144. Neue politische Gedichte

Sie kommt rechtzeitig zur Bundestagswahl, diese Anthologie mit „Neuen politischen Gedichten“. Moralisch Angesäuertes oder politisch Korrektes sei von den 26 Autoren nicht zu erwarten, verspricht der 1970 geborene, in Ostberlin aufgewachsene Herausgeber Tom Schulz, einer der bekanntesten Lyriker der jüngeren Generation. Seine Zusammenstellung – viele Namen kennt man aus dem „Lyrik von jetzt“-Band, mit dem sich seine Generation zum ersten Mal gebündelt vorstellte – will den Leser angesichts unseres „Zeitencrashs“ mit dem politisch wie poetisch „Wagnisbehangenen“ aktueller Lyrik konfrontieren, „erst recht in einer Zeit, in der die Weltrisikogesellschaft Kurs aufgenommen hat, ihre Endprozesse zu beschleunigen. In einer Zeit, in der die Finanzkonstrukte in ein solches Wanken geraten sind, dass man den schiefen Turm der transnationalen Wirtschaften kippen sieht, ins Bodenlose.“ Ist hier die Musik drin, die im Wahlkampf so lauthals vermisst wird?

Thematisch ist alles geboten. Von Armut und globaler Ausbeutung über Terrorismus und Überwachung bis häusliche Gewalt, Prekariat und Arbeitslosigkeit. Ein „hartz-IV-lied“ gibt es, aber keine Ode an den Mindestlohn. Tendenzdichtung ist out, selbst in ihrer klügsten und schönsten Form. Kein Echo auf Heinrich Heine, Bertolt Brecht bedenkt man milde ironisch, von Biermann und anderen wird geschwiegen. Das Motto liefert der postmoderne Kurzprosaist Donald Barthelme: Das Geheimnis zur Veränderung der Welt liege in der Sprache. Nur der alte „onkel auf dem schreibtischstuhl / faselt noch von solidarität“, erklärt entsprechend René Hamann „das ende der arbeit“: „alles nimmt ab, alles wird gefilmt.“ Damit kritisiert er nicht nur die Allgegenwart der Überwachungskameras, sondern beschreibt zugleich Auswirkungen auf das Schreiben. Denn viele Gedichte wirken, als buchstabierten sie Filmstills und Medienbilder aus. Tom Bresemanns flotte Wortspielereien werden dabei explizit: „im fernsehen grassieren flüchtlings-/ camps, supported by reebok“. …

„Liebesnot“ attestiert Thomas Kunst den „jungen Büchern auf den deutschen Messen“. Dort werde die „Flucht aus zweiter Hand“ nur „ausgesessen“. Seine humorvollen Sonette gehören zu den Höhepunkten des Bandes. So erfindet die Sammlung die politische Lyrik nicht neu. Aber sie zeigt die Lebendigkeit des Genres… / Thomas Wild, Tagesspiegel 26.9.

Die Sammlung ist zartes Lesevergnügen, fein düngen uns die sanften Gedanken der zerbrechlichen Teilnehmer den Tag. Arbeitslosigkeit, Flaschensammlerschicksal, Gentrifizierung, Ausbeutung, Kapitalismus sind Themen der Kombattanten und wir reichen ihnen gern unser Ohr. Haut die Hedonisten unserer Tage in den Sack! / Frank Willmann, Kalaschnikow 19.9.

Alles außer Tiernahrung: Neue politische Gedichte, Tom Schulz (Hrsg.), 144 Seiten, Rotbuchverlag 2009, 16,90 Euro

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