108. Die Presse hat immer Recht

Drei Meldungen über Herta Müller bei der Berliner  Literaturkritik* an einem einzigen Tag:

Angriff auf Herta Müller – 19.11.2009
Wirbel um Müller-Lesung – 19.11.2009
Werke von Herta Müller auf Englisch – 19.11.2009

Allein aus diesem Monat gibts an der selben Stelle drei weitere Meldungen:

Kirchentag widerspricht Herta Müller – 13.11.2009
Herta Müller dachte in Rumänien an Suizid – 12.11.2009
Herta Müller erneut geehrt – 02.11.2009

Wenn man die geballte Ladung sieht, drängen sich zwei Eindrücke auf: Die deutsche Nobelpreisträgerin hat einen hohen Nachrichtenwert und 2. irgendwie geht Unruhe von ihr aus.

Liebe Berliner Kollegen, ich bewundere Eure Arbeit, aber ich nörgele ein bißchen an Euch herum. Ist es wirklich nötig, die widerliche Auslassung eines Geheimdienstlers zur Weltnachricht hochzustilisieren? Milliarden Leute sprechen jeden Augenblick, Millionen oder doch wenigstens Hunderttausende veröffentlichen täglich etwas in lokalen Medien, wie wird etwas zur Nachricht? Klar, weil es eine Agentur dazu macht. Die Verleihung eines sogenannt angesehenen Literaturpreises an Oswald Egger oder Ulf Stolterfoht ist den meisten deutschen Presseorganen eine Kurzmeldung, warum soll man sich dafür von Frankfurt oder Hamburg nach Staufen begeben? Nein, ich korrigiere mich, zumindest bei Stolterfoht war ein FAZ-Mitarbeiter anwesend: Jurymitglied Thomas Poiss hielt die Laudatio. Aber hat die Zeitung sie gedruckt? Ich lasse mich gern eines besseren belehren, vielleicht habe ich es übersehen? Ich habe nur die Kurzmeldung gefunden. „Kein Thema“. In Freiburg mag man noch glauben, der Huchelpreis sei ein wichtiger oder gar „der wichtigste“ Preis für deutsche Lyrik: die Nachrichtenlage spricht eine andere Sprache, und die Presse hat immer Recht.

Dagegen erfährt die nachträgliche Verleumdung eines Ex-Geheimdienstmanns an seinem einstigen Opfer mediale Aufmerksamkeit allüberall. Hier zB in der Welt. Die bringen die unsägliche dpa-Meldung ohne Kommentar, und nur die Leserreaktionen im Netz bringen Anstand und Vernunft zur Geltung. Laßt doch der Welt ihre Welt-Ordnung: aber müßt Ihr das mitmachen? Ignorieren oder wenns sein muß kommentieren: aber bitte nicht durch eine Nachricht aufwerten.

– Und die zweite Herta-Müller-Schreckensmeldung des 19.11.: wenn ich das richtig verstehe, handelt es sich um eine Frankfurter (Literaturhaus) oder auch Münchner (Hanser Verlag) Provinzposse. Aufgescheucht von zuviel Nachfrage haben sie eine Lesung der Autorin abgesagt. Was ist in Frankfurt los? Drohen enttäuschte Literaturfans die Türen aufzubrechen? Gibt es Straßenschlachten, werden Autos angezündet, Polizisten angegriffen? Was auch immer da los ist: „Wirbel um Herta-Müller-Lesung“ ist der falsche Text. Und wenn ich dann lese, daß die Literaturhausdame am selben Tag fast dasselbe sagt wie der Securitäter: „Dies sei vor allem zum Wohle der Autorin geschehen, die in der letzten Zeit auch körperlich sehr bedrängt worden sei.“ (Frankfurt) – „Er habe sich dafür eingesetzt, dass sie wieder als Lehrerin angestellt wird“ (Rumänien) – kann ich nur Max Liebermann zitieren: „Man kann gar nicht soviel fressen, wie man kotzen müßte.“

Lesen Sie hier weiter:

104. „Candide“

*) natürlich!. und nicht wie ich versehentlich schrieb literaturkritik.de!

One Comment on “108. Die Presse hat immer Recht

  1. Lieber Herr Gratz,

    eigentlich müßte ich jetzt erst einmal so viel Dank schreiben, daß es mir schier den Bildschirm sprengt!! Denn ich bin eine tägliche Nutznießerin Ihrer Lyrikzeitung – und habe schon unbeschreiblich viel von ihr gelernt und erfahren!! Deshalb möchte ich Sie jetzt einfach bitten, diesen Dank – da er schlichtweg zu groß ist, um an einem Montagmorgen zwischen allen anderen ‚Arbeitsangeln‘ geäußert werden zu können – aufschieben zu dürfen! Ich möchte ihn bitte irgendwann mit Ruhe und ‚in depth‘ aussprechen dürfen.

    Heute hätte ich nur eine große Bitte, Ihren Beitrag zu der Presseberichterstattung über Herta Müller betreffend: die Seite, welche die drei Nachrichten gebracht hat, auf die Sie bezugnehmen, war die ‚Berliner Literaturkritik‘, nicht das Rezensionsforum ‚www.literaturkritik.de‘, an dem Sie vermutlich gar nicht herumnörgeln wollten … Bitte, könnten Sie das einfach ändern??

    Ganz herzliche Grüße – und noch einmal meinen Dank für die unschätzbare Arbeit an Ihrer Webseite,
    hochachtungsvoll, Ihre sehr frohe Leserin, Pia-Elisabeth Leuschner

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