73. Emphatiker und Gnostiker

Dabei wiederholt sich hier nur eine uralte Debatte, die zuletzt Hubert Winkels 2006 wieder angestoßen hatte mit seiner Unterscheidung zweier Kritikertypen: der Emphatiker und der Gnostiker. Auf der einen Seite „Leidenschaftssimulanten“ und „Lebensbeschwörer“ – wie Reich-Ranicki, aber auch Weidermann –, auf der anderen Seite diejenigen, „denen ohne Begreifen dessen, was sie ergreift, auch keine Lust kommt“. Wozu Winkels natürlich zu allererst sich selbst zählte. Lustig war aber, dass sich unter dem Strich niemand eindeutig auf eine Seite schlagen mochte. Für den Leser ist sowieso klar, dass er weder besoffene Bauchgefühlsausbrüche noch literaturtheoretische Abhandlungen unter dem Label „Rezension“ verkauft bekommen möchte.

Tatsächlich sind das Scheingegensätze, die meist nur zur Diffamierung von Kollegen und den von ihren geförderten Autoren dienen. Hier die verknöcherten Oberseminaristen, die die vermeintlichen Kopfgeburten eines Kehlmann, einer Poschmann oder Lewitscharoff goutieren. Dort die Ekstatiker, die Literatur und Leben verwechseln und dann eben Clemens Meyer oder Maxim Biller feiern. Warum nicht einfach zugeben, dass Geschmäcker halt verschieden sind? Das gilt für Autoren, Kritiker, und, vor allem, auch für die Leser.

Statt alte Schlachten noch einmal mit neuen Bataillonen zu schlagen, sollte man lieber wieder zum Ausgangspunkt der Diskussion zurückzukehren: Die Auseinandersetzung mit der Digitalisierung ist nämlich keineswegs ein Nebenkriegsschauplatz, wie Weidermann suggeriert. Das Netz, schreibt er, sei der Ort, „wo sowieso schon jeder Hanswurst seine Meinung über Bücher hinaustrompetet“. Auf die Idee, dass diese angeblichen Hanswürste unsere Leser sind, dass wir im Gespräch mit beispielsweise Hans Wurst aus Ingolstadt erst einen zeitgenössischen Diskurs über Bücher herstellen, in sozialen Netzwerken oder in Leserkommentaren, darauf kommt der „FAS“-Kollege nicht. / Richard Kämmerlings, Die Welt

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