98. Klaus Wagenbach über DDR-Literatur

Die 50er Jahre waren voller Hoffnung, selbst für einen Dichter wie Reiner Kunze, und man vergisst immer, dass eine Reihe von Autoren vom Westen nach dem Osten gewechselt sind – Stephan Hermlin, Wolf Biermann, Peter Hacks, Adolf Endler, um nur einige zu nennen. Ihre Hoffnungen galten einem Staat, in dem jedes Kuhkaff ein Klubhaus und jede Kleinstadt ein eigenes Theater hatte, in dem jeder größere Betrieb und jede Kaserne über eine Bibliothek verfügte und in dem es sogar ein Literaturinstitut gab. Und es gab – das war mein besonderer Neid – das „Poesiealbum“.

Ein monatliches Lyrikheft, das man für 90 Pfennige an jedem Kiosk kaufen konnte.

Das war natürlich ein Traum für mich! Jetzt haben wir dieses ganze Erbe am Hals, jetzt sind wir die Erben. Ob wir es wollen oder nicht, das ist deutsche Literatur … Kurz und gut, wir haben gewartet, und es kam nichts. Und diese DDR-Anthologie, die wir jetzt gemacht haben, war ein Lieblingsprojekt von mir. Ich hatte doch angefangen mit DDR-Literatur, 1960, als ich noch Lektor beim S.Fischer-Verlag war. Damals habe ich Peter Huchel zum ersten Mal gedruckt, Hermlin, das erste Buch von Christa Reinig. Also, das Gelände war mir vertraut. Es ging uns, wie wir es auf der Rückseite des Schutzumschlags zum Ausdruck bringen, darum, die schönsten, charakteristischen, vergessenen oder verbotenen Gedichte in Erinnerung zu bringen. Zum Beispiel „Schwarze Bohnen“ von Sarah Kirsch. Ein wunderbares Gedicht, ganz bescheiden, ganz einfach, ganz unpolitisch – und trotzdem tobende Reaktionen! Es erschien damals bei mir im „Tintenfisch“, dem Jahrbuch für Literatur, und hat in der DDR furchtbare Reaktionen ausgelöst.

Weil es „dekadent“ war?

Nein, weil die Kulturpolitiker entsetzlich dumm waren. Ich nenne nur Alfred Kurella und die Kafka-Konferenz 1963 in Liblice. Er hat es nicht verstanden. Und sie haben auch bei Sarah Kirsch nur gesehen, da beschreibt eine Autorin, wie sie Kaffeebohnen kleinmacht und hinterher die Bohnen wieder zusammensetzt. Ein sehr merkwürdiger, schöner Vorgang. Es war dieses Unverständnis, was dann ganz klar in dem berüchtigten Plenum im Dezember 1965 zutage trat, wo Ulbricht wörtlich gesagt hat, die DDR ist ein sauberer Staat. Sauberer Staat – da habe ich mir immer vorgestellt, wie einer an dem Staat rumschrubbt. Und dann fiel der fatale Ausdruck, wir dulden keine Anarchisten. Wenn das Wort „Anarchist“ fällt, sage ich als Verleger, sind die Lyriker immer vorgewarnt. Denn Dichter sind geborene Anarchisten, denen fällt, wenn der Tag lang ist, viel ein und sehr viel Divergierendes. …

Manche sagen, aus der DDR würden höchstens zehn, zwölf Dichter bleiben.

Zehn, zwölf? Das ist viel! Da muss ich auch im Westen ganz ordentlich zählen, bis ich zwölf zusammenkriege.

(…)

Hilbig ist ein klassischer Fall. Der wäre im Westen wahrscheinlich kein Lyriker geworden. Der ist in der ganzen Ambivalenz ein echtes DDR-Produkt. Eddie Endler auch. Die haben sich zu Tode gesoffen – eine Art stiller Freitod.
/ Frank Quilitzsch, Thüringische Landeszeitung 18.9.

100 Gedichte aus der DDR. Hrsg. v. Christoph Buchwald und Klaus Wagenbach, Verlag Klaus Wagenbach, Berlin, 160 S., 16,90 Euro

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