Statement der Literaturwerkstatt Berlin zum Artikel von Andreas Kilb in der FAZ vom 1.3.2007

Das poesiefestival berlin ist kein „regionales Ereignis“, sondern ein Festival mit internationaler Wirkung

Das poesiefestival berlin und das internationale literaturfestival berlin sind nicht miteinander vergleichbar

Eine Biennalisierung schadet beiden Festivals

Berlin glänzt durch seine Kreativität. Keine andere Stadt Deutschlands beherbergt so viele Künstler aller Sparten. Das Kulturleben Berlins erregt weltweit Aufmerksamkeit, die Marke „Made in Berlin“ steht international für experimentierfreudige Kultur. Ein Image, das sich auf Deutschland als Ganzes auswirkt.

Zu diesem Image tragen wesentlich zwei jährlich stattfindende Festivals bei: Das poesiefestival berlin und das internationale literaturfestival berlin. Der Bund hat – wie lange bekannt – die Biennalisierung der beiden Festivals vorgeschlagen. Das wäre für beide das Ende. Der Kontakt zu Publikum und Künstlern würde verloren gehen, die Festivals könnten nicht kontinuierlich arbeiten, Sponsoren würden abspringen etc. Andreas Kilb hat das in seinem Artikel in der FAZ vom 1.3.2007 richtig beschrieben. Die beiden Festivals jetzt gegeneinander auszuspielen, wie Kilb das tut, wird aber keinem der beiden gerecht und sägt auch für das internationale literaturfestival am Ast, auf dem es sitzt. Beide Festivals haben unterschiedliche Zielgruppen und Arbeitsweisen und vor allem: Ihre Inhalte sind nicht vergleichbar.

Während das internationale literaturfestival die verfügbaren großen Namen der Bestsellerlisten versammelt und dabei naturgemäß hauptsächlich auf Prosa setzt, bringt das poesiefestival berlin jedes Jahr eine Kunstform an ein großes Publikum, die sonst von der Öffentlichkeit wie vom Feuilleton wenig beachtet wird: Die Poesie. Eine Kunstform, die zwar nicht Massen anspricht wie Belletristik, aber zur wichtigen Hochkultur einer Nation gehört. Das poesiefestival berlin ist ein unverzichtbares Instrument innerhalb eines Gesamtkonzepts, das der Dichtung in unserem Land wieder zu mehr Geltung verhilft. Das poesiefestival berlin entwickelt dazu stetig aufs Neue innovative Formate und Präsentationsformen, die weltweit Nachahmer finden, wie z.B. den ZEBRA Poetry Film Award und das Präsentationsmedium des Festivals, lyrikline.org. Es lotet das Poetische als Sprachkunst aus und setzt es in Beziehung zu anderen Künsten. Das Festival ist multimedial und verknüpft Poesie und die anderen Künste: Tanz, Musik, Theater, Digitale Medien.. Damit ist es einzigartig in Deutschland und das größte in Europa. Es ist, im Gegensatz zum Prosafestival der Berliner Festspiele, kein „Abspiel“- sondern ein „arbeitendes“ Festival, ein Labor, in dem Sprachformen erforscht und weiter entwickelt werden: Über 60 Dichterinnen und Dichter aus Deutschland sind Dank des poesiefestival berlin erstmals im französisch-, spanisch-, keltischsprachigen Raum, in osteuropäischen Sprachen oder in Australien erschienen; und zwar in Buchform. Das gilt auch in der Umkehrung. Für hunderte Dichterinnen und Dichter ermöglichte das poesiefestival berlin erste Publikationen in deutscher Sprache. Produktionen des poesiefestival berlin aus dem Bereich Komposition, Text/Tanz, digitale Poesie treten nach dem Festival ihre Reisen zu Veranstaltern rings um den Globus an. Das poesiefestival berlin arbeitet mit den wichtigsten internationalen Dichtern zusammen, einige davon sind auf dem Festival zum ersten Mal in Deutschland aufgetreten. Mit dabei waren u.a. schon Büchner-Preisträger Elfriede [sic] Mayröcker, Volker Braun, Wolfgang Hilbig, und Durs Grünbein, Booker-Preisträger Ben Okri, Träger des Pasternak-Preises Gennadij Ajgi, die Songwriterin Laurie Anderson, Gewinner des Robert Kirsch-Preises Lawrence Ferlinghetti sowie Pulitzer-Preisträger Paul Muldoon.

lyrikline.org, Medium des Festivals, Grimme-Preis-prämiiert und mit UNO-Prädikat ausgezeichnet, zählt über 2 Millionen Besucher weltweit. Aktuell arbeiten Institutionen aus über 30 Ländern im Verbund der lyrikline.org aktiv mit.

Der ZEBRA Poetry Film Award, international außerordentlich erfolgreich, ist die weltgrößte Plattform und der wichtigste Wettbewerb für dieses neue Filmgenre und wird alle zwei Jahre im Rahmen des poesiefestival berlin vergeben.

In der Tat übernimmt das poesiefestival berlin gesamtstaatliche Aufgaben in der Vermittlung und Verbreitung von Poesie in zeitgenössischen künsteübergreifenden und medialen Formaten. Es ist erste Adresse bei Dichtern aus aller Welt. Das poesiefestival berlin ist zudem bestens vernetzt mit und in der „Staralliance“ der Poesie-Festivalmacher und erste Adresse bei Veranstaltern und Festivalmachern aus aller Welt, die regelmäßig an den vom poesiefetival berlin angebotenen Colloquien und Kursen zur Vermittlung zeitgenössischer Poesie teilnehmen. Das Festival hat es innerhalb kürzester Zeit geschafft, Dichtung in deutscher Sprache wieder international wahrnehmbar zu machen.

Hier regionalen Stellenwert zu entdecken, wie Herr Kilb das tut, ist nicht nur deplaziert, offenbar schlecht recherchiert und FAZ-unwürdig, es unterstellt auch den Jurys und Gremien der Kulturstiftung des Bundes und des Hauptstadtkulturfonds schlimmste Inkompetenz. Schließlich dürfen dort per Satzung nur Projekte mit gesamtstaatlichem Wirkungsrahmen gefördert werden.

Richtig ist, Bund und Land müssen endlich Entscheidungen treffen. Eine Biennalisierung beider Festivals wäre ein schlapper politischer Kompromiss, der entweder das Aus oder die tatsächliche Provinzialisierung beider Festivals zur Folge hätte.

Einer Bundeshauptstadt stehen beide Festivals gut an. Der Leiter der Literaturwerkstatt Berlin, Dr. Thomas Wohlfahrt, hat kürzlich dem Intendanten der Berliner Festspiele, Dr. Joachim Sartorius, vorgeschlagen, gegen den Gedanken der Biennalisierung der beiden Festivals gemeinsam aufzutreten. Die Antwort der Festspiele steht aus.

Boris Nitzsche

Presse- und Öffentlichkeitsarbeit

Literaturwerkstatt Berlin

Knaackstr. 97

10435 Berlin

Tel: [+49. 30] 48 52 45-24

Fax: [+49. 30] 48 52 45-30

e-mail: nitzsche@literaturwerkstatt.org

http://www.literaturwerkstatt.org

http://www.lyrikline.org

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