25. Zwischen Hölderlin und Blumfeld

Der Niedergang dieser beiden einst heiligen Kühe einer Elite, der Lyrik (die heute vor allem in Poetry Slams und deutschsprachigem Pop neue Impulse erfährt) und der Neuen Musik, mag letztlich seinen Ursprung in soziologischen Veränderungen, dem Verschwinden des Bürgertums, haben. Nichtsdestotrotz gibt es so etwas wie Zurüstungen des Genres, die zeigen, dass die klassische Lyrik durchaus Chancen auf ein Überleben hat. Wenn Durs Grünbein und Thomas Kling zwei Seiten einer Münze darstellen, hier die fast schon klischeehafte Figur des bürgerlich-elitären Dichters und dort die des geilen, aber unverständlichen Avantgardisten, so meldet sich in den letzten Jahren eine neue Generation von Lyrikern zu Wort, die eine andere Linie des Gedichts in Deutschland weiterzuführen scheint, die des landläufig als Pop-Literaten bezeichneten Brinkmanns oder Borns. Die Lyriker heute sitzen denn auch zwischen zwei Stühlen: zwischen traditioneller Elite und poppiger Gegenwartskultur, zwischen Hölderlin und Blumfeld.

Dem kleinen Berliner Verlag Kook-Books kommt der Verdienst zu, dieser Art von Lyrik, die nicht mehr so recht in die Programme der sich gerade neu definierenden (oder besser: dekonstruierenden) Majors passen will, ein schon dem schicken Design der Bücher nach zeitgemäßes Gewand, ja, eine Plattform gegeben zu haben. Der Erfolg – zumindest bei den Kritikern – gibt Kook-Books Recht: Nahezu alle Lyriker, zuletzt Uljana Wolf, sind mit wichtigen Preisen ausgezeichnet worden. (…)

Steffen Popp ist ein außergewöhnliches Talent. Vielleicht hätte er in „Ohrenberg“ nur mehr auf die Funksprüche aus dem Turm der Hauptfigur hören sollen (ein Topos, der unter seinem enormen sprachlichen und erzählerischen Potenzial bleibt) als auf die Lyra alter Dichter, die oftmals zu „raunendem Schwulst“ verleitet.

/ Thomas von Steinaecker, Textem

Steffen Popp: Ohrenberg oder der Weg dorthin. Roman. Kook-Books 2006

One Comment on “25. Zwischen Hölderlin und Blumfeld

  1. lasst euch nicht abschrecken.beim ersten mal hab ich ohrenberg auch etwas genervt beiseitegelegt. aber vor ca. einem halben jahr nahm ich das buch eher zufällig in die hand und las und las und war begeistert

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