42. Einfluß

Wolfram Groddeck konzentriert sich auf Robert Walsers eigenartige Verlaine-Rezeption, die zwischen Abneigung und ironischer Distanznahme oszilliert. Ausgangspunkt ist die Episode, die Alfred Fankhauser, in den Zwanziger Jahren Sekretär des Schweizerischen Schriftstellervereins, zum Besten gibt. So soll er in alkoholisiertem Zustand Walser gestanden haben, mit seinen Versen sei er »der einzige deutsch dichtende Autor, der Verlaines Gedichte übertragen könne«, worauf Walser jäh auffuhr und ihn anbrüllte: »Verlaine, den alten Bock, soll ich übersetzen? Hab ich nötig, dem Burschen den Portier zu machen?« (S. 42)

In der folgenden Lektüre eines Mikrogrammgedichts aus dem Frühjahr 1925 verdeutlicht Groddeck, wie sehr man – trotz oder wegen der außergewöhnlichen Schriftfixierung der Forschung – in den Worten des anwesenden Lyrikers Urs Allemann das Gedichtete »hören muss« (S. 45): Der immer sechsmal anders ausgesprochene Namen »Verlaine« muss sich auf den Fluss »Seine«, auf »sehne«, auf »wähne«, auf »dehne«, auf »träne« und schließlich auf »meine« reimen. Im zweiten »Gedicht auf Verlaine«, das auf dem Mikrogrammblatt 501 entworfen wird, macht Groddeck anhand einer konzisen Rhythmusanalyse deutlich, wie sehr sich Walser von einem hohen Ton der Lyrik – wie man ihn beispielsweise bei Stefan Zweig vorfindet – distanziert, um sich aus einer anderen Richtung her kommend (oder spazierend) der sich zersetzenden Klanglichkeit auf »eine eigenwillige poetische Verwandtschaft« einzulassen (S. 56). (…)

Weitere Beiträge im Band konzentrieren sich vor allem auf die Übersetzertätigkeit der Dichter und deren Einfluss auf die eigene Dichtung: So zeigt Elisabetta Mengaldo die »Brecht-Funktion« bei Franco Fortini auf (S. 137 f.); Michael Gratz setzt die Dante-Rezeption in der (Ex‑)DDR in von der Larmoyanz eines Durs Grünbein ab; Theresia Prammer wiederum interessiert sich für Oswald Eggers Nachdichtungen der Verse des spanischen Mystikers Juan de la Cruz; Armin Schäfer geht den Rilke-Fehllektüren in William H. Gass’ Roman The Tunnel nach. (…)

Hans-Jost Frey zeigt auf, wie sich Franz Josef Czernin auf Dante bezieht. Die Trümmer der Vergangenheit werden vor allem in ihrer Struktur, in ihrer »Art des Gesagtseins« gesichtet (S. 91) und verweisen damit wieder auf sich selbst (S. 96). Dabei geht es weniger um die solipsistische Abschließung der Dichtung, sondern um ihre Öffnung zum Anderen – zu einer fremden und verfremdenden Sprache der Utopie, wie sie durch Mechthild von Magdeburg oder in Rudolf Borchardts Dante-Übersetzungen (S. 101) beschworen wird. Die Wortsubstanz kommt dadurch selbst unter die Lupe, indem Zusammensetzungen invertiert und kontaminiert werden. (…)

Oder in den Worten Hans-Jost Freys: »Alles schimmert schon immer. Das Nacheinander tritt hinter das Miteinander zurück. […] Die Zurückstellung des Linearen zugunsten des im Raum Gleichzeitigen schließt das Argumentative und Erzählende aus. Stattdessen gibt es punktuelle Textherde, die ausstrahlen […].« (S. 113) Das hier Beschriebene ist eine höchst musikalische Theorie der Polyphonie. Mit anderen Worten: Der hier vorliegende, wunderbare Band beinhaltet um einiges mehr, als er vorgibt zu beinhalten. Und das ist auch das Verdienst der beiden Herausgeberinnen.

/ Prof. Dr. Boris Previsic Mongelli, IASL Online

Boris Previsic Mongelli: Polyphone Bezugnahmen der Dichtung. (Rezension über: Uta Degner / Elisabetta Mengaldo [Hg.]: Der Dichter und sein Schatten. Emphatische Intertextualität in der modernen Lyrik. München: Wilhelm Fink 2013.)
In: IASLonline [01.01.2015]
URL: <http://www.iaslonline.de/index.php?vorgang_id=3853&gt;
Datum des Zugriffs: 13.01.2015

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