159. Lammla und andere Dichter

Am 22.9. brachte die Lyrikzeitung einen Kommentar zu einem Bericht aus Thüringen:

116. Begnadetes Thüringen

Gestern nachmittag schickte Uwe Lammla einen denunziatorischen Kommentar, in dem er mich Denunziant nennt. Hier meine Antwort.

1. Herr Lammla behauptet, ich habe in meinem Kommentar „das Bild von einer „braunen Wolke“ imaginiert“, die sich „über Thüringen zusammenballe“.  Das ist nicht richtig, weder dem Wort noch dem Sinn nach.  Offensichtlich hat er es selber „imaginiert“, um seiner Antwort die gewünschte Richtung geben zu können.
2. Er sagt, er glaubt, daß ich mich an dem Wort „begnadet“ gestoßen habe. Auch das ist nichts als Interpretation. Ich habe lediglich meine Meinung ausgedrückt, daß ich anders als sein Literaturvereinssprecher es nicht auf ihn anwende. Ein begnadeter Lyriker ist für mich nicht einer, der tausende Verse geschrieben hat, das ist für mich eine Frage der Qualität. Herr Lammla hat seine Fans, die ihn, es ist leicht im Internet zu finden, für ein Genie halten – ich gehöre nicht dazu.
3. Zutreffend ist seine Aussage, daß ich nicht zu denen gehöre, die Freude „an diesen Dingen“ habe. Jedenfalls wenn er mit „diesen Dingen“ seine eigene Lyrik meint. Nein, die bereitet mir keine Freude. Ich habe keineswegs nur das erste auf seiner Seite auffindbare Gedicht gelesen, sondern jetzt und bei früherer Gelegenheit eine größere Stichprobe, weil es zu meinen Gewohnheiten gehört, Texte auch aus (mir) entlegenen Zonen zu suchen und zu prüfen. Also auch aus vom Literaturbetrieb nicht beachteten Provinzen, seis regional, politisch oder religiös. Da findet sich viel Schrott und auch jede Menge Beachtenswertes, seine Verse gehören für mich nicht dazu.
4. Ich hatte versucht, in aller Kürze, die ein kleiner Kommentar erlaubt, zu erklären, warum ich diese Lyrik nicht für „begnadet“ halte. Mein Fazit war: „Die Reime sind rein, das Metrum einwandfrei, der Wortschatz tümlich, die Grammatik verdreht und der Sinn … je nach Geschmack kann man sagen: kraus oder ff (feierlich-feucht).“ Man könnte über Metrum und Reim durchaus mehr sagen, die reinen Reime sind manchmal platt, das regelmäßige Metrum nicht selten mechanisch. Ich habe mich auf die für mich auffälligsten Merkmale seiner Verse konzentriert.  Die Grammatik ist verdreht, offenbar aus Reim- und Metrumzwang, und auch manchmal falsch, Beispiele?

„So traut sich die Sonne nicht fragen“
„Daß wer sich Müh für echten Frieden gäbe“
„Entführt den Bläsers Traum,“
„Hier sind der Mut, der Rausch und die Geschichte
Nicht vor dem Sturm und Fluten eingedeicht,“
„Das einzigste, das der Chronist uns bot.“

(Auf die Schnelle gefunden, ohne Ihre Heimseite oder die junge Freiheit bemühen zu müssen.)
Grammatische Fehler sind manchmal erlaubt, aber wie das Volk weiß: „zuviel zerreißt den Sack“.

Bei weitem häufiger ist die Grammatik verdreht:

Von diesem Holze sind die Weiserstäbe
Zu Hoheit und Gericht in deutschen Hainen,

so weit korrekt, aber wie weiter?

Daß wer sich Müh für echten Frieden gäbe,
Zeigt, daß er wußt, mit Hasel zu erscheinen.

Wer wem was tut (wer Roß und Reiter ist), das wird allzuoft nicht gesagt. „Wer sich Müh für echten Frieden gäbe“, um Verstehen bemüht übergehe ich das falsche Pronomen; hier beginnt eine Aussage im Konjunktiv: und wie weiter? Wer sich also jene „Müh … gäbe“, der „Zeigt, daß er wußt, mit Hasel zu erscheinen.“ Erklären Sie mir jetzt nicht Grimms Märchen oder germanische Bräuche: wer Konjunktiv und Indikativ mischt, schafft Unklarheiten. Man kann die dann „poetisch“ nennen und von „poetischer Lizenz“ sprechen – ich nenne das Übermaß solcher bemüht verdrehter Stellen ein Ärgernis.
Was passiert in den letzten vier Zeilen folgender Strophe?

Und während Ortnit kämpft und stirbt,
Reift andernorts aus Gottes Plan,
Beschattet rings von Nacht und Wahn,
Der Sproß, der um die Krone wirbt,
Am stolzen Byzantinerthron
Ein Intrigant dem Kaiser steckt,
Die Untreu schuf den dritten Sohn,
Den grade die Gemahlin heckt.

Oder hier, diesmal am Anfang:

Du weißt von Begegnung und Scheiden,
Den Wunsch sich im März zu verfrühn,
Von Herrschaft und Huld, und aus beiden
Den Schmerz, und du könntest dich mühn,
Die Gärten des Gauklers zu meiden,
Die Wahrträume, hell und verworrn,
Die Liebe entfliehn und dem Leiden,
Doch niemals dem Goldenen Korn.

Die erste Zeile ist in Ordnung, in der zweiten beginnen die Rätsel: Soll das heißen, „du weißt von dem Wunsch“? Das wär verständlich, aber grammatisch falsch. Oder sind zwei unterschiedliche Konstruktionen ineinandergeschoben („du weißt von“ – „du weißt den Wunsch“)? Das konnte der thüringische Professor Galletti schöner und die geniale Friederike Kempner witziger. Ebenso wieder am Schluß der Strophe: du könntest „die Gärten … (und die) Wahrträume“ meiden, okay, aber „die Liebe entfliehn“? Das ist entweder ein grammatischer Fehler oder ein gallettianischer Gedanke, zu hoch für seine dummen Schüler (denn er war ein Schullehrer in Gotha).
„Schattierung ist wie Mutterkorn an Ähren / Und läßt sich heiter den Verwandlungsblühn.“ – Versuchen Sie es selber. Wer läßt sich wem? Oder von wem? Und was? – Ach was. Es gibt so viel echte Poesie in der Welt, warum soll ich mich lange mit mäßiger aufhalten?

5. Herr L. wirft mir Bildungsferne vor:

Wenn man die Deutschen Sagen der Brüder Grimm nicht kennt, bleiben freilich Hinzelmann und Hudemühlen ohne Sinn und man weiß auch nicht, was der Drost in dem ganzen zu suchen hat. Bildungsferne ist eben nicht unbedingt die richtige Basis, um Gedichte zu beurteilen.

Ich kenne den Drost nicht? Das ist ein Irrtum. Ich kenne sogar mehrere: Droste. Der Droste können Sie kein Wasser reichen. Die kann auch reimen. Die reimt zwar nicht wie Sie Blaugezack auf „greises Wrack“, aber: schier auf Tapetentür, Jammer auf Seelenkammer, Knirren auf Schwirren, Kehle auf Garngesträhle und Höhlenstube auf Mergelgrube. Das war vor 150 Jahren, und es ist genau und modern.
Meine Bildungsferne, nun gut. Herr Lammla sagt (jetzt nennt er mich nicht mehr Vorredner oder Verredner, sondern „Denunziant“:

Es gibt wohl „eigentümlich“ oder „volkstümlich“, gewiß aber nicht „tümlich“. Das macht aber nichts, denn eine Aussage ist nicht gewollt. Der Denunziant begnügt sich mit unheilsschwangeren Andeutungen.

O doch, das gibt es, Herr L. Es gibt den bayrischen Dichter Bertolt Brecht, vielleicht kam der in Ihrer DDR-Schule nicht vor, der sagte: „Das Volk ist nicht tümlich.“ Das ist das Gegenteil von schwangeren Andeutungen: eine klare Aussage. Und Absage. Paßt auf Funktionäre (denen wir vor 20 Jahren zugerufen haben: WIR sind das Volk! Nicht nur in Leipzig. Auch in Greifswald. Ein bißchen später als in Leipzig, aber doch: zuerst an dem Tag, als das Politbüro Honecker absetzte.) Das Volk ist nicht tümlich! (Auch dem FDP-Vorsitzenden ins Stammbuch)
„Der Wortschatz tümlich“, hatte ich in meinem Lammla-Kommentar geschrieben. Ich hätte auch mit Gottfried Benn von „seraphischem Ton“ sprechen können. Alles ist „hehr“ hier, „zaubrisch holder Laut“ säuselt, die Wälder heißen „Hain“, und wuchtig tiefer Ernst wabert und walhallt durch diese Verse. Das gibt es in manchen Volksliedern (nein, dort ist es immer genau), bei manchem romantischen und neuromantischen Dichter, das gibts auch sehr oft im 20. Jahrhundert, aber ach! an welchen Stellen?
6. Herr Lammla sagt, es sei nicht seine Art, auf jede Polemik zu reagieren. Auf meine Polemik reagiert er allerdings schon zum zweitenmal. Im Februar 2008 brachte die Lyrikzeitung einen längeren Ausschnitt aus einem im WWW gefundenen Text Lammlas. Mein Kommentar beschränkte sich auf die Überschrift „31. Wiedergeburt der deutschen Dichtung (Faul seit 1945)“ und einen Nachsatz (oder vier kurze Nachsätze). Hier Lammlas letzter Satz und meine Antwort:

Ich habe also guten Grund zu der Behauptung, daß etwas faul sei im Vaterlande, und zwar seit 1945. / Uwe Lammla

[Päng! Da war also die Welt noch heil?? Oder „nur“ die Welt der Lyrik?? Vaterland und Lyrik warn ganz schön kaputt, eh! MG]

Anlaß genug für Lammla, mir einen Brief zu schreiben, in dem er sich dagegen verwahrte, in die rechte Ecke gestellt zu werden. Er schrieb:

Sehr geehrter Redakteur,
In Ihrer Lyrikzeitung … zitieren Sie aus meiner Selbstdarstellung (www.lammla.de) den Satz „Ich habe Grund zu der Annahme, daß etwas faul sei im Vaterlande, und zwar seit 1945“ und fügen die Anmerkung an: „Da war also die Welt noch heil?“ Ich empfinde dies als Entstellung und bitte um Korrektur.
Wenn ich die Literaturpolitik seit 1945 kritisiere, habe ich deswegen keine andere gutgeheißen. Es ist jedenfalls ein Faktum, daß die deutsche Dichtung bis 1945 über die verschiedenen Gesellschaftssysteme hinweg außerordentlich produktiv und vielgestaltig war. Dann setzte ein Niedergang ein, der sich in den 60ern beschleunigt hat. Woran das liegt und ob dies bedauerlich ist, darüber kann man diskutieren. Es ist jedoch nicht korrekt, demjenigen, der diesen Niedergang diagnostiziert, ein Faible für die Zeit von 1933-45 zu unterstellen.

Ich druckte seinen Brief mit dieser Antwort:

Lieber Herr Lammla,
zunächst bin ich erleichtert über, ja dankbar für die Klarstellung, daß Ihre Zeilen nicht die „Literaturpolitik“ 1933-45 gutheißen wollten. Sie werden zugeben, daß der zitierte Satz verschiedene Deutungen offenließ. Zu den Prinzipien der Lyrikzeitung gehört, daß ich nicht jede Meinung kommentiere, die ich nicht teile. Aber einen Satz, der so verstanden werden kann, wie es bei dem von Ihnen angeführten Satz der Fall ist, kann ich nicht unkommentiert stehenlassen. Hier noch einmal Ihr Schlußsatz und mein Kommentar:

Ich habe also guten Grund zu der Behauptung, daß etwas faul sei im Vaterlande, und zwar seit 1945. / Uwe Lammla
[Päng! Da war also die Welt noch heil?? Oder „nur“ die Welt der Lyrik?? Vaterland und Lyrik warn ganz schön kaputt, eh! MG]

Das sind ein Ausruf, zwei Fragen und eine Aussage, letztere mit noch einem angehängten Ausruf. Auf die Fragen haben Sie zum Teil geantwortet. Meinen Aussagesatz lasse ich stehen: Vaterland und Lyrik waren ganz schön kaputt.
Was Sie in Ihrer Stellungnahme ein Faktum nennen, das halte ich für eine Meinung. Darüber hinaus eine, die ich nicht teile. Nehmen wir nur die 12 Jahre bis 1945: „außerordentlich produktiv und vielgestaltig“? Hinter mir, im Regal, steht meine in Jahrzehnten zusammengetragene Bibliothek der neueren deutschen Lyrik. Darunter auch zahlreiche Gedichtbände und Anthologien, die in diesen Jahren in Deutschland erschienen sind. Darunter sind ein paar Stille im Lande, wie der außerordentliche Konrad Weiß, ein paar Achtbare, auch ein paar, die neben Oden auf den Führer auch Achtbares geschrieben haben, und sonst? Soviel Beflissenheit, soviel  Flachsinn, auch flacher Tiefsinn, war selten in der Geschichte der deutschen Lyrik. Das ist eine Meinung, meine. Ich könnte Belege anführen, Sie oder andere könnten gegenhalten. Aber da Sie vom „Faktum“ reden, halten wir uns an Fakten. 1933-45 war die Vielfalt innerhalb Deutschlands doch erheblich eingeschränkt. Wieviele Lyriker (und nicht nur deutsche!) wurden verboten, ins Ausland, in den Selbstmord getrieben, zum Schweigen, zum Verstummen gebracht? Wieviele haben sich angepaßt, haben Verrenkungen  gemacht? Wieviele wurden totgeschlagen? Wieviele von servilen Kritikern und Germanisten verhöhnt, verleumdet, totgeschwiegen? Was wurde dafür hochgelobt? Wieviele künftige Talente starben als halbe Kinder im Krieg? Wieviele polnische, serbische, ungarische, wieviele jüdische Dichter, wieviele künftige Nobelpreisträger starben durch Krieg und Terror? Um nur einen einzigen zu nennen: der ungarische Dichter Miklós Radnóti wurde im November 1944 von SS-Leuten erschossen. In seiner Tasche lagen blutbeschmierte letzte Gedichte. 1967, in den von uns unterschiedlich beurteilten 60er Jahren, erschienen sie auf Deutsch. Nein, ich teile Ihre Meinung nicht (aber ich habe sie in jener Meldung ausführlich zitiert, weit mehr als einen Satz)**.

Diesmal bekam ich keine Antwort (er reagiert ja nicht auf jede Polemik).

Meine Nachricht vom 5.6. 2008 hatte noch eine Anmerkung:

**) Wer mag, lese Lammlas Gedichte, z.B. dies hier, das quasi direkt zum Thema ist. Hätte ich ihn damals genauer gelesen, hätte ich weniger zitiert oder mehr kommentiert. Sein Kamerad bin ich nun doch nicht, und seine Ästhetik? Pah, das gibts, und L&Poe ist ein Ort, zu dokumentieren und archivieren, was es gibt. Hiermit geschehen.

7. Lammla nennt mich Denunziant und Entlarver, weil ich von seinem Gedicht „Quisqualis“ schreibe, hier rede er einmal Klartext. Es handelt sich um ebenjenes Gedicht, das ich Anfang Juni 2008 in der Anmerkung kommentiert und verlinkt habe. Den Artikel der neurechten Wochenzeitung „Junge Freiheit“ vom 18. Juli 2008 kannte ich da noch nicht. Herr L. hätte es leicht über Google herausfinden können. In seinem Kommentar schreibt er:

Er hat es in Windeseile geschafft, aus 30.000 Versen genau das Gedicht herauszufinden, wo ich angeblich den Klartext rede, den ich ansonsten vermissen lasse. Dabei konnte er auf Vorarbeit zurückgreifen, denn einige Beflissene waren bereits dem Wink der „Jungen Freiheit“ nachgegangen, ich schreckte vor Tabu-Themen nicht zurück, und hatten das Gedicht „Quisqualis“ aus seinem Zusammenhang herausgelöst und zum Credo des Dichters erhoben.

Neinnein, der Vorarbeit dieses Blattes bedurfte ich nicht. Ich bin es gewöhnt, selber zu lesen, statt „Unverstandenes nach(zu)plappern“ – ich sagte es schon eingangs. Ich habe zwar nicht behauptet, daß in diesem Gedicht die „Gestimmtheit“  oder das Credo des Vieldichters stecke, aber es ist da. Und so läßt er sich herbei, darauf einzugehen:

Auch wenn einzig die denunziatorische Absicht dafür spricht, an diesem einzelnen Gedicht die Gestimmtheit meines umfangreichen Werkes festzumachen, will ich dennoch auf den Inhalt dieser Verse eingehen.

Allerdings beschränkt sich sein Eingehen auf den „Rassegedanken“, den er vor der modernen biologistischen Sicht verteidigen will:

Seit Jahrtausenden haben die Menschen mit dem Begriff der Rasse opperiert [sic], durchaus nicht nur für Pferde oder Hunde, sondern für Menschen. Auch wenn, wie ausdrücklich im Gedicht eingeräumt wird, unsere Zeit nichts von diesem Begriff wissen will, besteht er im kollektiven Unbewußtsein weiter und ist damit ein Thema des Dichters. Das Gedicht wendet sich gegen einen biologistischen Ansatz, der gerade modern und nicht tradiert ist, und interpretiert Rasse als Erbe des Glaubens. Dies hat keinerlei Überlegenheitsgeste oder irgendeinen Herrschaftsanspruch, sondern ist einfach eine Suche nach Selbsterkenntnis. Daß im Nationalsozialismus tief verwurzelte Symbole politisch eingesetzt wurden, ändert nichts daran, daß diese Symbole mit verborgenen Wünschen und Sehnsüchten
korrespondieren. Wenn es gewisse Leute nun verbieten wollen, diese Wünsche und Sehnsüchte zu kennen oder anzuerkennen, ist dies ein ganz unerträglicher Dogmatismus und geradezu das Gegenteil von Freiheit und Selbstbestimmung.

Wenn ich von Klartext sprach, meinte ich indes etwas mehr. Das Gedicht selbst bringt ja das „Sonnensymbol“ explizit in Zusammenhang mit dem Nationalsozialismus. In seinem Namen seien Verbrechen begangen worden, sagen die Lehrer dem Kind; aber etwas in ihm (der Rassegedanke eben!) wehrt sich, und schließlich erkennt der Herangewachsene, daß es vom Feind ersonnene Märchen sind. Was gibts da falsch zu verstehen? Aber davon schweigt er.

Der gehobenen rechten Postille gefällt das Gedicht. So stand es in der „Jungen Freiheit“ vom 18.7. 2008:

Sowohl die Wahl der Themen und Bilder als auch die strenge Form ihrer Verarbeitung zeigen an, daß der Autor die gegenwärtig gängigen Denk- und Werteschablonen nicht nur meidet, sondern ihnen fundamental entgegentritt. So beschwört er in „Polemos“ (Idäisches Licht) den Krieg in schicksalsschweren Versen mit Heraklit als den „Vater aller Dinge“. Die „Burg der Gefahren“ (Deutsche Passion) – das ist das hedonistisch-merkantile Treiben, welches wir als Konjunktur und Aufschwung zu sehen gewohnt sind. Uwe Lammla scheut selbst vor heißesten Eisen nicht zurück. „Bist du von Rasse …“ hebt eines seiner Gedichte an.

8. Ist Lammla ein begnadeter Dichter? Wer es glaubt, wird es sich von mir nicht ausreden lassen. Meine Nachricht vom 22.9. war eine ironische Reaktion auf einen Bericht der Ostthüringer Zeitung, der das Wort zitierte. „Thüringen, ist da noch was?“, war meine Schlußfrage. Ich frage es noch.

In seinem Buch „Erlkönig“ (bei Google-Buchsuche auffindbar) schreibt Lammla, daß er es gut fand, als ihn „ein Freund als Dichter in die Netz-Enzyklopädie Wikipedia eintrug und einen Artikel schrieb“. Den Namen des Freundes nennt er nicht. In einer alten, bei Wikipedia nicht mehr auffindbaren Fassung, die ich mir am 9.6. 2008 gespeichert habe, steht:

„Die Verse sprechen für sich. Es ist der alte Unterschied von Kunst und Gutgemeint. Lammla hat es eben, und tausend andere haben es nicht (werdens auch nie erjagen).“ Rolf Schilling, Dichter

Wer ist Rolf Schilling, Dichter?  Google weiß: „einer der bedeutendsten Dichter des 20. Jahrhunderts – wenn nicht gar der Dichter des 21. Jahrhunderts“. (Noch ein verkanntes Genie) Das steht bei einem der neurechten Szene verbundenen „Neofolk“-Seite. Auf der aktuellsten Version des Lammla-Artikels bei Wikipedia (15.8. 09) fehlt das Schilling-Zitat. Ich empfehle dies Ihrer (jetzt nicht Lammlas, sondern meiner Leser) geneigten Kenntnisnahme:

Uwe Lammla lernte nach dem Abitur in Leipzig Buchhändler und reiste nach kurzer Berufstätigkeit 1984 nach Bayern aus. In München studierte er Philosophie und gab die Werke des Dichters Rolf Schilling heraus. Er schrieb vor allem Gedichte, in jüngster Zeit auch Dramen und Essays. Im Mittelpunkt seiner Gedichte stehen der lutherische Glaube, das antike Erbe, die nationale Identität und die Heimat. Uwe Lammla ist Mitglied im Palmbaum Thüringische literarhistorische Gesellschaft Jena, in der Literarischen Gesellschaft Thüringen Weimar, im Friedrich Bödecker Kreis Erfurt, in der Wilhelm-Lehmann-Gesellschaft Eckernförde sowie in diversen Thüringer Heimatvereinen.

Dichtung

Der Althistoriker Johannes Nollé schrieb zu Lammlas Gedichten: „Lammla hat sich freigemacht von den Zwängen, Anerkennung zu finden, und damit Dichter-Freiheit gewonnen, die nur auf das hört und allein auf das ausgerichtet ist, was Bedeutung hat. Und wie für Hölderlin die Dichter frei sind wie Schwalben, hängt sich Lammla an die vielgestaltigen Vogelzüge, die ihn mit der Traumwelt, d.h. mit der göttlichen Offenbarung, in Verbindung bringen.“[1]
Seiner Ankennung unter allerlei fachfremden Wissenschaftlern (Historiker, Theologen, Chemiker, Biologen, Wirtschaftswissenschaftler, Politologen) steht ein weitgehendes Schweigen der Literaturkritik und Literaturwissenschaft gegenüber. Dies könnte damit zusammenhängen, dass Lammla in seinem dichterischen Stil und auch in seinen teils polemischen Essays die Gegenwartsliteratur angreift und ablehnt. Thematik und Formenkanon speisen sich vor allem aus der deutschen Tradition vor 1960. Unbestritten scheint die Vielfalt der Themen, die er in tradierten Formen gestaltet. Sogar seine Dramen zu antiken und mittelalterlichen Stoffen, aber auch über die letzte Fürstin von Schwarzburg-Rudolstadt, die 1951 in der DDR starb, sind in gereimten Jamben ausgeführt. Eine Nähe zu rechtskonservativem Denken zeigt er mit seinen Beiträgen im „Jahrbuch für Natur und Mythos“[2].

[Hinweis: das hier Eingerückte ist ein Wikipedia-Artikel – nicht von mir und nicht meiner Meinung]

Lammla in L&Poe:

2008    Feb    #31.    Wiedergeburt der deutschen Dichtung (Faul seit 1945)
2008    Jun    #22.    Antwort
2009    Mrz    #143.    Neue Generation?

(Alle archivierten Beiträge über den Button Archiv erreichbar – einfach Jahr, Monat + Nummer suchen)


2 Comments on “159. Lammla und andere Dichter

  1. Ich fand auf Anhieb ein Gedicht Uwe Lammlas. Hier der Anfang.
    (ZUEIGNUNG – Die Huldin herrscht, und ihre Feinde schlug / Ihr Glanz, der keinen Grund und keine Zahl / Für Bilder, klanglos noch im Morgenstrahl, / Und Klänge kennt, die Bilderloses trug. / Die Winde lau und die Gestirne fahl / Erweckte erst der dunklen Schwinge Flug, / Versehrt – so mit dem allerhöchsten Fug / Geriet zum Wort, was dir der Fremde stahl.)
    Diese Probe ist poetologisch grossvaterhaft. Es zeigt mir aber, dass es dem Autor offenbar un die Vermittlung von Botschaften geht. Der Gedicht-Gestalt tu er immer wieder Gewalt an. Die Beispiele von Unbeholfenheit und verzopftem Sprachgebrauch halten mich davon ab, mehr von dieser Nicht-Poesie zu lesen.

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