24. Aufgestört

Scholl: Der „Lyriksommer“ im Deutschlandradio Kultur, wir sind im Gespräch mit dem Literaturwissenschaftler Michael Braun über politische Gedichte. Jetzt werden wir mal richtig positiv mit der Frage, was denn ein gutes politisches Gedicht ausmacht, Herr Braun, und da haben Sie uns nämlich ein Beispiel mitgebracht, das wir uns anhören wollen! Was ist das für ein Gedicht?

Braun: Ja, ich bin diesem Gedicht und seinem Autor zum ersten Mal 2004, also vor fast schon wieder zehn Jahren begegnet, und es war auf einem Poetenfest im bayerischen Erlangen und dort hat der Autor Hendrik Jackson, Jahrgang 1971, ein Berliner Lyriker, ein Gedicht gelesen, das mich erst mal verstört hat, also auch aufgeregt hat, auch genervt hat damals.

Aber mit einem gewissen Abstand, je häufiger ich das Gedicht dann wieder las, desto mehr hat es mir gefallen. Und warum hat es mich aufgestört, es ging um die Reizfigur …

Scholl: Osama bin Laden! Und das wollen wir uns jetzt mal anhören, Herr Braun, Sie wollen uns das vorlesen!

Braun: Ich lese es mal vor in dem Gestus, wie es der Autor vorträgt, auch mit Laut-leise-Wechseln:

Hendrik Jackson: „Schutz vor Nachstellung, meiner Vorstellung nach“

Bin Laden geht in die Berge,
geht bewundernswert & bärtig durchs Gebirge
im zweiten Programm und in allen.
Was ist von hier aus die Rückseite der kapitalistischen Münze?
Adler oder Eichmann, Goethe oder Lenz? Falsch, (Baudrillard).

Oha, die Medien rufen ihn an:
Höhle, hallo!
Hallo? Holla!
Ja, ja, hier Hölle! Hab ein Video!
Gut gelaunte Europäer.
Der Teufel dringt ins Detail, das Netzwerk leckt.
Ist da noch Speichelplatz unter der (vernetzten)
Zunge des Propheten?

Scholl: Verse des Berliner Lyrikers Hendrik Jackson, Michael Braun hat sie uns vorgetragen hier in unserem „Lyriksommer“ im Deutschlandradio Kultur. Herr Braun, was macht für Sie den Reiz denn dieses politischen Gedichtes aus, warum ist es gut?

Braun: Aufgestört, erschreckt, genervt hat es mich, weil ich die ersten zwei Zeilen zuerst halt hörte und sie sich festfraßen, „Bin Laden geht in die Berge, geht bewundernswert und bärtig durchs Gebirge“. Vor allem das „bewundernswert“ dachte ich, hatte ich gleich dem Autor zugeschrieben, dass hier so eine Art heimliche Faszination an dieser Gestalt des Terroristen vorherrscht. Aber wenn man dann weiter liest, merkt man, es sind, da überkreuzen sich gewissermaßen Projektionen, die in unserer Gesellschaft, auch in unserer Mediengesellschaft existiert haben, auf bin Laden projiziert wurden. Das Raubein der Apokalypse!

Und in den Text werden immer wieder – das ist ein Verfahren, das wir in der Dichtung des 21. Jahrhunderts immer wieder finden – ganz schnelle Schnitte, rasche Blickwechsel, schroffe Montagetechnik, Verknüpfung von disparatesten Bildwelten findet hier statt.

Und immer, wenn uns Gedichte solche auch Rätsel aufgeben im positiven Sinn, wenn wir uns mit ihnen beschäftigen müssen, wenn sie uns Mühe machen, hat mal Brecht gesagt, solange uns Gedichte Mühe machen, verfallen sie auch nicht und werden sie nicht gleich flach und leer und ohne Widersprüche.

Und das Gedicht hat sehr viele Widersprüche, hat sehr viele historische Schichten, die übereinandergelegt, miteinander verschränkt werden, sodass bei jeder Lektüre halt einfach neue Erkenntnisse aufblitzen.

/ DLR

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