62. „Mallarmé-Apollinaire-Syndrom“

Das Ungeheuer hat viele Namen und keine feste Gestalt. Neun Jahre lang malträtiert es Sarah Manguso und zeigt ihr jedes Mal eine andere Fratze. Es lähmt ihr die Beine, verseucht ihr das Blut, fällt als Depression über sie her, schwemmt sie auf, fährt ihr als Katheter in die Brust und macht sie von Steroiden abhängig. Die Gravur ihres Notfallarmbands fasst das medizinische Schicksal der 1974 in der Nähe von Boston geborenen und heute in Los Angeles lebenden Dichterin im Begriff einer „chronisch idiopathischen demyelierenden Polyradikuloneuropathie“ (CIDP), einer schweren Schädigung des Immunsystems, die die Zerstörung der Nervenzellen zur Folge hat. Aber was anderes ist diese Wortreihe als eine weitere Chiffre für ein mysteriöses Geschehen, das beim Versuch, es in Schach zu halten, seinen eigenen Gesetzen folgt.

Zur Erklärung von Mangusos einzigartiger Variante taugt CIDP ohnehin nur halb. Der Begriff „Landrys aufsteigende Paralyse“ ist überholt und das Guillain-Barré-Syndrom nicht mehr als verwandt. Warum das Ganze nicht gleich Mallarmé-Apollinaire-Syndrom nennen, wenn es wie ein undurchdringliches Stück Poesie entziffert werden will. CIDP, könnte man mit der Verwegenheit sagen, die Sarah Manguso beim Schreiben über ihre Schreckensjahre geleitet hat, ist nichts anderes als das pathologische Gegenstück zu Wallace Stevens’ berühmter Vision des Gedichts als eines Texts, der sich dem Verstand fast vollständig widersetzt: „The poem must resist the intelligence/Almost successfully.“ Denn ums Verstehen, so viel macht Manguso gleich zu Anfang klar, geht es nicht. Es geht ums Erinnern. / Gregor Dotzauer, Tagesspiegel 30.5.

Sarah Manguso: Zwei Arten von Verfall. Aus dem Amerikanischen von Annette Kühn und Ron Winkler. Luxbooks, Wiesbaden 2010. 241 S., 22,80 €.

Bei Luxbooks erschien von der Autorin auch der Lyrikband „Komm her o Klarheit

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