75. Neu zu entdecken – der russische Wort- und Schriftkünstler Iljazd

Von Felix Philipp Ingold

Noch eine Entdeckung aus dem Fundus der russischen Moderne: Beim Moskauer Verlag Hylaea sind zum Jahreswechsel die theoretischen Schriften sowie private Korrespondenzen des futuristischen Wort- und Schriftkünstlers Ilja Sdanewitsch (Зданевич) in zwei exzellent edierten Bänden erschienen.* ‒ Sdanewitsch, der sich unter diversen Pseudonymen (ab 1923 definitiv: „Iljazd“) als einer der radikalsten und konsequentesten Protagonisten der vorrevolutionären russischen Avantgarde hervorgetan hat, wurde 1894 im Kaukasus geboren, lebte ab 1911 in Petersburg und Moskau, wo er sich an vorderster Front – neben dem Dichter Majakowskij und dem Maler Larionow ‒ mit zahlreichen Manifesten und öffentlichen Auftritten für die damals aktuellen „Kunstismen“ einsetzte (Kubofuturismus, Neoprimitivismus, Centrifuga, „Totalismus“), bis er im Herbst 1917 in den Kaukasus zurückkehrte, um dort (zusammen mit Aleksej Krutschonych, Igor Terentjew und seinem Bruder Kirill Sdanewitsch) unter der Bezeichnung 41° eine weitgehend selbständige Filiale aktueller Avantgardekunst zu eröffnen – mit Ausstellungen, Performances und mit der Publikation von Büchern und Zeitschriften.

Ende 1921 übersiedelte Sdanewitsch nach Paris, wo er als Typograph und Designer eine zweite Karriere begann und mit führenden Zeitgenossen wie Picasso, Braque, Giacometti, aber auch Eluard und Coco Chanel zusammenarbeitete. Erst im Exil entstand sein eigenständiges, literarisch relevantes Werk, bestehend aus „hintersinnigen“ schriftkünstlerischen Kompositionen („LidantJu fAram“, 1923) sowie diversen Lyrik- und Prosabänden (u.a. dem Roman „Begeisterung“, 1927). Erfolgreich betätigte sich Iljazd auch als Verleger und Herausgeber; mit dem französischen Sammelwerk „Die Poesie unbekannter Wörter“ (1949) knüpfte er noch einmal an die Unsinnspoesie der 1910er und 1920er Jahre an.

Heute ist der 1975 verstorbene „totalistische“ Künstler nur noch einem kleinen elitären Publikum bekannt. Die nun vorliegende Edition seiner theoretischen Schriften (darunter sein aufschlussreicher Briefwechsel mit Filippo Tommaso Marinetti, 1912-1914) macht aber deutlich, dass Sdanewitsch-Iljazd keineswegs im Elfenbeinturm verharrte, dass er vielmehr zu den ersten europäischen Kunstschaffenden gehörte, die den öffentlichen Raum als Auditorium für ihre performativen Auftritte nutzbar machten. ‒ Im deutschen Sprachbereich kennt man Iljazd bestenfalls als Schrift- und Buchgestalter; als Wortkünstler und Dichtungstheoretiker ist er noch zu entdecken.

*) Илья Зданевич (Ильязд), „Футуризм и всечество“ (Futurismus und Totalismus), I-II, Гилея: Москва 2014; in Deutschland zu beziehen durch Kubon & Sagner Books, München.

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