18. Lampingsche Variable

Sollte es wirklich, wie Enzensberger suggeriert, am Ende mehr Verfasser als Leser von Gedichten geben? Allerdings fallen einem schon Lyrikbände ein, die sich auf Anhieb und nicht erst im Lauf eines Jahrhunderts sehr viel besser verkauften als 1.354 Mal. Wolf Wondratscheks im Selbstverlag erschienene Gedichtsammlung „Chuck’s Zimmer“ von 1974 soll binnen kurzem eine sechsstellige Auflagenhöhe erreicht haben. Lawrence Ferlinghettis „A Coney island of the mind“ ist angeblich in einem Jahr eine Million Mal verkauft worden. Aber das sind natürlich Ausnahmen. Gerade die Klassiker der Moderne erreichten nur ein viel kleineres Publikum. Selbst Charles Baudelaires „Fleurs du mal“, ein Paradebeispiel für großen, aber späten Erfolg, erschien in einer ersten Auflage von gerade 1.100 Exemplaren. Die zweite, vier Jahre später, betrug immerhin schon 1500. Stephane Mallarmés „L’apres-midi d’un faune“ kam zuerst in einer Auflage von 195 Exemplaren auf den Markt – wenn man da von einem Markt reden kann. Rimbauds „Une saison en enfer“ wurde 500 Mal gedruckt und war nach 40 Jahren noch nicht vergriffen. (…)

Sobald man das Radio einschaltet, hört man dagegen unentwegt, unterbrochen nur von Verkehrsmeldungen oder Nachrichten und kurzen, durchaus überflüssigen Überleitungen: Lyrik. Sie heißt allerdings anders: nämlich Schlager, Song, Chanson, auch Lied. Kurt Tucholsky hat sie, nicht ganz freundlich, „Lyrik der Antennen“ genannt. Möglicherweise ist diese Art von Gedichten gleichfalls ein Anachronismus, aber das hat noch keiner gemerkt. Man verlangt nach ihr, und nicht nur in dieser Hinsicht ist sie auf der Höhe der Zeit. Gar nicht so selten ist sie auch auf der Höhe des Geschmacks. Längst haben sich Chansonniers, Songwriters und Liedermacher einen Ruf als Dichter verdient. Und zwar zu Recht. Die Namen kennt jeder.

Die erste Verbindung, die das Gedicht einging, war die mit der Musik. Es ist bis heute ihre erfolgreichste. Wieviele auch immer solchen Lyrikdarbietungen im Fernsehen oder im Radio zuhören mögen: Es sind durchweg weit mehr als 1354. Das ist allenfalls die Verkaufszahl sehr erfolgloser Alben, die aber auch nicht im Radio gespielt werden. Ansonsten muss man ständig mit einem Vielfachen von 1354 rechnen, das allerdings nicht genau zu ermitteln ist. Insofern ist der Schluss erlaubt, dass die Zahl der Lyrikleser und -hörer sehr veränderlich ist, wechselnd von Medium zu Medium, vielleicht sogar von Autor zu Autor – eben eine Variable. Und jetzt hat sie auch einen Namen.

/ Dieter Lamping, literaturkritik.de

Lampings Literaturhinweise

  • Hans Magnus Enzensberger: Bescheidener Vorschlag zum Schutze der Jugend vor den Erzeugnissen der Poesie. In: Ders.: Mittelmaß und Wahn. Gesammelte Zerstreuungen. Frankfurt a.M. 1988, S. 23-41. Zitate S. 23.
  • Hans Magnus Enzensberger: Meldungen vom lyrischen Betrieb. Drei Metaphrasen. In: Ders.: ZICKZACK. Drei Aufsätze. Frankfurt a.M.  1997, S. 182-199. Zitate S. 184.
  • Kurt Tucholsky: Lyrik der Antennen. In: Ders.: Gesammelte Werke in 10 Bänden. Hg. von Marie Gerold-Tucholsky und Fritz J. Raddatz. Band 9: 1931. Reinbek bei Hamburg  1993, S. 280-282.
  • Zu den Verkaufszahlen der Klassiker: Octavio Paz: Die andere Stimme. Dichtung an der Jahrhundertwende. Aus dem Spanischen von Rudolf Wittkopf. Frankfurt a.M. 1994, insbes. S. 85-105.

4 Comments on “18. Lampingsche Variable

  1. ulla hahn fällt mich hier noch nachträglich ein. eine freundin hat immer auf sie geschworen: irgendwas mache sie mit einem, wenn man ihre gedichte zu gutem rotwein lese (wie einen käse? hatte ich mir dann gedacht, nur mich bis heut noch nicht selber ausprobiert).

    Liken

  2. eva strittmatter… ist wohl noch eine der richtigeren unter den „falschen“.
    (zwinker zwinker)
    ich bin froh, dass dieser kreuzer hier mal vom stapel gelassen wurde.

    Liken

  3. wenn es um verkaufszahlen von gedichten geht, das fiel mir jetzt schon öfter auf, wird sonstwer genannt, aber keine eva strittmatter. die, wie ich hier in der lyrikzeitung (4.1.2011) las, eine gesamtauflage von 2 millionen büchern erreichte. gilt aber irgendwie nicht, oder? ist nicht die „richtige“ lyrik?

    Liken

  4. Etwas schiefe Vergleichszahl: Auch ein in Radio oder Tv vorgetragene Gedichte erreichen auf einen Schlag sehr viel mehr Leute. Man kann also allenfalls die Cd Verkäufe mit den Buchverkäufen kurzschließen. Und von den Cd Verkäufen, sollte man nur die einberechnen, die nur wegen der Texte gekauft werden. Da sind die Größenverhältnisse plötzlich sehr anders, denn auch bei vielen Liedermachern stehen die mauen Verkäufe in keinem Verhältnis zu der gefühlten Bedeutung. Besonders, wenn man bedenkt, dass Leute ihren Geschmack eben daran bilden, was ihnen in den Medien begegnet, stehen die Künste nicht so verschieden da, denn dass man mehr verkauft, wenn ein Buch grade im Radio war, bemerkt jeder Verleger Es liegt also nicht nur am Gedicht …
    Und dann ziehe man von den Cd Käufern noch diejenigen ab, die sich selbst in irgend einer Weise musikalisch produzieren. Warum wird das in der Lyrik immer getan und in der Musik regelmäßig „vergessen“ obwohl es in die morbide Rchnung hinein gehörte? Da MÖCHTEN doch Leute feststellen, dass die Lyrik eben keine Bedeutung hat, weil von dieser These ihnen irgend eine Faszination ausgeht.

    Liken

Kommentar verfassen

Bitte logge dich mit einer dieser Methoden ein, um deinen Kommentar zu veröffentlichen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.

%d Bloggern gefällt das: