76. Sprache muss «arm» und «roh» gemacht werden

Einer Anregung des Genfer Verlegers Albert Skira folgend, begab sich Henri Michaux (1899–1984), französischer Dichter und Maler belgischer Herkunft, in seinen späten Jahren auf die «Wege der Schöpfung» und legte 1972 in der gleichnamigen Buchreihe – «Les sentiers de la création» – einen reich illustrierten Band vor, der nun seit kurzem auch in deutscher Sprache greifbar ist. Unter dem Titel «Zeichen Köpfe Gesten» führt die exzellent gestaltete, in Format und Layout deutlich von der Originalvorlage sich abhebende Edition eine lockere Textsequenz mit einer dichten Bilderstrecke zusammen und dokumentiert damit das Schaffen eines Autors, der zu den herausragenden künstlerischen Doppelbegabungen des vergangenen Jahrhunderts gehört. (…)

Der vorliegende Band kann gleichermassen als privater Werkstattbericht und als poetischer Essay zu Fragen und Phänomenen künstlerischen Schaffens gelten. Schaffen, Schöpfung – die im Kunstdiskurs weithin obsolet gewordenen Begriffe bewahren bei Michaux ihre ursprüngliche Bedeutung, bleiben gebunden an die Wunschvorstellung, aus nichts – oder jedenfalls aus so wenig wie möglich – komplexe Werke entstehen zu lassen. In der Bildkunst scheint das eher zu gelingen als vermittels der Sprache, die immer schon mit Bedeutung aufgeladen ist und der es generell, meint Michaux, an «Rustizität» mangelt: «In der Malerei findet sich das Primitive, das Ursprüngliche leichter.»

Voraussetzung für solch unwillkürliches Schöpfertum ist der äusserst schwierige Verzicht auf Konzepte und Entwürfe wie auch die Abwehr von Vorbildern und Einflüssen. Der Gestaltungsprozess vollzieht sich «ohne Korrekturen, ohne Überarbeitung, ohne darauf zurückkommen, ohne retouchieren zu müssen. Auf Anhieb da.» Diesen schöpferischen Nullpunkt glaubte Henri Michaux durch Drogenkonsum erreichen zu können, und aus ihm hoffte er den Grundimpuls für seine Wort- und Bildkunst zu gewinnen. Nicht ums Machen und Bewirken ging es ihm, wie es die klassische Moderne und an deren Ausgang Paul Valéry gefordert hatten, vielmehr darum, das Werk geschehen, kommen, aufgehen zu lassen – es eher zu ermöglichen als zu verwirklichen. Darauf hebt auch der Originaltitel des Buchs ab: «Emergences Résurgences», was man mit «Heraufkünfte Wiederkünfte» übersetzen könnte. Dass die deutsche Ausgabe nun unter einem ganz andern, viel zu konkret gefassten (wenn auch sicherlich eingängigeren) Titel erscheint, lässt sich sachlich kaum begründen und ist ebenso zu bedauern wie die eine und andere Ungereimtheit im Text.

(…)

Die konventionelle, der Mitteilung, der Belehrung, der Unterhaltung dienende Sprache muss «arm» und «roh» gemacht werden, damit sich ihre Bedeutungsschwere – «vergiftetes Geschenk»! – relativieren kann. Poesie erfordert originären Spracheinsatz; er ist, so lautet das Fazit bei Michaux, nur im Gegenzug zur Gebrauchssprache zu erbringen. Von diesem stetigen Gegenzug ist auch der vorliegende Text deutlich geprägt – seine Inkohärenz und sein partiell delirierender Stil erschweren das Verständnis, doch das so entstehende Defizit wird umso wirkungsvoller von den zahlreich eingestreuten Bildern ausgeglichen. / Felix Philipp Ingold, NZZ

Henri Michaux: Zeichen Köpfe Gesten. Aus dem Französischen und mit einer Nachbemerkung von Helmut Mayer. Piet-Meyer-Verlag, Bern 2014. 140 S., 80 Abb., Fr. 59.90.

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