89. Graphit

Alle schreiben über Marcel Beyers neuen Gedichtband. Das ist doch gut!

Unter dem Titel „Mein Blauhäher“ setzt gegen Ende des neuen Gedichtbandes „Graphit“ eine Folge von sechzehn Texten ein: „Mein Blauhäher hört auf den / Namen Ezra. So hab ich ihn / genannt, wie mich“, lauten die ersten beiden Sätze, und bevor man sich noch im Lesen die Spezialistenfrage beantworten kann, wohin denn die Anspielung auf den großen Dichter Ezra Pound als Selbstverweis wohl führen soll, wird der Blauhäher gegenwärtig – im Indikativ und den Variationen eines Wochen-Programms:

Am Montag
füttere ich ihn mit Brot
von gestern. Am Dienstag gebe
ich ihm seine Medizin.
Am Mittwoch will er seine
Lieblingsplatte hören.
Und jeden Donnerstag verlangt
er nach Salat. Am
Freitagmorgen fülle ich ihn
ab. Dann bringe ich ihn rüber
zu den Schwestern. Am Samstag
gibt es endlich ein paar
Blätter. Am Sonntagnachmittag
Besuch. Am Sonntagabend
wird der Kerl von mir geduscht.
Die Nacht auf Montag – schwierig.

Jeden Wochentag und jede der angekündigten Szenen füllen die folgenden Texte aus, mit vielen Ungewissheiten, Varianten und Details, aber immer im Indikativ: „Den einen / Dienstag will er partout / ein alter Sänger sein, den / anderen niemand außer dem / Duce.“ Bis der Eichelhäher endlich am Sonntagabend geduscht wird, ist seine Gegenwart beim Lesen bunt und vertraut geworden: „Sie können / sich ja vorstellen: Das geht nicht / gut. Ich singe ihm was von / Neapel, aus der Bucht.“ Und: „spätestens beim Frottieren hat er / sich beruhigt. Er plustert sich. Ich / streiche ihm den Scheitel glatt.“

Diese gelassene und eher freundliche Stimme des „Ich“ klingt durch die meisten Gedichte von „Graphit“, und sie wendet sich gestisch an jemanden, der hört oder liest, an „Sie“ oder „Du“. Dabei nimmt die Sprache des „Ich“ verschiedene Rhythmen an, deren Regelmäßigkeit nur selten durch Reime vervollständigt wird. Die lyrische Sprache von Marcel Beyer vollzieht sich in diesen Prosarhythmen, betont und verstärkt von den Strophenformen, mit denen sie auf die Seiten kommt.

 / Hans-Ulrich Gumbrecht, FAZ 4.10. (hier bei bücher.de)

Ferner: Jörg Magenau, Deutschlandradio Kultur 7.10. | Gisela Trahms, Die Welt 11.10. siehe hier | Helmut Böttiger, Süddeutsche Zeitung 30.10.:

Dieses Gedicht zeigt exemplarisch Beyers Verfahren. Er spürt verborgene Verbindungen in der Geschichte auf, er zeigt Zusammenhänge, und er verfährt musikalisch. Es ist kein Zufall, dass das Gedicht, das auf „Don Cosmic“ folgt, in einer Zeile einen geheimen Nachhall birgt: „Stunden im Dämmer, plötzlich en face“ – das wirkt wie ein gefaktes Benn-Zitat, mit seiner Vorliebe für Schlagermelancholie und perlende französische Schaumweinworte.

Marcel Beyer legt seit seinen Anfängen großen Wert auf die Intonation seiner Gedichte, auf die orale Tradition – er knüpft damit an die Zeit vor dem Buchdruck an, als die Lyrik vor allem auf Mund und Ohr angewiesen war, auf den Performancecharakter. Wenn man seine Gedichte laut spricht, bemerkt man Wortverbindungen, Wiederaufnahmen, Anspielungen, die in erster Linie dem Rhythmusgefühl geschuldet sind.

Marcel Beyer: Graphit. Gedichte. Suhrkamp Verlag, Berlin 2014. 207 S., 21,95 Euro. E-Book 18,99 Euro.

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