88. Scots Makar

Das haben die alten Briten gut gemacht: daß sie den griechischen „Poeten“ mit „Makar“ übersetzten: Macher (Hans Sachs läßt grüßen: Schuhmacher. Liedermacher. Versmacher). Die zum Tiefsinn strebenden Deutschen wählten den „Dichter“ (der „irgendwie“ nicht immer ganz „dicht“ ist? Jedenfalls was Höheres als ein Schuster.)
Offenbar hat das Wort zwar nicht im Englischen, aber im Schottischen überlebt – und wird jetzt gar zum nationalen Symbol:

Spätestens am 16. Februar muss es jedermann klar geworden sein, wie sehr den Schotten ihre Autonomie am Herzen liegt, brach doch das Land an diesem Tag mit einer 336-jährigen Tradition und bestellte seinen eigenen Hofdichter. Dieses unbezahlte Amt eines Scots Makar – der Begriff stammt aus dem 15. Jahrhundert – wurde mit dem 74-jährigen Edwin Morgan besetzt und soll laut den Worten des ersten schottischen Ministers, Jack McConnell, die nationale Identität und das nationale Selbstbewusstsein stärken helfen. Die Reaktion in England? Er fühle sich in keiner Weise bedrängt, sagte der seit 1999 als Poet Laureate der Königin amtierende Andrew Motion – schliesslich ernenne Ihre Majestät nur einen Hofdichter. Dass jetzt Wales nicht hinter Schottland zurückstehen will, war zu erwarten; für den Posten eines walisischen Poet Laureate sollen denn auch bereits Grahame Davies, Menna Elfyn, Gillian Clarke, Tony Curtis und Robert Minhinnick im Gespräch sein.

Bemerkenswert ist immerhin, dass Andrew Motion seit seiner Berufung nie ein schottisches oder ein walisisches Ereignis besungen hat – und dass der Hofdichter immer ein Engländer, also nie ein Schotte, Waliser oder Ire war. Bemerkenswert ist weiter auch, dass, seit John Dryden im Jahr 1668 zum Poet Laureate ernannt und dafür alljährlich mit einem Fass Kanarienwein entlöhnt wurde, diese Würde stets Männersache war. So wurde, als 1892 Tennyson starb und vielen Christina Rossetti für die Nachfolge richtig schien, das Amt zwei Jahre lang nicht besetzt – eine Dichterin passte eben nicht zur dem Königshaus genehmen, fast mythischen Vorstellung von der Lyrik als einem von Mann zu Mann weitergereichten, heiligen Kelch. Dann, 1894, war auch Christina Rossetti tot – und die Sache der Männer gerettet. Ob jetzt die Waliser dieser Tradition endlich einen Stoss versetzen werden? Im oben genannten Quintett sind immerhin zwei Frauen; eine davon, Menna Elfyn, schreibt in der englischen und in der walisischen Sprache. / Georges Waser, NZZ 23.2.04

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