139. Leipziger Poeten

Lyrik im Freitag? Aber ja doch. Ganz viel sogar, und alles aus Leipzig:

Doch da ist noch etwas anderes, wodurch diese Stadt auf der literarischen Landkarte hervorsticht: Hier leben erstaunlich viele Dichter. Ja, ausgerechnet die Lyrik, diese vielleicht heikelste Gattung, hat sich in dem Biotop aus literarischer Infrastruktur, geringen Lebenskosten und städtebaulicher Unfertigkeit bestens eingerichtet. Was auch andernorts nicht unbemerkt bleibt: Gerade sorgt eine Leipziger Poetengeneration von Anfang- bis Mitte-Dreißig-Jährigen bei einschlägigen Gelegenheiten für Aufsehen und -hören. Und das, ohne eine eigene Szene darzustellen; es gibt keine festen Orte oder regelmäßigen Treffen, obwohl die meisten mit dem Deutschen Literaturinstitut ein gemeinsames Nadelöhr haben. …

Konstantin Ames sitzt an einem kleinen Küchentisch im Leipziger Künstlerbezirk Plagwitz. Auf seiner frisch rasierten Glatze spiegelt sich orangefarbenes Licht, was seiner Erscheinung etwas Mönchhaftes verleiht. „Ich würde mich gar nicht als Lyriker bezeichnen“, sagt Ames, der im vergangenen Jahr den Lyrikpreis des open mike gewonnen hat; was eines der besten Dinge ist, die einem Nachwuchsdichter passieren können. „Den Lyriker umgibt eine Aura des weltabgewandten Sprachsensibelchens, des Sozialautisten, der ewige Wahrheiten verkündet“, meint er. Deshalb würden auch so wenige Gedichte gelesen: „Lyrik gilt weithin, und das nicht mal zu Unrecht, als urbane Klugscheißerei.“ Und was stellt er dem entgegen? „Gedichte haben auch eine übergeordnete Funktion: Es geht darum, Wahrnehmungsstrukturen aufzubrechen, neue Felder zu eröffnen.“ Lyrik habe schließlich eine politische Aufgabe, findet Konstantin Ames: „Das utopische Potenzial mag graduell verschieden sein, aber wenn man nichts verändern will, dann sollte man auch nicht schreiben.“

/ Jörn Dege, Freitag

Außerdem über Ulrike Almut Sandig, André Rudolph, Carl-Christian Elze und Kerstin Preiwuß.

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