49. Entdeckungsgeschichten

Noch einmal Rotbuch

Im Gespräch mit der FR (27.2.) sagte der ehemalige Rotbuch-Lektor F.C. Delius auch:

In kaum einem anderen Verlag wurden, im Verhältnis zur Titelzahl, so viele Autoren entdeckt und erfolgreich: Peter Schneider, Aras Ören, Heiner Müller, Thomas Brasch, Peter-Paul Zahl, Karl Mickel, Stefan Schütz, Bodo Morshäuser, dazu Autoren, die von anderen Verlagen kamen, wie Helga Novak, Christian Geißler, Jürgen Theobaldy. Und nach meiner Zeit Herta Müller, Libuse Monikova, Richard Wagner, Emine Özdamar, Birgit Vanderbeke, und das sind noch lange nicht alle. Die Autoren waren das Programm.

Ich überlege. „Entdeckt“ scheint sich da auf den (west-)deutschen Buchmarkt zu beziehen. Der ist natürlich wichtig, auch für die Autoren. Ich, zum Beispiel, habe von den genannten Autoren Peter Schneider und Peter-Paul Zahl in Rotbuch-Bändchen entdeckt. Die kursierten im Freundeskreis, und manche (Kurt Bartsch, Adolf Endler, Sascha Anderson fallen mir ein) las ich per Fernleihe im Lesesaal der Universitätsbibliothek Greifswald oder in den großen Bibliotheken in Leipzig und Berlin. Heiner Müller, Karl Mickel waren natürlich längst bekannt und über den Status von Geheimtips hinaus, bevor sie bei Rotbuch erschienen. Die entdeckte ich in Büchern (Mitteldeutscher Verlag, Reclam Leipzig, Henschel) und Zeitschriften (Sinn und Form, Theater der Zeit). F.C. Delius entdeckte ich in einem Band beim Aufbau Verlag. Erst in den 90er Jahren konnte ich seine Bücher von Rotbuch oder Rowohlt kaufen. Erstaunt las ich da ein Gedicht, das nicht nur im Titel (Hofgeschrei), sondern auch im Text nahezu wörtlich mit einem Gedicht von Karl Mickel übereinstimmte. Insider-Scherz, Gruß über die Mauer, Plagiat? Ich weiß es nicht.

Herta Müller oder Richard Wagner wiederum konnte man in einer wunderbaren und zugleich sonderbaren schmalen, auf schlechtem Papier gedruckten Zeitschrift entdecken. Sie hieß „Neue Literatur“ und wurde vom Schriftstellerverband der Sozialistischen Republik Rumänien herausgegeben. Man konnte sie in großen Zeitschriftenläden kaufen und auch abonnieren. Wie so manche Abonnements endete auch dieses im Jahre 1990 (ich weiß nicht mehr, ob durch meine Nachlässigkeit?) Damals jedenfalls begann jedes Heft mit unsäglichen Elogen auf den Conducator Ceausescu. Unmittelbar daneben konnte man dann Prosa von Herta Müller oder Gedichte von Wagner, Bossert, Seiler, Hodjak, Samson, Lippet, Söllner oder Schlesak lesen. Ein wunderbares diebisches Lesevergnügen. Die Hefte von den Endsechziger Jahren bis 1990 liegen heute im Falladahaus in Greifswald und können auf Anfrage benutzt werden.

Wie sagte Willi Brandt (oder war es Thierse? Oder Herodot? Die Zeit vergeht!): „Laßt uns einander unsere Entdeckungsgeschichten erzählen.“

 

 

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