63. Rez.

Wen vertritt Rez.? Den Leser? Das Volk? Die Literatur? Den Sender? Es wird nicht immer klar. Meine Rand-, Zwischenbemerkungen wollen nicht kritisieren, sondern verstehen. Deshalb endet jeder (Teil-)Satz mit Fragezeichen.

Rez. hat eine interessante Zeile gefunden – d.h. eine, die er verstanden hat? und vielleicht mehr?:

Peggy Neidel weckte das Interesse des Rezensenten

(er wollte es eigentlich nicht machen, oder sollte er, „du weißt schon, junge Lyrik“, er interessiert sich eigentlich nicht für Lyrik? nicht für neue Lyrik? Er war uninteressiert bis er diese Zeile las? Um einer Zeile willen soll das Werk gerettet werden?)

weckte das Interesse des Rezensenten nach dem Genuss folgender Verse: „dein mund macht mir falten, deine Hände erkälten mich, bisher war zwischen uns überhaupt kein Gefühl, heute ändert sich das“

Vielleicht nicht aufregend, aber doch „gut“ und „wert“? Immerhin war Genuss im Spiel? Wenn auch nachträglich?:

Das klingt nicht spektakulär, aber gut und war es wert weiter in „weiß“, dem ersten Lyrikband der Zwickauerin, zu lesen.

„Darin“ lesen, nicht es ganz, einmal, zweimal, zu lesen? – Daß es ihr erster ist, bringt ihn in eine überlegene Position? Schließlich ist es nicht seine erste Rezension? Oder wenigstens nicht erste Lyrik-, erste Junglyrikrezension? Nicht daß jetzt alles gut ist –?:

Nach der Lektüre bleibt festzustellen: Frau Neidel hat sich noch nicht so ganz entschieden,

Rez. hat zuende gelesen? Und fand nämlich daß keineswegs alle Verse wert und gut waren? aber es gibt Hoffnung?, daß, also ob?

ob sie ihre empfundene Gegenwart in ganzwegs kryptische Worte fassen will, oder in halbwegs klare.

Ganzwegs kryptisch ist noch eine andere Qualität als halbwegs kryptisch? Geht es auch umgedreht, halbwegs kryptische oder ganzwegs klare? Ganzwegs klare wär ihm lieber, aber er bekommt sie nicht? – Rez. wendet sich nun ins Allgemeine, ist er belesen? Er unterscheidet zwischen Dichtern und Dichterinnen älterer Herkunft, die er versteht? oder wenigstens halbwegs? Enzensberger, Krüger, Elke Erb schreiben halbwegs klare „Worte“? Ein Teil der von jüngerer Herkunft auch, aber immer öfter nicht? Gewiß, er will die Novizin vor schlechter Gesellschaft warnen?

Befürchtend, dass immer mehr Dichter oder Dichterinnen jüngerer Herkunft glauben, dass es uncool sei, wenn sie von mehreren Menschen verstanden werden,

Rez. meint es halbwegs gut, er kann diese junge Frau vielleicht noch retten? Immerhin sind ihre Empfindungen, woher kennt er die nur? Schilderungswert? Hat er sie demnach doch halbwegs verstanden? Nein, er muß sie, die – puren? – Empfindungen?  von vor der dichterischen Verarbeitung kennen, denn? wenn sie die durchaus schilderungswerten, sagt er? Empfindungen lyrisch verarbeiten will, aus welchem Mustopf hat er nur seinen Literaturbegriff*? dann müßte sie sie, er rät freundlich? dann würde er sie ganz verstehen? Wird das eine Romanze?

sei dieser jungen Frau von Renzensentenseite freundlich geraten, ihre schilderungswerten Empfindungen, so sie die lyrisch verarbeiten will, allesamt in verständliche Verse zu packen.

Denn den Rezensenten? jedenfalls den wohlmeinenden? nicht halbwegs sondern insgesamt glücklich zu machen, wie es Enzensberger & Erb schon jetzt tun? ist die eigentliche Aufgabe der Literatur?jedenfalls der verständlichen?

Die lassen den wohlmeinenden Rezipienten dann insgesamt glücklich zurück, weil er alles verstanden hat. Ein Anfang ist bei Peggy Neidel schon gemacht.

Eine Rezension von Matthias Ehlers

(Hier im Zitat der komplette Text beim WDR)

Was wäre dem hinzuzufügen? Ich überlasse das letzte Wort zwei Altmeistern.

Eigentlich lernen wir nur aus Büchern, die wir nicht beurteilen können. Der Autor eines Buches, das wir beurteilen können, müsste von uns lernen.

Johann Wolfgang von Goethe

… der allgemein verbreitete Irrtum beim Leser ist, weil er lesen kann, könnte er auch jedes Buch lesen, sehen Sie, in der Musik wird das niemandem einfallen, wenn ich da einem Laien eine Partitur vorlege, wird er gern zugeben, daß er nichts, auch gar nichts davon versteht, aber bei einem Buch die Buchstaben sind jedem geläufig, auch einzelne Worte, und so meint jeder, daß er ohne weiteres lesen und vielleicht gar auch schreiben könne, das ist aber ein Irrtum, denn auch in diesem Falle hat sich eben der Fachmann so weit von dem rohen Laien entfernt, daß, das gebe ich Ihnen gerne zu, eine Annäherung da schwer möglich ist, allerdings wenn eine solche Annäherung stattzufinden hat, dann hat sie nicht von der Seite des Künstlers herzukommen, Kunst dem Volke, sondern das Volk, jedermann, hat sich gefälligst zur Kunst hinzubemühen.“

Arno Schmidt **

*) Alles Lyrische muß im Ganzen sehr vernünftig, im Einzelnen ein bißchen unvernünftig sein. (Goethe)

**) Man muß nur statt „Leser“ und „Volk“ „Rez.“ einsetzen, und man wird verstehen, was Arno Schmidt meinte. M.G.

Jetzt ohne Fragezeichen: Rez. sollte seine Hausaufgaben machen, bevor er rezensiert. Also lesen lernen, Goethe hat 80 Jahre gebraucht, man muß es ja nicht übertreiben, ich finde es nicht übertrieben, sich selbst zu verordnen, 100 Bücher gelesen und verarbeitet zu haben bevor man eins rezensiert. Ich sprach von 100 Lyrikbänden! Dann reden wir weiter.

6 Comments on “63. Rez.

  1. „… ich finde es nicht übertrieben, sich selbst zu verordnen, 100 Bücher gelesen und verarbeitet zu haben bevor man eins rezensiert. Ich sprach von 100 Lyrikbänden! Dann reden wir weiter.“
    d.h. man muss sich erst in den erlauchten kreis einarbeiten, bevor man sich über lyrik äußern darf? ist nur ne frage, keine kritik. 😉

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    • ich verstehe nicht, wieso man das „erlauchten kreis“ nennen soll. ich finde es für einen kritiker nicht zuviel verlangt, daß er sich auf dem gebiet auskennen soll, über das er schreibt. jeder darf sich äußern worüber er will, aber wenn er das für öffentliches geld öffentlich tut, wird man nach seiner kompetenz fragen dürfen. sage ich in meiner doppelten eigenschaft als gebührenzahler und lyrikleser. das ist nur eine antwort, keine kritik.

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      • ok, ich stimme voll und ganz zu. – was den „erlauchten kreis“ angeht: „die lyrikszene“ ist sehr klein und wird von außen oft als sehr hermetisch wahrgenommen. kommentare wie der oben zitierte können da schnell missverstanden werden. lyrik sollte einladen, nicht ausschließen. aber das wurde mit ihrer antwort ja bereits geklärt.

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      • ich wünsche einfach, daß der öffentlich finanzierte rundfunk qualität liefert. sie berufen sich immer auf einen kulturauftrag: sollen sie dann auch! meine kritik hier und im übernächsten beitrag richtet sich nicht gegen eine von meiner abweichende meinung, sondern gegen, wie ich es sehe, unqualifizierte stammtischparolen. die sollen informieren und aufklären, nicht vorurteile bestätigen. das tut der sender ja auch in diesem fall, wenn er gedichte ins programm nimmt, das finde ich toll. wenn sie aber dann kommentare verbreiten, nach der sozusagen alles andere als das was sie gerade besprechen „wirr-lyrik“ ist, und andere kritiker, die sich besser auskennen, weil sie vielleicht, was kein verbrechen ist, mehr gelesen haben, „durchgeknallt“ nennt, und sich öffentlich fragt, wieso „solche“ bücher auch noch verlage finden, dann muß man ihm widersprechen.

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  2. Pingback: 65. Die Kontrastierer | Lyrikzeitung & Poetry News

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