17. METASOZIALE ANTI-POETIK

Tom de Toys, aus:

SOMATOFORME METATHERAPIE 2013. SCHREIBTHERAPEUTISCH BEGLEITENDER BEFINDLICHKEITSBLOG

„Zeige deine Wunde, weil man die Krankheit offenbaren muss, die man heilen will.“ Joseph Beuys 1974

„Préverts Markenzeichen als Lyriker ist die Schlichtheit und Verständlichkeit der meisten seiner Gedichte, die zwar voller raffinierter Wortspiele und überraschender Metaphern sind, aber dennoch eine unmittelbare Poetizität ausstrahlen und eine eingängige Botschaft vermitteln.“ Wikipedia 2013

3.9.2013, sOMatoform 29

Lord Lässig, Live-Reflexionen per SMS-Speicher

im „salon des amateurs“ am Ddorfer Grabbeplatz

METASOZIALE ANTIPOETIK
Auf den ersten blick erscheint mir der begriff einer Sozialen Poetik als exakte verdrehung der anspielung auf die Soziale Plastik des Joseph Beuys. Denn während ja damals DAS PLASTISCHE MOMENT den visionären gesellschaftsbegriff als „von innen heraus gestaltet“ (im gegensatz zur skulptur, die durch wegmeißeln von außen übrig bleibt) künstlerisch näher definieren wollte, quasi als bewegliche masse kreativ erwachter individuen, soll doch im falle der aktuellen poetik wohl eher eine spezielle poetik, nämlich eine, die DAS SOZIALE MOMENT betont, gesucht sein, so daß die poetik quasi wie ein formaler rohling vorausgesetzt wird und nun in eine bestimmte denkrichtung entwickelt werden müßte, um sozial zu wirken oder gar soziales zu bewirken, indem ihre beispiele, real-existente gedichte, den leser bestenfalls derart beeinflussen, daß dessen asoziale tendenzen eben durch lesen sozialer poesie therapiert würden. Aber kann das mit Sozialer Poetik gemeint sein, kann von poesie überhaupt derartiges verlangt werden? Es wurde schon oft eingefordert und hat sich leider nie wirklich erfüllt. Die „rebellischen“ tendenzen historischer poetiken mit sozialem impuls waren zwar ausdruck von zeitkompatiblem lebensgefühl oder begleiterscheinung von unzeitgemäßen avantgarden, aber selbst ihre besten gedichtbeispiele konnten die welt nicht nachhaltig verändern, sondern nur einigen wenigen als seelischer support dienen. Was also könnte und sollte eine Soziale Poetik heutzutage darstellen? Ich bin gespannt, welche ansätze die 3 gäste im salon des amateurs gleich präsentieren und ob sie den spieß vielleicht umdrehen und nicht das soziale suchen sondern sich mit derselben logik wie der beuysianische begriff fragen: was ist DAS POETISCHE MOMENT am sozialen, inwiefern lässt sich die gesellschaft poetisch definieren, oder: kann die gesellschaft real-utopisch poetisiert werden? Der zweite blick stellt sich bereits ein, während ich auf einem gemütlichen schwarzen ledersofa sitzend den 5 diskutierenden lausche: sie thematisieren REINGEISTIGE labyrinthisch-literarische abstraktions- und transzendierungsprozesse, durch die sich das ich in provisorisch-ideale begriffe einbettet, mithilfe derer die welt in jeweiliger weise wahrgenommen wird. Dabei fallen mir zwei wohlvertraute selbstlügen auf: die identifizierung des ichs mit einem BEGRIFFSOBJEKT anstatt mit sich selbst als vorsprachliches seinsgefühl, wie es von Alan Watts schon taoistisch erläutert wurde. Und andererseits der neurobiologisch längst ad absurdum geführte irrglaube, die welt sei tatsächlich so, wie wir sie denken, weil sie in echt immer nur eine interpretation unserer geistigen haltung darstellt anstatt ichfrei beschrieben werden zu können. Dadurch relativiert sich jede weltsicht, sei sie nur individualistisch originell oder sogar kollektiv abgesegnet, als zeitgeist, bewegung, partei oder poetik einer generation, kunstrichtung oder epoche. Die frustration über die wechselnde weltsicht des sich verwandelnden ichs (bzw des kostüms, in das es sich kleidet) fördert eine subtile sehnsucht nach einer ERFAHRBARKEIT SEINER SELBST (AUCH IM LITERARISCH PROJIZIERTEN VIRTUELLEN SPRACHRAUM) unabhängig von modischen strömungen, stilen, begriffen und denkrichtungen jeder coleur, also das bedürfnis nach einer geradezu „asozialen“ poetik, die ich sogar als autistisch bzw antiparadiesisch anstatt utopisch bezeichnen würde. Die sprache als rein pragmatischer konsens über einige ausreichende wörter ermöglicht kommunikation als spontane kommunion ebenso wie der nonverbale direktsinnliche austausch von handlungen, gesten, mimik und im speziellen erotischen zärtlichkeiten. DAS INTERAKTIVE MOMENT sorgt entscheidend dafür, inwiefern wir das gegenüber, sei es der echte mensch oder seine poesie, nachvollziehen oder gar verstehen können. Mit interaktion fängt das neue paradies überhaupt erst an zu atmen! Der eintritt über die Kleistsche hintertür GESCHIEHT AUTOMATISCH in jedem moment einer restlosen begegnung zwischen dem kostümierten ich und dem dazu passenden maskenball. Tanzschritte werden zuhause geprobt (wie auch immer sich heimatgefühl bei jedem einzelnen im raumlosen ich anfühlt), angewandt (im real-interaktiven raum) und korrigiert (ideologien, dogmen, moralvorstellungen, tabus und poetologien moduliert), manchmal der falsche event wieder verlassen (das felsenfeste ich bleibt seinen idealen dann stur treu), um ziellos durch die straßen (=sprachen) zu streunern, bis irgendwo in der wüste der seele eine neue oase am horizont auftaucht, die sich erst bei konsequenter ankunft in ihrer absoluten nähe als fatamorgana erweist. Diese entdeckung der auflösung aller objekte aus allernächster nähe ist mittlerweile eine interdisziplinäre erkenntnis, die jedes nachgeborene ich erstmal in seiner selbstwahrnehmung erreichen muß. Hier treffen neurobiologie, astronomie und quantenphysik auf die gesamte bandbreite der individualpsychologie von historischen mythen über die aufklärung, die sehrspätmodernen ich-kulte bis hin zu transpersonaler mystik und postmoderner psychosynthese mit ihrer „leeren mitte“ als neuen ausgangspunkt für ein integrales ich-empfinden, das KEINEN LITERARISCHEN (SYMBOLISCHEN) RAUM mehr benötigt, um sich als lebendiges leben direkt zu definieren! Wer die geschichte der literarischen strömungen und dogmatischen anmaßungen als individualpsychische prozesse studiert, wird überrascht feststellen, wieso wir so manchen skandal nachträglich als lächerlich oder trivial empfinden:hinter den akademischen scheingefechten verstecken sich einzelne leidende sinnsucher (das große tabu aller roboter!), die ihre beuysianischen wunden nicht zeigen können und jede narbe stattdessen strategisch vergolden. Denn die psychologische schnittstelle zwischen biografischem erkenntnisprozess und literarischer verallgemeinerung wird immer noch elegant hinter gefeierten worthülsen verschleiert, die professionell und seriös genug klingen, um die persönliche seelisch stimulierte betroffenheit der autoren in einer sprachverliebten selbstinszenierung neologistisch zu sublimieren (wie in den lyrischen hyperreflexionen eines Oswald Egger noch eigenweltlerischer deutlich wird als in den am banalen alltag orientierten honigprotokollen einer Monika Rinck). Daß keine einzige thematische und stilistische inspiration ohne die tabuisierte psychografische motivation souverän in das akademische betriebsklima einfließt, scheint weiterhin nur neurologen, psychiater und posthume biografen interessieren zu dürfen, selbst (oder vorallem) wenn die neurotischen muster der kreativen impulse zu antihermetisch hervorstechen und das werk zu entzaubern drohen. Nur backstage darf von den insidern höchstselbst hinter vorgehaltener hand über des kaisers neue kleider geschmunzelt werden, aber die etiketten on stage müssen ihr pseudoprestigeträchtiges eigenleben entwickeln und dann verteidigen, wie jedes label der modebranche bemüht ist, die firma durch alle saisontrends hindurch ins nächste jahrzehnt hinüber zu retten.Wenn die etikette anachronistisch anmutet, erhält sie ein lifting, um markttauglich zu bleiben. Und so wird aus dem historischen surrealismus ganz leicht ein innovativer fotorealismus, ein noch progressiverer poprealismus und irgendwann ein metarealismus und nach dem infarkt wieder ein sozialer realismus, der psychologisch dasselbe surreale muster bedient wie die klassische avantgarde, aber aufgrund der oberflächlich NEUEN PHÄNOMENE auch als tiefgreifend innovativ inszeniert werden kann. Design ist das wahre hurzgesicht der dichter, die DAS HUMANISTISCHE MOMENT ihrer werke hinter formaler komplexität und stilistischer feuerfestigkeit verschleiern, weil sie sogar von sich selbst peinlich berührt sind, wenn sie ihr seelisches gesicht hinter den masken verraten. Fast könnte man meinen, die auseinandersetzung mit der eigenen autorenschaft fände nur auf einem sublimierten niveau statt, das sich nicht als person zu persönlich thematisieren darf, wenn der dualistische glanz „objektiver“ (antipsychischer) hochliteratur für das prestige in der medialen öffentlichkeit gewahrt werden soll, obwohl jeder weiß, daß der kaiser nackt ist, genauso wie die mystik der werke von großartigen ausnahmedichtern wie Ernst Meister eben KEINE SEKUNDÄRHERMETIK benötigt sondern die wahre kraft seiner kurz angebundenen worte erst durch ihrehumanistische trivialisierung auf den bereiten, ja suchenden leser voll wirken kann! Das zeichnet ein gutes, soziales gedicht eigentlich aus: daß es WIRKT, nämlich die SEELE DES LESERS berührt, dessen lebensgefühl nachhaltig beeinflusst, in eben derselben direkten weise, wie sich der dichter beim schreibvorgang selbst durch sein eigenes gedicht auch psychisch (und damit auch weltanschaulich) verwandelt hat. Die neuronale auswirkung der wörter ist der entscheidende maßstab für die persönliche qualität eines textes, unabhängig vom stil und dem gewählten thema. Weder die form eines sonetts noch dessen sensationistischer inhalt sind kriterien „an sich“ für das sterile prädikat ‚wertvoll‘, ‚authentisch‘, ‚innovativ‘, ‚originell‘ oder ‚zeitgemäß‘, sondern die emotionale bedeutung des werkes im öffentlichen konsens einer demokratischen mehrheit zu einer bestimmten zeit. Sogesehen hätte der soziale wirkungskreis von Allen Ginsberg, Eva Strittmatter und Jacques Prévert den nobelpreis weit eher gerechtfertigt als die zwei dünnen gedichtbände des Tomas Tranströmer, der noch viel „schwieriger“ zu lesen ist als Ernst Meister, und den niemand außerhalb des literaturbetriebes vor der verspäteten reputation kannte. Hier beißt sich die schlange in ihren eigenen schwanz und das problem der verbalen gratwanderung zwischen der dynamik des psychischen und des lyrischen ichs gewinnt oberhand, wie es im laufe der diskussion aus philosophischer UND quasipsychotischer sicht von den gästen aus erster hand angedeutet wurde, was mich schlußendlich beruhigte, denn so zeigt der angeblich soziale begriff einer „erweiterten“ poetik, die wegen des persönlichen herstellungsprozesses auch als Psychoide Plastik definiert werden darf, das unvermeidbar menschliche antlitz der dichtung, die eben nicht willkürlich von einem computerprogramm generiert wird: die verzweifelte suche des autors nach wörtern IM SICHTFELD SEINER EIGENEN WAHRNEHMUNG beider seiten der baren münze (welt & seele), mithilfe derer das angestrebte gedicht „aufgebaut“ werden soll. Rilke hat demgemäß vielleicht doch „zu viel“ seele im werk, während die rein deskriptive neuere popliteratur aus dem hause adlon „zu wenig“ seele zeigt. Als harmonische mischung aus beiden komponenten wirkt manch ein text von Rolf Dieter Brinkmann auf mich, aber auch völlig entgegengesetzte autoren wie Antonin Artaud in seinem theater der grausamkeit, wenn er seine eigene seelendramatik instinktiv im vergleich mit der gesellschaft analysiert, die er als gift für den geist empfindet: „Denn die Wirklichkeit ist nicht vollendet, / sie ist noch nicht konstruiert. / Von ihrer Vollendung hängt / in der Welt des ewigen Lebens / die Rückkehr einer ewigen Gesundheit ab. (…) Das Leben / ist nicht aus einer intellektuellen Herrlichkeit, / noch aus der spirituellen Schönheit der Einfachheit, / noch aus der objektiven und konkreten Schönheit der Einfachheit, noch aus der Einfachheit selbst geschaffen worden, / sondern dahinten und entfernter / aus Fleisch, / ohne Räsonieren und ohne Bewußtsein, / wo es nichts gibt, / / und das IMMER so sein wird. //“ Mit diesen leicht wahnsinnigen zeilen im kopf laufe ich von der kunsthalle zur ubahnstation Heinrich Heine allee und bemerke, wie anregend der abend im salon des amateurs für mich war, obwohl sehr viel offen blieb oder noch nicht einmal angedeutet wurde. In diesem verunsicherten sinne möchten mein hier vorliegenden live-reflexionen ein wenig dazu beitragen, den nachhaltigen wert der veranstaltung schon jetzt in gewisser weise hervorzuheben und dem germanistischen drahtzieher Enno Stahl dafür zu danken, in diesen sozial-allergischen und dabei zugleich sozial-hysterischen zeiten eine lesung organiert zu haben, die geradezu nach metasozialer fortsetzung schreit, um mit dem finger in der nächsten wunde zu bohren…

HISTORISCH WERTVOLLE FASSADE (c) De Toys, 3.9.2013 @ Düsseldorfer Altstadt
HISTORISCH WERTVOLLE FASSADE (c) De Toys, 3.9.2013 @ Düsseldorfer Altstadt

9 Comments on “17. METASOZIALE ANTI-POETIK

  1. „Im übrigen weiß das Bürgertum ganz genau, daß der Schriftsteller insgeheim seine Partei ergriffen hat: er braucht das Bürgertum, um seine oppositionelle und ressentimentvolle Ästhetik zu rechtfertigen; von ihm bekommt er die Güter, die er verzehrt; er wünscht die soziale Ordnung aufrechtzuerhalten, um sich dauernd darin als Fremdling zu fühlen: kurzum, er ist nur ein Revoluzzer, kein Revolutionär. Mit Revolten wird das Bürgertum fertig. In gewissem Sinne ist es sogar ihr Komplize: es ist immer noch besser, die Kräfte der Verneinung in einem eitlen Ästhetizismus, in einer wirkungslosen Revolte zusammenzuhalten; wären sie frei, dann könnten sie sich in den Dienst der unterdrückten Klassen stellen. (…) für die bürgerlichen Leser ist ein begnadetes Werk harmlos und eine Zerstreuung; … sie finden es nicht schlecht, daß es nutzlose Bücher gibt, die den Geist von ernsthaften Beschäftigungen ablenken und ihm die Erholung verschaffen, deren er zu seiner Auffrischung bedarf. So findet das bürgerliche Publikum im Kunstwerk, selbst wenn es dessen Nutzlosigkeit erkennt, noch ein Mittel, es nutzbar zu machen. (…) Ideen sind oft nur Luftblasen an der Oberfläche des Geistes.“
    Jean-Paul Sartre, in: WAS IST LITERATUR?“ (1950)
    http://www.panoramio.com/photo/103881396

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  2. 1.korrektur: aus technischen gründen wurde der hyperlink somatoform 48 erweitert zu 48-49
    2. unter http://www.POETISIERT.de findet sich nun „somatoform 51“ als essay-teil 2 der METASOZIALEN ANTIPOETIK, wäre schön, wenn der ebenfalls als echte meldung übernommen werden könnte! vielen dank! die 50 gehört nicht dazu, der essay-blog beginnt erst bei dem zitat aus „KÄMPFE KÜNSTLER“. die durchwahl zur poetisierten domain lautet:
    http://poemie.jimdo.com/metadiagnose/somatoform-50-51/
    der essay-titel lautet =
    “ EPIGONALE, EXISTENZIELLE, EKSTATISCHE & ENGAGIERTE LYRIK
    (DIE METASOZIALE ANTIPOETIK IST KEINE BILLIGE BAUSTELLE!)“

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  3. >>die existenz aber ruht OHNE das wort „existenz“ in sich selbst und verzichtet auf alle gedichte, die das authentische selbstgefühl zur verwechslung mit einem lyrischen ich überreden wollen. die einzigen brauchbaren gedichte sind nun nur noch diejenigen, die über echte gefühlswelten sprechen, die über das ich hinausgehen und als objekt wirklich geliebt werden können. das ich ist daher kein wort für gedichte mehr<< (selbstzitat aus somatoform 40)
    http://poemie.jimdo.com/metadiagnose/somatoform-48/
    = 1.BEISPIEL FÜR EINE NEUARTIGE "ICHFREIE" POETOLOGIE
    …DRUCKVERSION HIER: http://www.panoramio.com/photo/99369938

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  4. Pingback: Hallo Präsident – für eine Politik der Lyrik | Babelsprech.org

  5. WELTWEITE WECHSEL-LESUNGEN MIT WECHSELWIRKUNG: „100 TPC“ (ONE HUNDRED THOUSAND POETS* FOR CHANGE)

    *(ARTISTS/MUSICIANS & ALL OTHER DISCIPLINES AS WELL: THERE WILL BE CONCERTS & EXHIBITIONS ROUND THE WORLD)

    Auch in Düsseldorf findet am Samstag, 28.9.2013 ab 16 UHR am/im (je nach Wetter draußen oder drinnen) „Bauwagen der Demokratie“ eine Poetenparty statt. In diesem Rahmen wird auch TOM DE TOYS MIT SEINER EINZIGEN ÖFFENTLICHEN LESUNG IN DIESEM JAHR ANGEKÜNDIGT – UND: NACH 4 JAHREN ERSTMALS WIEDER SEIN POLITGEDICHT „EXTASE STATT ELITE“ (siehe http://www.POLITLYRIK.de) !!! MIT MUSIKALISCHER LIVE-BEGLEITUNG ZUM ERSTEN MAL SEIT 1996 (damals begleitet von der Band „Heavy Gummi“) !!! Zur Einstimmung hier das brandneue bitterböse fünfundsechzigste Brachlandgedicht:

    23.9.2013, Bruno Brachland Nr.65

    FALSCHER FRÜHLING
    (LEGENDE VOM PLÖTZLICHEN PARADIES)

    die tiere spielen überall verrückt
    es ist für einen tag nochmal geglückt
    der sommer kehrt sehr sommerlich zurück
    kein wind die sonne bahnt sich ihren weg
    die wolken warten – spätaufsteher sind
    entzückt! und reiben sich die augen aus
    kein gott erfindet solch ein…
    unwahrscheinliches theaterstück
    der sommer kehrt sehr sommerlich zurück
    die tiere spielen überall verrückt
    fünf eichhörnchen
    (anscheinend schwindelfrei)
    verfolgen sich von baum zu baum
    die frage nach dem sinn ist einerlei
    fünf papageien
    schreien um die wette doch ich
    seh die grünen federn kaum
    am horizont zieht die gewitterfront
    ganz knapp vorbei an der idylle
    etwas wind die sonne bahnt sich ihren
    weg durch die galaktisch leere fülle
    auf dem morschen steg sitzt ein grau-
    reiher ach das reimt sich auf au weia
    rette sich wer kann vor deutscher
    dichtung enten quaken gänse schnattern
    nachrichten verkünden hinrichtung
    gedanken rattern ohne mündung
    bis zur überlichtgeschwindigkeit
    dann macht sich die erkenntnis breit
    an einem montag ist nie sonntag
    und an sonntagen scheint keine sonne
    ich beweise leise wort für wort
    den tod der lyrik als selbstmord
    denn niemand stellt die großen fragen
    an montagen die sich sonntag nennen
    unter meinen fingernägeln brennen nur
    die nagelbetten neuronaler datenbahnen
    niemand kann die lyrik retten
    ohne das gehirn als gott zu ahnen
    in der postpoetischen idylle
    fehlt nur eins: die friedhofsstille.
    dafür gibts ne andre pille

    (c) ORIGINALQUELLEN:
    http://poemie.jimdo.com/metadiagnose/somatoform-35/
    (DORT AUCH DER 100PTC-FLYER)

    100PTC-BLOG-EINTRAG FÜR DÜSSELDORF:
    http://www.100tpcmedia.org/100TPC2012/2013/07/art-janz-dusseldorf-germany-2013/

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  6. könntest du hartung nicht dazu bewegen, für die lyrikzeitung EINE ALLGEMEINE AKTUELLE ANALYSE aus seiner sicht zu formulieren? vielleicht hülfe das weiter… er hat ja jüngst erst einen lyrikband in einer zeitung rezensiert, das wirkte auf mich so, als ob er „trotz hohen alters“ noch spaß dran hat 🙂 in meinem obigen zitat ist aufgrund der programmiersprache ein verstümmelungsfehler entstanden, richtig heißt es natürlich: „Antithese von ‚freiem‘ und ‚gebundenem‘ Vers“. ich hätte meinen brachland62 übrigens nicht voreilig posten sollen, denn ich habe danach noch 7 korrekturen vorgenommen, die 4 wichtigsten gleich in den anfangszeilen, die in der endfassung nun so lauten:

    „keine sprache kann mir wasser reichen / worin sich mein hirn als weltraum wiegt / tja baden im gefühl erlaubt was sonst / im wadenkrampf versiegt ich will nicht / …“

    hier die korrigierte lyrikfoto-collage: http://www.panoramio.com/photo/95872834

    ein weiteres zitat von hartung fand ich im selben buch, das die „peinliche“ these meines essays SCHON DAMALS bestätigt, daß dichter SEELISCHE MOTIVATIONEN zum dichten haben (MÜSSEN, da sie eben KEINE roboter sind!), selbst wenn das werk glattgebügelt wirken soll, sterilisiert vom psychischen prozess:

    „Dieser Klumpen Leben, der Sinn nicht hergeben will, ist dem Dichter immerwährender Anstoß. Aber er sucht nach Sinn, auch wenn er es leugnet, sooft er sich an die Sprache wendet. Zum andern aber nimmt er die Sprache zu ernst, um ihr einen Sinn zu entreißen, der nicht in ihr wohnen kann; allenfalls im Leben.“
    Harald Hartung, in: DEUTSCHE LYRIK SEIT 1965 (August 1985)

    und ohne daß ich deinen „schnee von gestern“ kommentar kannte, michael, dichtete ich heute morgen im ersten verkaterten bettkaffeetaumel das brachland63 (inspiriert durch ein gestriges rotweingespräch mit einem kunsthistoriker in einem atelier der düsseldorfer „kunstpunkte“ aktion) und mußte daher grad schmunzeln, deinen kommentar zu entdecken 🙂 beste grüße aus eller süd und einen schönen sonntag!

    Bruno Brachland Nr.63, 8.9.2013 (8-9h)

    BRECHT FLÜSTERT BRENTANO DIESEN DRECKIGEN
    KINDERREIM INS RECHTE (ODER LINKE) OHR:
    „PASTIOR / PASST / PLÖTZLICH / INS OHR“

    aufgewacht ganz ohne lyrik
    kopf ist leer wie ottos mops
    meine seele ist schon lange
    hops! das ist zu schmierig (schwierig)

    jedes wort zu prüfen fällt
    dem germanisten ziemlich leicht
    doch was den alten griechen reicht
    hält heute nicht was es verspricht

    die formen purzeln durcheinander
    vorn wird hinten – hinten vorn
    when DID you die? when ARE you born?
    die sache wirkt doch sehr vertrackt

    ein nahverwandter kennt die dia…
    …gnose, keine dialektik
    heilt die sehnsucht ohne trick
    ein loses wort und schon:
    VERKACKT

    © http://www.METADIAGNOSE.de

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  7. nur was dem einen „neue formen“ sind ist dem andern schnee von gestern, und umgekehrt. so war es immer, auch 1965, auch heute. und hartung wär einer der letzten, den ich als kronzeugen befragte.

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  8. dank an Horst A. Bruno, auch für den Hinweis auf seine eigene Homepage! Die tut gut zu lesen 🙂 HIER EIN KLEINER NACHTRAG ZU MEINEM ESSAY, der deutlich macht, wie alt die Fragen sind, mit denen sich die jüngere Generation beschäftigt! Hartung deutet an vielen Stellen die PSYCHISCHE DIMENSION der Lyrik an, aber noch durch die „betriebsblinde“ Brille, ohne die Psychologie der „neurotischen“ (bzw. traumatischen) Motivation zu Kreativität als Dreh- und Angelpunkt zu erkennen:

    „Warum also verwenden so wenige Lyriker Phantasie auf die Erfindung neuer Formen? Wenn wir den Fortschrittsbegriff in der Kunst verabschieden und damit auch die starre Antithese von >freiemgebundenem< Vers, dann brechen wir mit einem Innovationsbegriff, der im wesentlichen zu Reduktionen geführt hat, zur Spezialisierung und Verkürzung: zur Reduktion aufs Material in der konkreten Poesie, zur Reduktion auf die Botschaft im Agitprop-Gedicht, zur Reduktion aufs Protokoll im Verismus der neuen Sensibilität. (…) …die Überwindung einer Sprechhemmung. Nicht die Kunst fordert den Widerstand, sondern das schreckliche Faktum selbst, das allem Sprechen vorausging und das doch das Sprechen, die Auflösung* in Sprache fordert. So bietet die Form eine Entsprechung, denn wie wäre der Widerstand anders zu fassen denn als Kunst? Die Überwindung des Widerstands ist weniger ein Triumph der Artistik als des Menschen, der sich das Schwere zögernd, stockend von der Seele spricht. Und so werden wir weniger auf artistischen Glanz rechnen dürfen als auf ein Scheitern, das sich in der Form beglaubigt."
    Harald Hartung, in: DEUTSCHE LYRIK SEIT 1965 (August 1985)

    *das "Schreckliche" kann nur psychosomatisch gelöst werden, niemals verbal-reflexiv, weil die deskriptiv-virtuelle Ebene nur SYMBOLISCH-ASYMPTOTISCH anstatt konkret-organisch wirkt, wie ich jetzt weiß…

    Bruno Brachland Nr.62, 6.9.2013

    BEINHARTES GESTÄNDNIS
    (DIE NEUE NEUIGKEIT)

    keine sprache kann mir das wasser reichen
    worin sich mein hirn als weltraum wiegt
    doch das baden im gefühl erlaubt was sonst
    als wadenkrampf verstaubt ich will nicht
    über leichen gehen sondern meine existenz
    verstehen die weit mehr verspricht als nur
    die freie sicht auf alle sachen die wir
    selbstverständlich machen doch hats heute
    jede mystik schwer vor lauter marktgeschrei
    den kühlen kopf bei dieser seelenhitze zu
    bewahren und so zieh ich mich an meinen haaren
    aus dem seelensumpf der konservierten stile
    denn au wei es sind zu viele und darunter
    ganz debile und direkte oder schlimmer noch:
    dekonstruktive! die mich künstlich zwingen
    wollen dort zu stottern und zu stammeln wo
    der freigeist in mir fließend deutsch UND
    außerirdisch wie zwei muttersprachen spricht
    die sprache spricht jaja die sache sacht das
    ganze ganzt und – und das wort für ich heißt
    ICH genauso wie das wörtchen du für dich…
    A N S A G E N : 1. "Meine Oma ist tot." (Neue
    Sachlichkeit); 2. "Politiker sind Langweiler."
    (Neue Subjektivität); 3. "Gegebenenfalls daß
    Lyrik weit mehr ist als nur die ästhetisch
    korrekte Aneinanderreihung von Buchstaben mit
    irgendeiner Botschaft die auch und sogar die
    Verabschiedung von allen Botschaften bein-
    haltet, möchte ich heute und hier betonen,
    daß meine Ansagen UMSONST sind." (N.N.)

    (c) ORIGINALQUELLE:
    http://poemie.jimdo.com/metadiagnose/somatoform-30/

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  9. Eine ganz ausgezeichnete und berührende Reflexion über Poesie und ihre Wirkungsmöglichkeiten in heutigen Zeiten der Unruhe und Umbrüche. Dieser auf- und abschwappende Schwall von Sprache trifft (m)einen Nerv in Reaktionen des so sein müssens und als Folge von Burroughs und und.

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