die Lage der Lyrik optimistisch. Es werden hervorragende Gedichte und Poesien (glaube, Ames hat das Wort für seine Arbeiten gewählt) geschrieben, und ein Publikum, das dies wahrnimmt und zu schätzen weiß, gibt es auch.
      Was die finanzielle Situation der Dichter anlangt, hat Jan ja schon alles gesagt. Ich bedauere sehr, dass es so ist, denn was er und Du und andere macht, ist wahre Wertschöpfung. In einer idealen Welt würde dies angemessen honoriert werden.

      Herzlich,
      Moritz

      P. S. Beim Nachlesen klinge ich mir selbst furchtbar didaktisch …

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