91. Vaterland und Dichteramt

‚Land des Glaubens, deutsches Land‘ – so begänne die deutsche Nationalhymne, wenn sich Bundespräsident Theodor Heuss mit dem Vorschlag durchgesetzt hätte, statt des Deutschlandlieds, das durch den Nationalsozialismus belastet war, einen Text von Rudolf Alexander Schröder zu wählen. Der fast vergessene Dichter genoss als Lyriker und Gesamtkunstwerker bis zu seinem Tod im Jahr 1962 ein gewaltiges Renommee. Mancher evangelische Gemeindegesang geht noch auf ihn zurück, auch als Übersetzer aus einem halben Dutzend alter und neuer Sprachen hat Schröder Wichtiges geleistet. Der Ozeandampfer Bremen, den er als – ja! -Innenarchitekt mitgestaltete, bleibt im Norden bis heute ikonisch. Und Schröder komponierte sogar noch passabel, wie man mithilfe des Kammerchors der Universität Würzburg nun in Marbach lernen konnte. (…)

Den von ihm selbst zu dieser Zeit gedichteten Zyklus ‚Heilig Vaterland‘ bezeichnete Schröder zwar als ‚größte Sünde meines Lebens‘, da der Komponist Heinrich Spitta später daraus mit wenigen, aber entscheidenden Änderungen Lieder für die Hitlerjugend gemacht hatte. Zugleich aber verstand Schröder, wie Rainer Bayreuther (Freiburg) ausführte, das ‚Dichteramt‘ als politischen und religiösen Dienst an der Gemeinschaft, dem gegenüber die individuelle und kritische Künstlerpersönlichkeit zurückzutreten habe. Als die idealen Dichtergestalten seien ihm Vergil und Horaz – beide von ihm übersetzt – erschienen, indem sie den augusteischen Staat sakral überhöht und damit ein Imperium mitbegründet hätten. Im Vortrag ‚Dichter und Volk‘ von 1937 habe Schröder deshalb übersehen, dass das Volk der nationalsozialistischen Doktrin keine Bürgergemeinschaft mehr sei. Zudem habe er am besonders in protestantischen Kreisen betonten Paradigma von der gottgewollten Ordnung des Staates festgehalten. Indem er zwischen dem Religiösen und Politischen nicht trennen wollte, sei ihm die Gemeinde, das ‚Gottesvolk‘, gefährlich mit der ‚Volksgemeinschaft‘ verschmolzen. / Michael Stallknecht, Süddeutsche Zeitung 11.12.

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