63. Fünf neue Gedichtbände

… deutscher Lyriker bespricht Andreas Wirthensohn in der Wiener Zeitung vom 11.5.

Im einzelnen:

Vergnügt und wagemutig lässt Kathrin Schmidt ihrer Sprachphantasie freien Lauf. Vor allem vermag sie die Wortbildungsproduktivität des Deutschen eindrucksvoll zu nutzen: „sensenfräulein“, „urstromteller“, „körperklangpendel“, „schlupflungenklamm“, „gedachtschneckenspuren“, „wittchenschnee“. Das ist nur eine kleine Auswahl all der Neuschöpfungen und -bildungen, die Schmidts aktueller Gedichtband (es ist ihr fünfter) zu bieten hat. Zwar sind nicht alle auf Anhieb verständlich, aber darum geht es nicht. Gerade die nicht sofort dechiffrierbaren Wörter erzeugen das für die Lyrik so typische Bedeutungsflimmern, den viel dimensional „verdichteten“ Gedicht-raum, der aus der Mehrdeutigkeit eine Tugend macht. /

Kathrin Schmidt: Blinde Bienen. Kiepenheuer & Witsch, Köln 2010. 90 Seiten, 17,50 Euro.

Ins Surreale hinüber lappen dagegen die Alltagsgedichte von Ron Winkler. Dieser Autor ist ganz hart an der neuesten technisch-digitalen Realität dran – „es muss am Downloadshop gewesen sein“, beginnt bei ihm ein Liebesgedicht –, entwickelt daraus aber höchst disparate lyrische Gebilde, die hemmungs- doch nie gedankenlos die unterschiedlichsten Sprachebenen miteinander verzahnen: „Meldungen aus der aleatorischen Zone“ strahlen etwas aus, was man durchaus als „Coolness“ bezeichnen kann.

Ron Winkler: Frenetische Stille. Berlin Verlag, Berlin 2010. 96 Seiten, 16,90 Euro.

Ein Abenteurer des Alltags ist Hendrik Rost, der mit „Der Pilot in der Libelle“ schon seinen fünften Gedichtband vorlegt. Ob die „Brandschutzvorschriften / auf dem Pressspanschrank / in diesem Hotel“, ob eine „nervige Fliege“ auf dem Käse, ob die eigene Tochter oder der „Eiskremkopfschmerz“ – all das wird dem beobachtenden Ich dieser Gedichte zum Ausgangspunkt, um Erinnerungen wachzurufen, Wahrnehmungen und Assoziationen „driften“ zu lassen, das Flüchtige des Augenblicks in eine Form zu bannen, die über den Moment hinausreicht. „Ich setze nicht auf Ansichten / Neigung bleibt in Rufweite von Traurigkeit / Tradition läßt sich nur zahm vorstellen / Es geht um wunderschöne Zerstörung / Perlen wachsen um Lüge“.

Hendrik Rost: Der Pilot in der Libelle. Wallstein, Göttingen 2010. 111 Seiten, 18,50 Euro.

Am besten ist Jacobs dort, wo er mit den Traditionen spielt, etwa in „Parken verboten“, einer sehr hübschen Parodie auf Stefan Georges „komm in den totgesagten park“.

Steffen Jacobs: Die Liebe im September. Wallstein, Göttingen 2010. 88 Seiten, 18,50 Euro.

Das Faszinierende an Poschmanns Gedichten besteht nun aber gerade darin, dass sie das Geistersehen gleichsam auf den Kopf stellen: Sie versuchen nämlich hinter das Sichtbare der Dinge zu blicken, doch dort verliert der Blick sogleich radikal an Schärfe: „was uns die Sicht verbarg, / war das Sichtbare; und wir / kontemplierten das Ding aus Dunst“. Diese Poetik der Unschärfe zeigt sich schon an den Titeln der einzelnen Gedichtgruppen: „Testbilder“, „Störbilder“, „Spiegelungen“, „Trugbilder“ heißen einige. Das Ich dieser Gedichte, nicht selten auch ein Wir, sieht sich ständig mit dem Problem konfrontiert, dass die ganz realen Dinge umso ferner zurückschauen, je näher man sie anblickt.

Marion Poschmann: Geistersehen. Suhrkamp, Frankfurt/M. 2010. 126 Seiten, 18,30 Euro.

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