5. Dantes Allegorie und die wirkliche Hölle

Ein lang verborgener, auch aus politischem Kalkül versteckter und durch Zensur beschädigter Epitaph ist geborgen, ein Monument jiddischer Literatur, in das die Namen der Opfer eingemeißelt sind. Hubert Witt, dem aus Breslau stammenden Leipziger Germanisten und Übersetzer mittelhochdeutscher und jiddischer Dichtung, sowie dem Schweizer Verleger Egon Ammann ist ein ungeahntes, in dieser Größenordnung vielleicht letztes Fundstück jiddischer Literatur zu verdanken.

Wer in Abraham Sutzkevers „Gesängen vom Meer des Todes“ und in seinem Bericht über das „Wilner Getto 1941-1944“ zu lesen beginnt, dem öffnet sich ein zweiflügliges Höllengemälde aus Gedichten und Prosa, das sowjetische wie auch litauische und selbstverständlich deutsche Antisemiten lieber endgültig zugeklappt hätten. Selbst Sutzkever schreibt in der Sorge, die Trauer zu entehren, weil Worte auch verraten können. Dennoch will sich Abraham Sutzkever mit Dante messen, fragt ihn, ob er „ein Weilchen die Höllen vertauschen“ mag. „Ich spaziere in deiner, und du in den wirklichen Feuern … du bleibst Alighieri, und deine Hölle bleibt Allegorie.“ Sutzkevers Hölle war blutige Wirklichkeit. / Herbert Wiesner, Die Welt 1.8.

Abraham SutzkeverAls ich am 22. Juni frühmorgens das Radio anmachte, da sprang es mir entgegen wie ein Knäuel Eidechsen: ein hysterisches Geschrei in deutscher Sprache. Aus all dem Lärm folgerte ich nur: Das deutsche Militär war über unsere Grenzen ins Land gedrungen.

Abraham Sutzkever
Wilner Getto 1941-1944 – Gesänge vom Meer des Todes
Aus dem Jiddischen von Hubert Witt
2 Bände in Schuber, 272 und 192 Seiten
Gebunden mit Schutzumschlag
Subskriptionspreis bis 31. Dezember 2009
EUR (D) 34.95 /
CHF 56.90 (UVP) /
EUR (A) 36.00
ISBN 9783250105329

[Natürlich muß man das lesen, wenn auch leider, leider keine zweisprachige Ausgabe und nicht mal eine kleine Probe des Originals. Die zweisprachigen Ausgaben waren doch Ammanns Markenzeichen.] –

Weil ich keinen Originaltext Sutzkewers habe, hier eine Probe aus dem Poem „Luftblumen“ von Lew Berinski

Der Wint fun di Alpn, der Fön, di magnetische Wjuge,
wos macht schojn meschuge
dem gantsn Perzon-Baschtand fun militerischer Baze
in Schlof, in a Faze
fun Schtarbn tsi Chaleschn, in di barimte  Kazarmes
fun far der Milchome, un schpeter, wen naket un borwes
derschlepn zich flegn aher di Farwoglte, fun di Katsetn…

Wjuge: Fallwind
Baze: (Militär-)Basis
Faze: Phase
Schtarbn: Sterben
zi: und, oder
Chaleschn: Ohnmacht
Kazarmes: Kasernen
far der Milchome: vor dem Krieg
borwes: barfuß
derschlepn zich aher: sich herschleppen
Farwoglte: Verschleppte
Katsetn: wie mans spricht

3 Comments on “5. Dantes Allegorie und die wirkliche Hölle

  1. Pingback: 99. Zum Tod des jiddischen Dichters Abraham Sutzkever « Lyrikzeitung & Poetry News

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