18. Bildermagazin

Der türkische Gelehrte Sururi, ein berühmter Kommentator persischer Dichter, stellte in seiner Poetik „Bahral-maarif“ („Das Meer der Kenntnisse“) die schönheitsbeschreibenden Symbole persischer und arabischer Dichtung in Rubriken zusammen und belegte sie mit Beispielen. Der Orientalist Joseph von Hammer-Purgstall, der 1812/13 die erste deutsche Gesamtübersetzung der Gedichte von Hafis veröffentlichte, rückt die Liste (ohne die Beispiele) in seine „Geschichte der schönen Redekünste Persiens mit einer Blüthenlese aus zweyhundert persischen Dichtern“ (Wien 1818) ein. Unendlich zwar sei „das Gebieth der Natur und die Herrschaft der Einbildungskraft“ („welche aus jenem ihre Vergleichungen hernimmt“), bei beiden prinzipiell keine Grenzen absteckbar, dennoch hätten „von jeher bey verschiedenen Völkern nach Maßgabe der verschiedenen Himmelsstriche, der Naturscenen, der Erziehung, der Gesetzgebung und der Religion“ gewisse Vorlieben bestanden. Dies sei besonders im Gebiet der Metaphern und Gleichnisse der Fall, „welche das große Farben- und Bildermagazin der Poesie“ seien.

Interessant folgender Gedankengang Hammers: „Ausnahmen großer origineller Geister, welche sich über die vor ihnen bestandenen Schranken erhoben, und durch die Excentrität ihres Hippogryphenfluges die Freyheit der Einbildungskraft beurkunden, und gleichsam von Zeit zu Zeit wieder gebähren, gehören nicht hierher.“ Für Hammer sind die Exzentriker Ausnahmen – er nennt unter den Deutschen nicht das frühere Kraft- und Originalgenie Goethe, sondern Jean Paul, „dessen Muse sich aus dem Orient nach dem Occident verirrt, und um als Fremdlinginn unerkannt zu bleiben, die Larve des Witzes und der Laune vorgenommen zu haben scheint, dessen Phantasie deutscher  Poesie wohl als Kronjuwele, aber deutscher Cultur und Bildung nicht als Gemeingut angehört.“

Eine in der Tat aufschlußreiche Wahrnehmung eines Zeitgenossen zur (von heute aus gesehen) Modernität Jean Pauls. Kann es sein, daß die von vielen beklagte Unverständlichkeit moderner Kunst in einer Aufkündigung kultureller „Codes“ besteht, und Jean Paul mit seiner befreiten Phantasie einer ihrer Vorläufer und Propheten?

Wie dem sei: Goethe verdankt von Hammer wichtige Anregungen. Seinem auf die Hafislektüre folgenden Gedichtbuch „West-Östlicher Diwan“ glaubte er einen zweiten, im Umfang noch dickeren Band „Noten und Abhandlungen zu besserem Verständnis“ hinzufügen zu müssen. Darin auch ein Abschnitt über Chiffren.

Ich übernehme die bei der Lektüre östlicher Gedichte (und vielleicht auch des späten Goethe oder etwa Friedrich Rückerts?) überaus nützliche Liste Sururis sukzessive in mein Diktionär (und den Lyrikwiki).

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