31. Klagenfurter Poetik oder Die Laienherrschaft

Aus einem Essay von Felix Philipp Ingold*

Wer sich während der diesjährigen Klagenfurter Tage der deutschsprachigen Literatur hin und wieder bei TV 3sat in die laufende Veranstaltung einschaltete, konnte auf eine illustre Kritikerrunde treffen, die eben dabei war, über einen der vorgelegten Texte zu räsonieren. Womöglich war es der denkwürdige Moment, da einer der Juroren ein vielbeachtetes Diktum verlauten ließ – sinngemäß: „Miserable Lesung und … (kurze Pause) … aber vielleicht war eben dies das Gute daran.“ Zwischen „und“ und „aber“ gab es im Publikum eine sofortige raunende Abwehrreaktion gegen das scharfe Verdikt, das vom Votanten denn auch im gleichen Atemzug bedenkenlos in sein Gegenteil verkehrt wurde: Das Gute an dem Textvortrag wäre also dessen Miserabilität gewesen. Was Wunder, dass in der Folge tatsächlich der Kandidat mit der miserabelsten Lesung den Ingeborg Bachmann-Preis entgegennehmen durfte.

Das Gute an der peinlichen Episode, so könnte man nun hinzufügen, besteht darin, dass sie die Miserabilität heutiger Literaturbetrachtung exemplarisch erkennbar werden lässt – sie tendiert (im Positiven wie im Negativen) zu unbegründeten Pauschalurteilen, es fehlt ihr an objektiven Kriterien und Prioritäten, und wo sie auf Skepsis oder Widerspruch stößt, übernimmt sie bedenkenlos den vorherrschenden Publikumsgeschmack. Der heute im Kulturbetrieb wie in der Unterhaltungsindustrie vorrangigen Laienherrschaft wird in Klagenfurt wie anderswo Genüge getan (um nicht zu sagen: Reverenz erwiesen) durch die Vergabe eines sogenannten Publikumspreises, der ausschließlich vom Kriterium des mehrheitlichen Gefallens bestimmt ist. Eine Diskussion (oder auch bloß ein Meinungsaustausch) über die zu beurteilenden Texte findet nicht statt. Entscheidend ist einzig die Anzahl der spontan abgegebenen Stimmen beziehungsweise die Mehrheit der gereckten Daumen, die als „Likes“ hochgerechnet werden. (…)

Aus den Klagenfurter Juryvoten und Preisreden ließe sich leicht so etwas wie eine Klagenfurter Poetik synthetisieren. Es ergäbe sich daraus ein „realistischer“ Literaturbegriff, der grundsätzlich an der Wirklichkeit orientiert bleibt und als dessen ständiger Bezugspunkt das „Leben“ zu gelten hat, sei’s das Leben auf der historischen Achse (Epochen-, Familiengeschichten), sei’s das persönliche Erleben der Autoren (Kindheits-, Krankheits-, Kriegs-, Sucht-, Liebes-, Reisegeschichten). Die Wettbewerbsteilnehmer reichen denn auch mehrheitlich irgendwelche – mal eigene, mal fremde – „Lebensgeschichten“ ein, und dementsprechend werden sie auch in eigens produzierten Filmportraits vorgestellt, die ihre private Lebenswelt vergegenwärtigen. Von daher erklärt sich, mit Blick auf die Jurorenrunde, der Vorrang von außerliterarischen Kriterien wie Authentizität, Einfühlung, Nachvollziehbarkeit, aber auch die Vernachlässigung künstlerischer Qualitäten (Textkomposition, Personalstil) bei der Qualifizierung der vorgelegten Texte.

Dass ein literarischer Held „die Traurigkeiten transzendiert und dennoch mitten im Leben steht“, ist wohl das Höchste, was die Klagenfurter Juroren einem Wettbewerbsbeitrag zugutehalten können – im Text wie im Leben! Mit der Parenthese Text/Leben oder Werk/Welt soll literarisches Gelingen beglaubigt werden, und dies nicht nur bei den Tagen der deutschsprachigen Literatur in Kärnten, sondern generell im deutschsprachigen Feuilleton. „Ich behaupte“, so lässt sich ein meinungsbildender Kritiker über eine namhafte Autorin vernehmen, „dass ihre Schreib- und Lebensweise auch ein Widerhall jener tiefen Trauer ist, die dem Jahrhundert entspricht.“ Der Kritiker begnügt sich also, statt sich um eine objektive Einschätzung zu bemühen, damit, Text und Leben gleichzusetzen und gleich auch noch zu „behaupten“, das fragliche Werk stehe für die Befindlichkeit eines Jahrhunderts: Schön gesagt, aber nicht zu belegen, und zu widerlegen auch nicht – ein autoritativ vorgetragenes Diktum ohne jede literarische beziehungsweise literaturkritische Relevanz. In Wirklichkeit sind derartige Verlautbarungen nichts anderes als populistische Floskeln, die das Täuschungsgeschäft einer vorgeblich „realistischen“ Weltdarstellung und damit auch den vorherrschenden Publikumsgeschmack rechtfertigen sollen.

Dass keineswegs nur Jury und Kritik, sondern auch ein Großteil der zeitgenössischen Literaten – in Klagenfurt wie auch sonst im deutschen Sprachbereich – dieses Täuschungsgeschäft mittragen oder gar aktiv betreiben, ist offenkundig. Literatur und Kritik sind heute in einen Pakt verstrickt, der wohl die Trendbildung fördert, nicht aber der Qualitätssicherung dient und schon gar nicht der Durchsetzung riskanter, zumindest potenziell innovativer Schreibweisen. Um in Klagenfurt ausgezeichnet zu werden, muss ein Wettbewerbsbeitrag – gemäß den dort meistgenannten Kriterien – „hervorragend“, „anrührend“, „spannend“, gern auch „klassisch“ und am liebsten „wunderbar“ sein, und wenn er’s denn ist, erklärt sich der zuständige Juror (wörtlich:) für „glücklich und zufrieden“ mit dem Hinweis darauf, dass ihm der prämierte Text „sehr gut gefallen“ habe. Wo das Gefallen zum Kriterium wird, werden sachliche Argumentation und Beurteilung hinfällig, und wo Literaturkritik zur Geschmacksdebatte verflacht, triumphiert naturgemäß unergiebiger, vielleicht unterhaltsamer, insgesamt aber unbedarfter „Zoff“ in der Kritikerrunde, mithin eben jene Art von Geplauder, die dem Studio- wie dem TV-Publikum weit eher entspricht als die phrasenfreie, dafür aber begriffsstarke Debatte am Leitfaden der zu besprechenden Textvorlagen.

(…) Einzig Friederike Mayröcker, die unermüdlich experimentierende Sprachkünstlerin, hat sich – als Alibiautorin – beim Feuilleton und bei Preisjurys halten können: Von ihr wird jede Neuerscheinung jeweils sofort und stets positiv besprochen, derweil nachrückende Autoren mit vergleichbarem Profil mehrheitlich übergangen werden und damit auf engste Leserkreise verwiesen bleiben. Die Neuveröffentlichung von einstmals vielbeachteten Werken der deutschsprachigen literarischen Avantgarde (darunter Konrad Bayers Kopf des Vitus Bering, 1965, und Oswald Wieners Verbesserung von Mitteleuropa, 1969) wie auch die Vergabe des diesjährigen Büchner-Preises an Jürgen Becker, der sich in den 1960er-Jahren als experimenteller Dichter einen Namen gemacht hat, sind als Alibiübungen zu verstehen und sollen wohl einen literarischen Kontrapunkt setzen zum derzeit grassierenden „dokufiktionalen“ Realismus. Wem aber sind noch Autoren vom Format einer Marie Luise Kaschnitz, einer Ilse Aichinger, eines Hans Erich Nossack oder Günter Eich gegenwärtig? (…)

Nicht anders als in Klagenfurt fordert auch in Meran, wo alle zwei Jahre einer der renommierten Preise für deutschsprachige Lyrik vergeben wird, die Wirklichkeit ihren Vorrang vor der Kunst: Das „Poetische“ an einer Landschaft oder einer Liebesbegegnung, festgehalten in lyrischer Rede, transzendiert die Poesie. Diese vermag doch aber ihrerseits – durch Klang, Rhythmus, Metaphorik – etwas zu schaffen oder wenigstens zu evozieren, das die außerliterarische Wirklichkeit überbietet, um im Gedicht und als Gedicht eine eigene Wirklichkeit herzustellen, die der Welt, in der wir leben, zugehört, ohne bloß deren Abklatsch oder noch so „präzises Echo“ zu sein. Doch die Meraner Lyrikpreise werden konsequent an Autoren vergeben, denen es gelingt, zum Beispiel „eine Industrielandschaft, eine Zeit auf berührende Weise im Gedicht zu bewahren“ oder – wie im Fall des jüngsten Laureaten – „bei aller Fabulierkunst politische und historische Schrecken zu streifen und Haken schlagend mit kühnen Volten zwischen bitterer Komik und Melancholie zu changieren“. Sic. In solchem, eben doch wieder realistischem Verständnis dichterischer Rede wird ein anderer Preisträger dieses Jahrgangs wörtlich wie folgt gewürdigt: „Für mediterran beleuchtete Elegien, in denen Kindheitserinnerungen und Sehnsuchtslandschaften auf subtile Weise ineinander geschoben werden, für eine Poesie, in der die Reflexion auf die Reise geschickt und Stanniolpapier, Tauben und Filmdosen zu unvermuteten Bildern einer größeren Welt werden.“

Dem Hauptgewinner von 2012 wurde von der Meraner Jury zugute gehalten, er führe „die Stationen einer Biografie in schillernden Bildern“ bald salopp, bald hochtönend vor, sodass sie schließlich „ein ganzes Dichterleben umfassen“ und darüber hinaus sogar „einen Paradiesgarten finden“. Mag ja sein; doch was haben derartige Belobigungen spezifisch mit Dichtung zu tun? Braucht es das Gedicht als Spiegelbild des Lebens und als Wegweiser ins Paradies? Oder wären dafür eine Erzählung, ein Dialog, ein autobiografischer oder philosophischer Essay nicht vielleicht besser geeignet? Aber nein. In Meran werden Dichter und Dichterinnen prämiert, die „individuelle Kindheitserfahrungen und die Geschichte der Heimat zu lyrischen Miniaturen verdichten“ oder „deren Gedichte überzeugen durch ihre poetische (sic) Vielschichtigkeit in der Verknüpfung von Naturbildern mit politischer Geschichte und Kindheitserinnerungen“ u. a. m. In selbigem Verständnis wurde in Meran der 2008 „spontan gestiftete Preis der Jury“ geradezu programmatisch mit folgender Laudatio vergeben: „Den Preis erhält eine Autorin, deren im Alltag verwurzelte (sic) Gedichte von der ersten Zeile an einen poetischen (sic) Raum eröffnen, in dem die Liebe, die Poesie (sic), die Schlümpfe (sic) und jede Menge (sic) traumhafter Sequenzen zueinander finden.“ Diese Würdigung mag bei all ihrer Unbedarftheit von der Preisträgerin als Lob verstanden worden sein, in Bezug auf die Sache der Dichtung kommt sie über Banalitäten und Pleonasmen nicht hinaus, kann aber als durchaus typisch gelten für die Art und Weise, wie gegenwärtig von angeblich sachverständigen Kritikern über Lyrik geredet und geschrieben wird. Diese Art und Weise unterscheidet sich nicht mehr wesentlich von unreflektiertem Geplauder, wie man es von literaturbeflissenen Laien kennt und das im freundschaftlichen Gespräch auch seine Richtigkeit hat. Dass sich jedoch die professionelle Kritik selbst im Qualitätsfeuilleton der literarischen Laienherrschaft sichtlich unterwirft oder jedenfalls sich ihr anpasst, ist ein mit beliebig vielen Belegen zu dokumentierendes Faktum. Was sich im deutschsprachigen Literaturbetrieb neuerdings herausgebildet hat, ist „eine von der Laienperspektive her gedachte Kultur der Subjektivität“, die jeden Kulturteilnehmer, der „ich“ sagt und damit „wir“ meint, als Autor wie auch als Autorität akzeptiert. **

(…)

Und nochmals zur Lyrik und Lyrikkritik. Auch in dieser Domäne hat sich die Laienherrschaft etabliert, auch hier – im Gedicht wie in der Gedichtbesprechung – triumphiert mal die raunende, mal die burschikose Rede. „Sogenannte ‚Im-Nu-Gedichte‘, einfach und klar“, schreibt ein aufstrebender Junglyriker nach eigenem Bekunden für sich selbst und seine Generation: „Vielleicht habe ich mich sogar in diesen Gedichten wahrhaftig untergebracht und habe es nicht gewusst … oder ist es die ‚Vorbereitung auf den Tod‘, dass ich sie nun schnell an die Nachfahren los werden will oder ist es ein anderes oder …, wer weiß das schon bei Gedichten?“ Ja, wer weiß das schon? Nein, man möchte und müsste das gar nicht wissen! Doch da stellt sich dann gleich ein aufstrebender Jungkritiker ein und gibt uns zu verstehen, dass auch das Gegenteil – hoher Ton statt Alltagsparlando – eine überzeugende poetische Option sein kann: „NN will uns direkt in den Rausch der Poesie verstricken, unmittelbar haben wir es mit einer Rede zu tun, die man unschwer als poetische Rede erkennt.“ Solcher Trash wird keineswegs nur via private Blogs verbreitet, sondern gehört zum gängigen Angebot führender Internetplattformen für … ja, eben speziell für Lyrik und Lyrikkritik.

** Siehe dazu die exzellente kritische Bestandsaufnahme in dem Sammelwerk Laienherrschaft: Exkurse zum Verhältnis von Künsten und Medien, herausgegeben von Ruedi Widmer, mit Beiträgen von praktizierenden Kulturvermittlern, Medientheoretikern und Kunstpädagogen, erschienen beim Verlag Diaphanes, Zürich/Berlin 2014.

* Der Text erschien vollständig in Volltext, Heft 3/2014. Hier ebenfalls vollständig digital.

One Comment on “31. Klagenfurter Poetik oder Die Laienherrschaft

  1. Vielen Dank für die Veröffentlichung dieses Auszugs. Ich hab den ganzen Artikel gleich zwei Mal auf Papier gelesen: wie Ingold das „literaturkritische“ Wortgeklingel mit spitzer Feder aufspießt, ist mindestens auch eine dritte Lektüre wert.
    So witzig und sarkastisch seine Kommentare auch sein mögen, so traurig ist der Zustand, den er aufs Korn nimmt. Zustand, weil diese Malaise schon einige Jahre anhält und mich als Leserin verzweifeln lässt. Nicht an der Gegenwartslyrik und -literatur, sondern an dem Bohei, das um zweifelhafte Neuerscheinungen gemacht wird, während essentiell Neues im Schatten bleibt. Offensichtlich ist derartigen Kritikern nicht bewusst, dass sie sich mit solchen Anbiederungen an den vermeintlichen „Publikumsgeschmack“ auf Dauer selbst überflüssig machen.

    Im selben Heft von Volltext beleuchtet Norbert Gstrein weniger pointiert, jedoch mit demselben Tenor die Propagierungsmechanismen des aktuellen Literaturbetriebs. Ebenso lesenswert wie überhaupt das ganze Heft (nein, bin nur Abonnentin). 😉

    Last but not least: Herzlichen Glückwunsch zum neuen Layout. Mobarake 🙂

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