70. Zeitschriftenschau

Das letzte von Michael Krüger verantwortete Heft [der Akzente] räumt noch einmal der internationalen Lyrik den ihr eigentlich zustehenden Raum ein, beginnend mit Ibn al-Arabi, der von 1165 bis 1240 lebte. Kenner wie sein Übersetzer Stefan Weidner, halten ihn, „was die Eigenart, Schönheit und gedankliche Tiefe seiner Schriften betrifft“, für einen der größten Autoren der Weltgeschichte. Wir erleben in seinem Werk, so Weidner, „die arabisch-islamische Kultur auf einem ihrer (wiewohl: letzten) Höhepunkte.“ Wiedergegeben ist ein Zyklus von zwölf mystischen, mehrdeutig-geschmeidigen Gedichten, die 1214 in Mekka entstanden sind: „Hoch hinaus hat das verlangen / mich geführt weit hinab mich / der verzicht zwischen tief und hoch / land war ich zerrissen.“

Ferner in den Akzenten eher alltagsnahe Gedichte des 1978 geborenen Polen Lukasz Jarosz, des Holländers Erik Lindner sowie des 1927 geborenen Amerikaners W.S. Merwin. Jedes seiner hier abgedruckten Gedichte befragt lakonisch-skeptisch ein Gegenüber, etwa ein Buch: „Mach weiter du / in deiner eigenen Zeit / weiter werde ich / dich nicht tragen / ich überlasse deine Worte dir / als gehörten sie / dir von Anfang an.“

(…)

Zehn Jahre alt war der englische Schriftsteller und Schauspieler Heathcote Williams, als ihn sein Vater 1951 mitnahm zu einer Lesung des genialen Waliser Dichters Dylan Thomas ins „Victoria and Albert Museum“. Er erlebte „einen kleinen, pummeligen Mann mit rotbraunem, lockigem Haar“, der sacht hin und her schwankte. Beim Rezitieren traten seine Augen hervor, „und seine Stimme erschallte, laut und rhythmisch, in einer Folge überladener Arien, von einem Sprühregen von Speichel begleitet.“

Die Stimme dieses „besessenen“ Dichters hatte die hypnotische Wirkung einer Orgel und versetzte den jungen Williams „in rapsodische Trance“, wie er nun in einem Essay in Lettre International bekennt. Die dunklen Verse hatten einen Keim gelegt, und so machte sich Williams ein paar Jahre später, 1960, nach Swansea, dem Geburtsort von Dylan Thomas auf, um nach seinen Spuren zu suchen. Er traf auf Leute, die den Dichter noch kannten, ja mit ihm befreundet waren, und einer sagte: „Niemand hat je glanzvoller die Maske der Anarchie getragen.“

Er starb 1953 als „junger Hund“ mit 39 Jahren bei seiner vierten Vortragsreise durch die USA an einer Lungenentzündung, die er wegen seiner Alkoholexzesse nie auskuriert hatte. Er hinterließ seine genialen Verse („Geh nicht gelassen in die gute Nacht. / Im Sterbelicht sei doppelt zornentfacht.“) sowie das als Hörspiel konzipierte, enorm erfolgreiche Theaterstück „Unter dem Milchwald“, ein hoch poetisches „Spiel der Stimmen“.

Knapp ein Jahrzehnt nach seinem Tod hat ein damals unbekannter Folksänger namens Robert Allen Zimmerman Dylan Thomas‘ Identität auf eine – so Williams – „schaurige Weise geplündert.“ Er habe sich Dylans Vornamen geschnappt, „um seine Karriere zu befördern“, was Heathcote Williams Bob Dylan niemals verzeihen wird.

/ Michael Buselmeier, Freitag

  • Akzente, Heft 6, Dezember 2014 (Postfach 86 04 20, 81631 München), 7,90 €.
  • Lettre International, Nr. 107, Winter 2014 (Erkelenzdamm 59/61 10999 Berlin), 13,90 €.

Außerdem werden besprochen:

  • die horen, Nr. 256, 2014 (Böttgerweg 4a, 04425 Taucha), 14,- €.
  • Neue Rundschau, Heft 4, 2014 (Hedderichstraße 114, 60596 Frankfurt am Main), 15,- €.
  • Sinn und Form, Heft 6, 2014 (Postfach 21 02 50, 10502 Berlin), 9,- €.

 

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