Transparenz

und auf den Straßen weht die Transparenz (Volker Braun)

Ein Hauch Transparenz im Preisbetrieb. Während in Klagenfurt alle Lesungen, Jurydiskussionen und auch die Abstimmungen vor den Fernsehkameras ablaufen, was ebensosehr große Durchsichtigkeit erzeugt wie es  – wie sie, die Kameras – Medienförmigkeit nach sich ziehen, der Kritiker als der Star im medialen Betrieb, der Autor als Objekt, oft genug als Opfer; während die meisten Jurys hinter verschlossenen Türen tagen und meist nicht einmal ihre Long- und Shortlists veröffentlichen, geht der Literarische März in Darmstadt einen mittleren Weg. Lesungen und Juryberatung sind öffentlich vor Publikum, nur die die Preisträger aushandelnde Schlußdebatte in geschlossener Sitzung. Im Zeitalter der Smartphones sickern dann schon mal Zitate und Stimmungsbilder der öffentlichen Diskussionen nach draußen und befördern Spekulationen; aber wie zuverlässig fallen sie aus? Wie zitierbar?

Nun, wenige Tage nach dem Ereignis, stehen Tonaufnahmen sämtlicher öffentlicher Teile im Netz, wo sie für 3 Monate angehört werden können. Noch in der Nacht haben die ersten hineingehört und die Debatten gehen los.

Diskussionen über Preisverleihungen und Juryentscheidungen haben keinen guten Ruf. Es gibt ja auch nicht allzuviele. Natürlich finden sie auf den Fluren und an Stammtischen immer statt, und seit es Facebook gibt, sind die Stammtische öffentlich. Seit Jahren, solange ich das beobachte, sobald über Literaturpreise diskutiert wird, kommt nach 5 Minuten jemand und ätzt „Neiddebatte“. Ich finde, im allgemeinen zu unrecht. Selbstverständlich gibt es Neid und Mißgunst wie im wirklichen Leben so unter Autoren. Aber gibt es nicht auch ein professionelles Interesse an Juryentscheidungen und wie sie begründet werden? Die Zeitungen zitieren die Erklärung der Jury – wer wenn nicht die Fachleute sollte sie fachlich erörtern?

Die Veröffentlichung der Jurydiskussion ist ein mutiger Schritt. Transparenz ist es natürlich nur, wenn man das so dargereichte Material dann auch gebraucht. Hier der Anfang eines Gesprächs.

  • „erstaunlich konventionelle gedichte – heimatgedichte wie in den 70er jahren, 150 jahre alt ist diese ästhetik“… okay, hörn wir uns durch
  • zitat juror drawert: „ich war völlig genervt. mir hat es wirklich regelrecht körperlich wehgetan, und daß sprache auch eine körperverletzung sein kann, war mir heute sinnfällig geworden.“
  • [Insa Wilke (allgem. Anmoderation vor Beginn der Lesungen): „(…) in Richtung der Autorinnen und Autoren kann ich sagen, dass es für mich eine Auszeichung wäre, (…) von Sibylle Cramer, egal, ob negativ oder positiv, kritisiert zu werden. Für mich ist sie ein ganz großes Vorbild als Kritikerin und (…) ohnehin ist es ja so, egal ob negativ oder positiv kritisiert: man wird ernst genommen – und darauf kommt es ja an, wenn man schreibt“]
  • jurorin cramer: „(…) zu den konventionellen Gedichten gehören drei Heimatgedichte, die in ganz gängiger Weise seit den 70er Jahren gängigerweise Heimat zersingen, (…) Anderseits ist er der Verfasser von Gedichten, die ohne Zusammenhang sind, ohne rationalen Gedankengang – ohne Geschichte. (…)“
  • ???????
  • jurystimmen beim literarischen märz (die mitschnitte sind online) http://www.literarischer-maerz.de/lesungen.php
  • beides sind eingangsstatements die offensichtlich bezwecken, die diskussion von anfang an in eine ablehnende richtung zu drängen. so hört es sich für mich an. auch im gestisch-klanglichen
  • ha – ich hör grad…… boah: da prallen ja welche aufnander….. leerlauf an sprache…. ????? ich geb zu, dass ich ne schwäche für zufallsgeneratoren hab
  • „wir werden sie eingemeinden.“ ZUCKER!
  • Also die „Assoziationsfelder“ von Sybille Cramer und Drawert machen mir mehr Sorgen als die von Ames.
  • Aus dem inneren Monolog von Cramer bin ich – ehrlich gesagt – gar nicht schlau geworden.
  • zu drawerts körperverletzung: danach kommt vermutlich nur noch vergewaltigung, mord und holocaustvergleich.
  • vergiß nicht, sie hat sich gut vorbereitet.
  • hörbar, wie die zittrigkeit ihrer konsequnez.
  • Es gibt genau zwei Gründe, zu einem Literaturwettbewerb zu fahren: 1.) Das Preisgeld, 2.) Um hinterher sagen zu können: „Ich habe die Jury überfordert“ !
  • zettel und vorbereitung find ich per se aber nicht schlecht….. arbeiten is immer gut
  • ich bin ja entzückt, dieser tanzparenz teilhabbar zu werden. hut ab!
  • vorbereiten ist nicht schlecht … aber es unterstreicht in dem fall, daß sie nicht überfordert war vom ersten anhören, sondern genau wußte was sie sagen will und in welcher reihenfolge
  • auf jeden fall!
  • juror drawert: „Bilder werden (…) so hart aneinandergesetzt, dass sie eine Inkohärenz erzeugen, die meine Phantasiefähigkeit, meine Imaginationsfähigkeit bisweilen überfordert haben. (…) Und ich hab mich gefragt: wie weit dürften Assoziationsfelder geöffnet werden, um nicht im Ungefähren des Unendlichen sich aufzulösen. (…) Das ist immer so eine äußerste Schwierigkeit: soll ich hören ein Gedicht oder soll ich es lesen. Und diese beiden verschiedenen Modulatäten [sic] von Rezeption, das Hören und das Lesen, die können sich ausschließen, sie können sich aber auch gegenseitig steigern. Die Frage zu stellen, wie weit darf ich Assoziationsfelder aufreißen und Inkohärenzen erzeugen, die nicht mehr rezipierbar sind, die hat sich mir gestellt. (…) ich kann, wenn ich eine gewisse Stringenz von Grammatik habe, mir Regelbrüche leisten, mir auch Sprünge leisten. Wir (…) werden nachher noch über andere Texte reden wollen, wo es sehr gut gelingt (…) hier ist mir die Assoziationsflucht poetisch im Rezeptionsfeld meiner Möglichkeiten eine Schwierigkeit gewesen.“
  • hört hört!
  • ich zähle gefüllte pausen. strich!
  • Ich kriege von sowas Pips.
  • entrücke dich dem stein!
  • Entbirg dich auf der Lichtung!
  •  jurorin carmer / juror drawert: cramer: „Ganz kurz, Kurt Drawert, eine Erwiderung auf Deinen Versuch, [den Autor] zu retten mit (…) seiner Vermündlichung. Ich glaube, (…) das haut nicht durchgängig hin. Wenn Du Dir das, ich glaube, es ist das siebte Gedicht, das siebte Gedicht anschaust, da kann man studieren, wie [der Autor] die Zäsurreime und die Alexandriner von Rimbaud übernimmt und dieses, finde ich, ist der Höhepunkt dieser elf Gedichte. Hier hat er wirklich sorgfältig gearbeitet und geformt. Das heißt, das hat seine skripturalen (…) Ebenen schon. (…) Das kannst du nur beim Lesen feststellen. // drawert: „Darf ich einen Satz noch einwerfen, einen Satz nur. Foucault hat den Satz gesagt: ‚Irgendwer spricht, aber wo er spricht, ist schon gegeben‘, das heißt der Ort des Sprechens ist da, das Subjekt des Sprechens ist austauschbar. Dieser Ort des Sprechens war mir nicht klar. Ich hab diesen Ort nicht gefunden und hab‘ ihn dann in der Verschiebung von Skripturalität zu Phonematik vermutet, aber es ist ’ne ganz wacklige Sache und (…) da ist nicht viel zu retten, da geb‘ ich Dir Recht.“
  • drawert: „..stümpt…“
  • Aber mit was da alles die Texte verglichen werden. Ich meine: Ich neige ja auch dazu, neue Texte zu kategorisieren, indem ich Ähnlichkeiten mit bekannten Sachen suche. Aber wenn man den Kritiken zuhört, ahnt man die Tücken. Ich würde vorschlagen: Man sollte sich darauf einigen, dass beim Besprechen der Texte Vergleiche grundsätzlich nicht erlaubt sind. Was nützt uns denn ein Referat über Christian Morgenstern, wenn es um Ames geht? Und mit Rimbaud und dem Surrealismus hat ja alles irgendwie zu tun. Besonders, wenn es irgendwie „modern“ wirkt (sprich: wenn die Kritiker*innen den Texten hilflos gegenüberstehen). Oder wenn es um die Großstadt geht (jeder Großstädter ist ein Flaneur). Wenn einem gar nichts mehr zum Text einfällt, ist es halt Dada.
  • …sind wir nicht alle ein bisschen Dada?
  • und das ist noch das beste
  • drawert hat den text einfach nicht begriffen. geht ran mit SEINER ästhetik – aber die greift halt nicht. kein text muss den sack zumachen, es darf auch verfusseln, aber hallo
  • ich habe dem jurypersonal nicht mit gewinn zugehört. auch der reiz, das schlimm finden zu können, lässt nach.
  • juror hummelt: “ „(…) ich bin vor allen Dingen dankbar auch für den, ja, sehr verblüffend genauen Vortrag von Sybille Cramer.(…). Aber etwas muss, glaube ich, doch noch gesagt werden, weil es doch schon sehr ein bisschen auf Reflexionsstufe 7 eingesetzt und das Wort, das konventionelle dieser Gedichte (…), ich glaube das muss schon auch gesagt werden, dass die Gedichte natürlich das überhaupt nicht sein wollen, sondern natürlich sehr auf Innovation setzen und darauf setzen, eigentlich auf einen Fortschritt und sehr viel ungesagt ausschließen, von dem, was alles nicht mehr geht nach Auffassung des Autors an lyrischen Sprechweisen. Und dann stellt sich die Frage: Was setzt er an die Stelle? Und ich hab durchaus bei einigen dieser Texte den Eindruck, die stehen eigentlich anstelle von Gedichten da, anstelle von Gedichten, wie man sie vorher kannte. Und dann frag ich mich: Gefällt mir das, bereichert mich das, verblüfft es mich? (…) Gerade bin ich dankbar für die saarländische Heimatkunde(…). (…) solche Dinge mag ich gern und ich finde, es ist durchaus auch im alten Sinne sprachliche Schönheit in diesen Gedichten zu finden, die der Autor allerdings verschämt versteckt (…) / [späterer Einwurf] (…) „weil für mich doch das Kryptische und das Privatistische auch sehr starke Merkmale dieser Texte sind und die haben schon, ich glaube die haben schon ihr System und ihre Folgerichtigkeit, aber ob die irgendjemand anderem als dem Autor selber, der sicher an diesen Texten großes Vergnügen hat, erschließbar ist, das ist natürlich die Frage und das lässt den Verdacht der Beliebigkeit aufkommen, aber da wär‘ ich mir nicht ganz so sicher“
  • wir könnten versuchen es kollektiv zu analysieren, wenn es schon einmal diese transparenz gibt
  • ja, das könnte natürlich einen mehrwert haben.
  • Pardon, ich habe nicht mitgehört, aber immerhin mitgelesen und kann nicht verstehen, was denn da so unter aller Kanone sein soll in der Erörterung der Texte. Was ich an Darmstadt gut finde, ist gerade dieser öffentliche Teil, bei dem es natürlich auch Tagesform gibt und auch die Jurorenleistungen einigermaßen transparent werden. Bei den meisten anderen Preisen wird just dieser Transparenzversuch verweigert. Und dann ist meist Ruhe im Karton. Wie an anderer Stelle gesagt: Ob die Entscheidungen in diesem Jahr glücklich waren, kann ich nicht beurteilen.
  • und was spricht dagegen, dies unaufgeregt zu erörtern? immer wenn das wo versucht wird kommt gleich einer und spricht hochdramatisch von „unter aller kanone“ und so. die transparenz ist in der tat vorbildlich und mutig; aber transparenz ist sie doch nur, wenn man sie auch benutzen darf
  • Nichts spricht dagegen, im Gegenteil. Ich habe doch nur gesagt, dass ich aufgrund der Transkriptionen nicht nachvollziehen kann, warum das Niveau der Jury teilweise schroff in Frage gestellt wurde, hier und dort, auf diversen Seiten. Das klang mir nach groben Aussetzern.
  • die transkripte oben stellen ja bisher größtenteils nur eine skizze der einlassungen zu einem der elf autoren. transparenz schön und gut, das kann man ausloben, aber das leisten auch die münchner. das gesprochene aber bügelt das hier für mich nicht auf. und wenn ich mir die auszüge oben anschaue, sehe ich da schon grobes aussetzen (z.b. die texte „stehen eigentlich anstelle von Gedichten da“, “ ohne rationalen Gedankengang“, „nicht zu retten“ oder, anderer autor: „dass sprache auch ’ne Körperverletzung sein kann, war mir heute sinnfällig geworden“ )
  • naja, drawert über schmid ist schon unterste schublade, dieser vernichtungswille von drawert wirkt auf mich arg ekelhaft.
  • ja
  • Scheint so ne Art Profilneurose zu sein, so hab ichs zumindest Meran 2002 erlebt.
  • mario osterland hatte dieser tage eine für mich sitzende einschätzung getroffen: nahezu die ganze bühne ist mit den kritikern besetzt, der autor sitzt/steht am rand – und so wirkt auf mich auch größtenteils das sprechen einiger kritiker
  • aber durchaus verbunden mit absichten oder interessen, wenn ich nach einer kritik den juror ankündigen höre: „Wir (…) werden nachher noch über andere Texte reden wollen, wo es sehr gut gelingt“
  • ja, das sagt er sogar zweimal in variation.
  • Also, ich habe mir in der Zwischenzeit die Lesung von Schmid angehört und die Diskussion. Ich finde, dass er korrekt diskutiert wurde. Das sind ja ganz unterschiedliche Auffassungen, die ja auch kontrovers sein dürfen. Ich bin kein Drawertianer, aber wo da Vernichtungswille sein soll, weiß ich nicht und auch nicht, was an seinen Äußerungen ekelhaft sein soll. Er ist ja alles andere als Papst, sondern nur eine Stimme und keineswegs eine dominante in der Diskussion. Das ist seine Aufgabe, zu sagen, wie es ihm damit ergangen ist, und andere erwidern ja entsprechend. Man muss sich dann vielleicht auch entscheiden. Will man relative Transparenz oder nicht. Wenn man sie will, muss man auch Juroren erlauben, Sachen zu sagen, die man selbst nicht gesagt hätte.
  •  ja, das wird immer gesagt wenn andere sich erlauben was andres zu sagen. andre dürfen auch ihrs sagen, und genauso mit tagesform und ungerechtigkeit und allem, aber dann kommt immer das sperrfeuer: neiddiskussion und so, als wär die widerrede irgendwie unzulässig oder geradezu unanständig. seit jahren beobachte ich das und es nervt. sie dürfen sagen, daß sie es korrekt finden. erlauben sie mir zu sagen, daß ich es ekelhaft finde, einer lesung körperverletzung anzuhängen.
  • Hehe, oder wir kritisieren die Kritiker. Ich versuche es (auch, wenn ich es nicht so gut wie Cramer kann): Also Sibylle Cramer – nun ja, sie kritisiert ja sehr sehr konventionell. Das ist natürlich Siebzigerjahre, das ist so Hellmuth Karasek. Karasek nannte ja den Helden von Genazinos Roman „Ein Regenschirm für diesen Tag“ einen „Flaneur“, und das hat sie natürlich mit Karasek gemeinsam, weil sie nach dem gleichen Prinzip verfährt. Der eigentliche Pate der Kritik aber ist, glaube ich, nicht Hellmuth Karasek, sondern durch die Kritik geistert – in verdeckten Zitaten, in offenen Zitaten – Alfred Kerr. Ich glaube, mir scheint, dass Kerrs Fixierung auf Rimbaud das Vorbild dieser Texte ist, Alfred Kerr, der zwar nicht Verfasser einer Kritik über Gedichte von Konstantin Ames ist, aber der doch zu Vergleichen neigte, die einen Vergleich mit Rimbaud geradezu nahelegen. Dieser Alfred Kerr ist der Meister, mit dem die Schülerin spricht, der ja Brecht des Plagiats überführen wollte – diesen Villon- Ton, der ja der Ton der Übersetzung K. L. Ammers ist. Villon fehlt natürlich leider in der Kritik von Sybille Cramer, das muss natürlich auch so sein, denn Villon ist ja kein Happening-Künstler. Das kann man Cramer also nicht zum Vorwurf machen. Aber in der Dialektik von Herr und Knecht bei Brecht und da Ammer auch Rimbaud übersetzte, muss leider konstatiert werden: Dieser „Rimbaud-Vergleichs“-Ton ist natürlich schon 100 Jahre alt, das ist natürlich alles nichts Neues, auch wenn da manchmal bei Cramer der Zusammenhang und leider auch Ammer fehlt. Eigene Akzente setzt Cramer durch konsequenten Verzicht auf Ironie und Sarkasmus, damit setzt sie sich von ihrem Meister ab. Ja – das ist es eigentlich. Aber da kann sie ihrem Meister natürlich nicht das Wasser reichen.
  • Klar. Wenn man sich ekelt, ekelt man sich nun mal. Für sog. Neiddiskussionen übernehme ich nicht die Verantwortung und bin da wohl eher auf Ihrer Seite. Das gilt auch hinsichtlich der Schreibheft-Diskussion um Grünbein. Drawert äußert körperliches Unbehagen, in etwas flapsiger Form. Man könnte sich darauf auch einlassen, wo das herkommen mag und das könnte erkenntnisfördernd sein.
  • klar kann man das. ich glaube, man hat hier angefangen es zu tun. bloß wie kommen sie überhaupt auf „erlauben“ – als wäre kritik eine art verbot? (mir fiel auf, daß vor kurzem ganz ähnlich marcel beyer nicht „erlauben“ wollte, brodsky zu „kritisieren“). nein, man darf alles in frage zu stellen, muß es sogar. große dichter oder kleine institutionen, oder umgekehrt. und es gibt keine pflicht zu ausgewogenheit, außer vielleicht für öffentlich finanzierte jurys.
  •  …die Frage, die sich mir stellt, ist immer noch: reden die Juroren wirklich über die vorgelesenen Texte? Oder reden sie über SICH und IHRE UNGLAUBLICHE BELESENHEIT? Gerade bei Cramers und Drawerts Einlassungen zu Ames habe ich nicht das Gefühl, dass auch nur irgendwas zum Text gesagt wird. Das sind aufgeblasene Feuilleton-Plattitüden. Man wirft ein paar Begriffe in die Runde wie „Flaneur“, lässt ein paar Namen der literarischen Moderne fallen und glaubt damit, den Text abgehakt zu haben. Das ist jene Art von Literaturkritik-Geschwurbel, die mich rasend macht, ausgestelltes Besserwissertum, dem m.E. jede analytische Tiefe abgeht. Um nicht missverstanden zu werden: ich schätze die Preisträger, ich schätze einige der Juroren als Lyriker, nein: zu den Drawert-Lesern gehöre ich nicht.
  • ‚körperliches unbehagen‘ (etwas flapsig) ist m.e. aber auch arg verhöflichend für einen ausspruch wie „dass sprache auch ’ne Körperverletzung sein kann, war mir heute sinnfällig geworden“. und die aussage, körperverletzung erfahren haben zu wollen, nun in bezug auf sprache und im rahmen eines vortrags, dessen inhalt vorab bekannt ist, im rahmen eines vortrags, dem ich wissentlich beisitze, konkludent, scheint mir mehr eine aussage um ihrer selbst willen, szenisch bis cineastisch, wenn sie denn in diesem kontext so „flapsig“ abgeworfen wird. und wenn wir uns hier darauf einlassen bzw. bereits darauf eingelassen haben, zu fragen, frage ich mich zunächst nicht nach dem befinden von herrn drawert. ich frage mich, inwiefern es „korrektes“ besprechen darstellt, text wie autor zu bewitzeln, indem man in bezug auf unterschiedliche schrifttypen rhetorisch in die runde fragt, ob denn der drucker kaputt gewesen sei. insa wilke sprach eingangs über das ernstgenommenwerden. und das ist ein guter punkt: nimmt es den text und dessen autor ernst, wenn ich so etwas frage oder inszeniert sich damit die aussage anhand des textes und damit ihr sprecher?
  • Ich habe mir nun vor dem Frühstück Ames und seine Diskussion angehört … sehr hilfreich fand ich die Ausführungen von Cramer und Drawert hier nicht, ich hätte mir gewünscht, dass sie näher an Texte herangehen, aber dann sprachen ja auch Poschmann und vor allem Hummelt. Ich bleibe hier der Juryversteher. Die Kollegen haben über 11 Dichter zu sprechen, die sie sich nicht ausgesucht haben, man verwandelt sich ja auch nicht sofort in Supermann, nur weil man in eine Jury berufen wird. Jeder hat dann auch mit ein, zwei, drei Autoren zu tun, zu denen man kein sinnvolles Verhältnis aufbauen kann. Ja, Frau Cramer neigt dazu, abstrakt zu werden und zu Gleitflügen anzusetzen, aber da sind ja ganz unterschiedliche Temperamente. Wir haben das gesprochene Wort vor uns, natürlich entstehen da Holprigkeiten und manchmal wird auch Unsinn gesagt. Wichtig finde ich, ob eine Jury zu einer guten Entscheidung kommt. Dazu habe ich hier noch keine Meinung. Ich habe nicht den Eindruck, dass jeder immer fair ist den Juroren gegenüber, die scheinen es nicht recht machen zu können, egal wer was sagt. Wenn einer mal forsch los legt, heißt es gleich, der will die Diskussion in eine bestimmte Richtung lenken etc.
  • genausowenig wie es fair ist, jede diskussion über juryentscheidungen immer gleich zu skandalisieren (wie es bei facebook seit jahren unfehlbar & prompt geschieht). aber zur jury: muß man auch bedenken, daß anders als das publikum die jury die eingereichten texte schon ein paar wochen vorher in den händen hatte, die gleichen texte die dann auch vorgelesen wurden (wenn das nicht stimmt bitte korrigieren)
  • Doch, das stimmt, muss man bedenken. Aber die Gespräche haben dann ja ihre Dynamik. Diskussionen über Juryentscheidungen finde ich sehr wünschenswert. Ich werde heute Abend zur Preisträgerlesung in Berlin gehen und vorher mindestens die aufgezeichnete Lesung von Levin Westermann anhören.
  • Ja, meine Formulierung ist verhöflichend, auf Drawert bezogen. Ich dachte mir, das könnte Emotionen abziehen. Das Befinden von Drawert war hier nicht mein Anliegen, eher: Verstehen zu wollen, welche Erfahrungen mit den Texten er uns mitteilen will und zu schauen, ob sich damit etwas Konstruktives machen lässt. Und da ist die „Körperverletzung“ offensichtlich ein Hindernis.
  • …bringen wir es auf den Punkt: Drawert wollte den Dieter Bohlen machen .
  • Also wenn ichs höre: Norbert Hummelt wirkt vor der Hand wohlwollender und gesteht dem Text innere Notwendigkeit zu. Ich glaube allerdings, das liegt eher daran, dass er Ames bereits kennt und weiß, wie der Habitus der Texte und der Autor verbunden sind. Dass man da nicht leicht „beliebig“ sagen kann. Die innere Notwendigkeit deren Zu- oder Absprechen ich ohnehin heikel finde, weil es ein arg platonoisches Konzept ist, dann aber komplett ins Idiosynkratische zu verlegen, finde ich schon auch nicht sehr fair. (Ich hab vergessen, ob der Begriff innere Notwendigkeit fällt, aber dieses Konzept ist, auch wenn er den Begriff ev. vorsichtiger Weise weglässt in seiner Beurteilung von Texten doch regelmäßig stark vertreten) Und dann auch noch diesen gedichten einen alten Entweder oder Aufkleber zu verpassen. Es ist, scheint er andeuten zu wollen, Avantgarde. „Diese Gedichte stehen statt anderer Gedichte“ Interessanter Weise setzt er fort, dann sei die Frage ob es berühre. Nu ja, die alten Avantgarden hatten doch auch gleich eine Erklärung parat, warum es vielleicht zunächst eher angefeindet werden könnte und nicht berührend sein. Norbert Hummelt setzt sich entweder als wissender Übergeist darüber hinweg oder nimmt seine eigene Einordnung da nicht ernst, sondern redet weiter wie über klassische Empfindsamkeitsgedichte. (Man könnte sich allerdings auch die Frage stellen, ob nicht JEDES Gedicht den Anspruch haben sollte, jedes andere schlechtere zu ersetzen, inwieweit ein Gedicht immer ein Modell möglicher Redeweise im Gegensatz zu Anderen wäre?) Mir scheint Norbert Hummelt also auch eher sein Spinnennetz von begrifflichen Distinktionen aufzuspannen und Texte einzufangen, damit die Spinne wächst. (Seins mag sich in Bezug auf Ames als interessanter erweisen als Drawerts oder Cramers. Aber das ist vielleicht auch nicht so eine große Kunst.)
  • zu einer stelle bei cramer wollte ich noch etwas sagen: ihr insistieren, dass es röntgenbilder zu zeiten chekhovs nicht gegeben habe und der text u.a. deshalb nicht ernstzunehmen sei, macht mich, ja, schon sauer. es gab sie nicht, die röntgenbilder – ja. und nun? ist es ein fehler, wenn ich statt 0 1 2 3 jetzt 1 1 2 3 sage oder setze ich da etwas, wende an? und ist nicht gerade in bezug auf chekhovs erzählen röntgenblick, wenn auch nachhaltig adaptiert und u. u. biografisch angespitzt, ein guter und auch präsenter übertrag (vgl. rosamund bartlett über ’seeing chekhov‘, finke, „(…) playing the writer at his own game, using X-ray vision“; vgl. „the man with the x-ray vision“, armstrong über chekhov, the age review). hier kann man z.b. die verschiebungen im point of view, die innenansichten bei aljoscha/nikolai in ‚eine bagatelle‘ erinnern. und wenn ich an chekhov denke, denke ich auch theater. denke ich theater, erinner‘ ich die vierte wand – und da schau ich, jetzt grad publikum, durch. frau cramer aber hat recherchiert und betont: es gab sie nicht zu dieser zeit, die röntgenbilder, stellt aber auch zu keinem moment die frage nach einem möglichen, bewussten plazieren. irgendwer will sicher wieder goethe vom frankfurter hauptbahnhof abholen. aber im gedicht könnte ich das auch. in der diskussion zu westermanns texten kommt man zwar, auch durch das nachhaken von insa wilke, nochmal auf das spiel zu sprechen, das in seinen texten gesehen wird, auf die unterschiedlichen formen der rede, auf lyrischen sprecher, auktorialen erzähler, dramatische und essayistische sequenzen, zieht aber die verbindung zu chekhov und seinem schreiben nach meinen ohren schlichtweg nicht. was cramer dazu mit apokalypse betitelt, hätte man weiter hinterfragen können. und mitunter geht das spiel um chekhov, seine stete neubesetzung (vgl. sinngemäß: ‚und die zeit beginnt von vorn‘) noch auf anderer ebene weiter: aus chekhov/tschechow kann cherenkov/tscherenkow werden. vielleicht addiert das auch etwas zum text, es spricht ihm aber zumindest nichts per se ab.
  • Nun habe ich (sehr gerne) Westermann gehört. Ich finde zwar, dass auch er alles in allem eine korrekte Besprechung bekommen hat: Imponiert hat mir Koneffke, Insa Wilke hat m. E. gut interveniert, Hummelt und Drawert redeten, finde ich, sehr fair, Poschmann habe ich nicht mehr präsent. Tja, dann aber Cramer. Ich weiß nicht, was sie da hat, ihre Ausführungen finde ich zu W. rundum enttäuschend. Sie hat etwas Unberechenbares, da kann etwas blitzartig kippen in die eine oder andere Richtung, das ist mir nicht geheuer. Das war jedenfalls ein schwacher Auftritt von ihr, vielleicht „spielentscheidend“. Dass Westermann gar nicht auftaucht bei den Preisträgern finde ich heikel.
  • etwas anderes noch, weil ich just an anderer stelle etwas von ‚lamentieren‘ las: die jury hat sich entschieden und das kann man so stehenlassen. done. was ich aber aus meiner warte kritisieren kann und will, ist die art und weise einiger diskutanten, die art und weise in einigen diskussionen und ist die herangehensweise der diskussionen, die in großen teilen lediglich die großen bettbezüge auswirft, anstatt wirklich in den text zu gehen. textarbeit beispielsweise hätte mitunter eine referenzielle funktion der röntgenbilder bei levins text vermuten können. und die manier, einen lyrischen sprecher nicht anders als eben im streichholzschachtelmodus in autorin oder autor zurückzuschiebenschieben, kann ich auch monieren. wenn norbert hummelt e.g. bei rike scheffler persönliche erfahrung im text vermutet, die sich die autorin nur einfach nicht getraue, plan zu äußern, sich hinter ‚man‘ verstecke, finde ich das kritisch und dem text gegenüber unverständig. ginge es nur so, wäre ich schon wie alice in den fuchsbau zu asse gefallen. aber ich erinnere mich: das war nicht schön. und was ich mir wünsche, ist, dass krause und dündar und kampmann, sofern überhaupt aus ihrer warte möglich und sofern sie mitlesen oder mitbekommen, die auseinandersetzung hier als kritik am verhalten der jury lesen.
  • Ich halte sehr viel von Rike Scheffler. Ihr Text aber funktioniert m. E. nicht, jedenfalls nicht auf dem Level, das ich ihr gelinde gesagt zutraue. Norbert Hummelt macht ihr einen Vorschlag, vielleicht aus einem ähnlichen Unbehagen plus Zutrauen. Ob er was taugt, kann m. E. nur sie entscheiden?
  • Ich hätte es besser gefunden, hätten die Autoren das Recht zum Schlusswort, das gäbe ihnen die Möglichkeit, etwas zurecht zu rücken.
  • hummelt bittet m.e. um eingeständnis, wo es nichts einzugestehen gibt. und vielleicht ist das auch eine varianz des ‚überfordertseins‘, nicht annehmen zu können, dass etwas schlichtweg imaginiert ist. oder vielleicht ist es eine varianz von – ich dreh es jetzt dreisteshalber um – privatistischer sicht auf den text, es nicht annehmen zu wollen, erfahrung zu vermuten, persönliches, das sich aber hinter irgendwas verbergen wolle, um nicht ausgemacht zu werden. in meinen augen versteckt sich da nichts, die sprecherposition ebenso wenig, es geht um besetzung, mithin um ein auf-/angehen (vgl. man ist eine frau). und in diesem kontext zu argumentieren, die lyr. sprecherin verstecke sich im man, im angeblich so allgemeinen, das eben nicht allgemein ist, im angeblich befehls- oder gesetzmäßigen ‚man‘, geht am text nach meinem verständnis total vorbei.
  • Ich finde, er bittet nicht um ein Eingeständnis, sondern macht ihr einen Vorschlag. Er mutmaßt das persönliche Erleben und räumt das auch ein. Ich kenne ein Langgedicht von ihr, das eine Liebesbeziehung verhandelt, das finde ich sehr gelungen. Nun kommt hier ein schwülstiger Ton rein, finde ich, schon die Stimmlage lädt den Text erotisch auf in einer seltsamen Weise. Warum nur, frage ich mich, ist das jetzt so schwülstig und warum ist ihr Liebesgedicht so klar und elegant. Ich habe keine Antwort und muss keine haben. Aber vielleicht ist der Vorschlag von NH überprüfenswert, zu was auch immer das führen könnte.
  • scheint mir der falsche maßstab. als wärs erlebnis-, bekenntnislyrik
  • Es gibt Gedichte, die sehr nah an Erlebtem sind und solche, die das überhaupt nicht sind. Das hat m. E. nichts mit einem Maßstab zu tun.
  • ich sehe keinen grund, nach dem „erlebten“ zu fragen. sie ist doch nicht der junge goethe
  • Ich sehe auch keinen Grund. Aber wenn es stimmen sollte, dass Erfahrungen zugrunde liegen, lässt sich doch auch überlegen, wie es wäre, sie direkter anzusprechen. Muss ja nicht der richtige Weg sein, aber eine Überlegung ist es vielleicht wert?
  • ehrlich gesagt, das interesse herrn hummelts an ihren erfahrungen wie soll ich sagen… ist etwas suspekt, veraltet,was weiß ich
  • Hummelt hat doch kein Interesse an ihren Erfahrungen, sondern an ihrem Text und zieht in Erwägung, dass es ihm bekommen könnte, wenn …
  • ja, das mein ich schon, er unterstellt, das muß doch erlebt sein, kann man da nicht… mißfällt mir
  • Er mutmaßt, es könnte erlebt sein …
  • uwe johnson mutmaßt nicht über jakob, sondern führt mutmaßungen vor
  • Na und? Mal ist es so, mal ist es anders. Ich habe Gedichte geschrieben, in denen es um meine Wahrnehmungen geht, da versuche ich, sie so präzise wie möglich wiederzugeben, und ich habe Gedichte geschrieben, die mit meinen Sinneswahrnehmungen nicht das Geringste zu tun haben.
  • will mal ansagen, dass da nix in einer seltsamen weise den text erotisch auflädt, nicht die stimmlage, oder sonstwas. das sind wohl die eigenen ohren, die dir das so filtern.
  • „haben sie das alles selbst erlebt, herr x“ geht sie einen schönen dreck an! lesen sie meinen text oder lassen sies bleiben
  • Hummelt ist aber nicht neugierig, er macht einen Arbeitsvorschlag …
  • stunden später … jetzt auch mal kurz reingehört … die gedichte schmidts und seinen vortragsstil mag man gut finden oder nicht, verstehen oder nicht – aber dieser kritikstil ist – ganz abgesehen vom fachlichen, auch menschlich inakzteptabel meine ich … wer setzt sich denn sowas freiwillig aus?

(Das Gespräch geht weiter)

One Comment on “Transparenz

  1. Es gibt eine Menge Leute, die mit Stil und Ton der Diskussionen beim diesjährigen sog. Lyrik-Wettbewerb in Darmstadt sehr unzufrieden sind. Dass die Debatte darüber weiterhin und, mit Blick auf andere Wettbewerbe: zukünftig, stattfinden könnte, das ist nicht zuletzt Dein Verdienst, lieber Michael, danke, dass Du diese unpopuläre Thematik hier und auf fb aufgreifst! — Gleiches gilt für die kurze Philippika zur Juryleistung, nachzulesen bei fixpoetry (http://www.fixpoetry.com/fix-zone/2015-03-22/literarischer-maerz-2015) durch Frank Milautzcki. Danke Euch beiden!

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