95. Koloniale Lebenslüge Frankophonie?

44 französischsprachige Schriftsteller, darunter Tahar Ben Jelloun, Édouard Glissant, Jean-Marie Gustave Le Clézio, Erik Orsenna und Jean Rouaud, haben in der Literaturbeilage von Le Monde am 16.3. ein Manifest gegen die französische Lebenslüge der Frankophonie veröffentlicht. Sie wollen nicht länger als Exoten am Rande gesehen werden. Titel ihres Manifests: „Für eine „Weltliteratur“ auf Französisch“. Es beginnt so:

Später wird man vielleicht von einem historischen Augenblick sprechen: Der Prix Goncourt, der Grand Prix du roman (Große Romanpreis) der Académie française, der Renaudot, der Fémina und der Goncourt des lycéens (Goncourt-Preis der Gymnasiasten) gingen im letzten Herbst an Autoren, die nicht in Frankreich leben. Einfacher Zufall, der ausnahmsweise Talente aus der „Peripherie“ traf, bevor der Fluß in sein Bett zurückfließt? Wir denken im Gegenteil: kopernikanische Revolution.

Die Idee einer Weltliteratur auf Französisch liege in der Luft, schreibt Radio Canada. Im letzten November sprachen der Franzose Jean Rouaud und der Franko-Kongolese Alain Mabanckou bei einer Veranstaltung in Bamako, Mali über das Thema. Jean Rouaud schrieb: „Die französische Sprache hat die Insel der Stadt verlassen, um einen Archipel zu bilden.“

JOHANNES WILLMS berichtet in der SZ vom 17.3.

Zum Vergleich verweisen sie auf die glücklichen „Kinder des einstigen britischen Imperiums“, die sich längst einen legitimen Platz in der englischsprachigen Literatur erobert hätten, eine Feststellung, die sich kaum bestreiten lässt. Fragt sich also durchaus zu recht, warum den auf Französisch schreibenden Autoren aus Afrika, aus Haiti oder von den Antillen bislang nicht das nämliche Glück beschieden ist wie jenen. Die naheliegende Antwort, die von den Autoren des Manifests gegeben wird, stellt das Konzept der „Francophonie“ in Frage. Niemand, so heißt es, spreche oder schreibe „francophon“, alle bedienten sich lediglich des Französischen als Sprache, um die Erfahrungen und Farben ihres je eigenen kulturellen Seins und Erlebens auszudrücken. Die „Francophonie“ aber sei der zähe Zuckerguss, der alle Unterschiede verkleistere und damit der restlichen Welt die Existenz der Kultur und Sprache eines bloß virtuellen Landes vorgaukele.

Deshalb gelte es, die Fesseln der „Francophonie“, dieses letzten kolonialen Betrugs aufzusprengen, damit endlich das Französische als eine Weltliteratursprache ins Leben treten, Künstler und Erzähler dem noch immer Unbekannten in der Welt eine Stimme und ein Gesicht geben können.

Frankophonie in L&Poe: 2005 Jun #44. Unsichtbare Literatur; Jun #101. Doppelsprache; Jul #17. Poésie congolaise; Aug #68. Über die frankophonen Literaturen; Nov #51. Kateb Yacine: ein Leben, eine Legende; 2006 Feb #82. Senghor-Jahr; Mrz #20. „Adelf“ und afrikanische Spiritualität; Mrz #97. Es gibt sie immer noch; Dez #47. Senghor 1

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