13. Hohes und Niedriges

Und noch ein, diesmal literarischer, Fund aus jener Silvesterausgabe (die alten Zeitungen lassen mich nicht los). Gustav Falke [d.J.] bespricht eine mißlungene Übersetzung des persischen Dichters Rumi. Mißlungen nicht vorwiegend wegen der zahlreichen Deutschfehler des iranischen Übersetzers (hier hätte der Verlag ruhig einen Korrektor einschalten sollen! Natürlich verkneift sich die Zeitung nicht den Schlenker gegen „die Problematik von Digitaldruckwerken“, nunja). Auf lehrreiche Weise mißlungen sei sie vor allem wegen zensierender Eingriffe des Übersetzers. Das Persische unterscheidet das grammatische Geschlecht des/der Geliebten nicht. In dieser Übersetzung werde „der Angeredete“ des Gedichts stets als „die Geliebte“ statt „der Geliebte“ übersetzt. Allerdings habe Rumi seine geistige Initiation der Begegnung mit einem Mann zugeschrieben und diesem auch das Buch, seinen Diwan, gewidmet. Der Übersetzer gehe in seiner Übervorsichtigkeit sogar soweit, den Erzengel Gabriel „Gabriele“ zu nennen und „meine Liebling“ anzureden. (Das Wort Lieblingin ist ihm offenbar unbekannt). Und auch der abendliche Gang in die Schenke werde in dieser Übersetzung verblümt: stattdessen betritt er die „Welt der Trunkenheit“. Und wenn in einem Gedicht der Wein von einem – uns von Omar Khayyam, Hafis und Goethe bekannten – Schenkknaben gereicht wird, ist hier von einer „zierlichen Dame“ die Rede. „Dabei liegt die poetische Pointe der Gedichte gerade darin, das Hohe mit dem Niedrigen zu verbinden. Und sufistisch sind sie, weil sie nicht einfach eine Weltanschauung präsentieren, sondern von Erfahrungen ausgehen, die jeder machen kann.“

(Und damit wären wir wieder, ich nehme all meinen Mut zusammen und liste Themen der letzten Tage zusammen: beim Wurstbrot, bei Benn und Tom de Toys.)

Rumi, Dschalaluddin: Gipfel der Liebe. Ausgewählte Vierzeiler. Zweisprachige Ausgabe
Engelsdorfer Verlag, Leipzig 2009, ISBN 3869011718, Gebunden, 212 Seiten, 16,00 EUR
Aus dem Persischen von Ali Ghazanfari

One Comment on “13. Hohes und Niedriges

  1. Ja, diese Rezension in der FAZ habe ich auch gelesen. Sie ist im besten Fall dümmlich. Der Rezensent ist nichtmal in der Lage, digitalen von Siebdruck zu unterscheiden, was seinen Einwurf dazu unfreiwillig komisch macht.

    Korrekt ist, dass dem Korrektorat (leider) einiges durchgegangen ist – so kam auch der weibliche Erzengel zustande.

    Ansonsten liefert Ali Ghazanfari eine ambitionierte Übersetzung, die eben nicht auf unbedingt schöne Sprache, sondern auf inhaltliche Genauigkeit Wert legt. Das zeigt sich besonders am Beispiel der „Schenke“. Die vorliegende Variante ist sicherlich akkurate als das linguistische Missverständnis, dem der Rezensent unterliegt.

    Besonders im Vergleich zu anderen Übersetzungen ist die von Ghazanfari interessant – weil sie einen anderen Ansatz verfolgt.

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